Aarau

Vor dem Kaufhaus hielt die Postkutsche

Die Kurs-Kutsche Aarau–Frick vor dem ehemaligen Gebäude der Postfiliale Kaufhaus. zvg

Die Kurs-Kutsche Aarau–Frick vor dem ehemaligen Gebäude der Postfiliale Kaufhaus. zvg

150 Jahre lang wurden im alten Kaufhaus Postgeschäfte abgewickelt –nun zieht die Post aus. Mit der Aufgabe der Aarauer Postfiliale Kaufhaus geht im kommenden Monat März eine über 150-jährige Geschichte zu Ende.

Während in der Bernerzeit und noch in den Jahren der Helvetik die Familie Fischer für den privaten Postdienst sorgte, erhielt der Aargau mit der Gründung 1803 eine eigene «Kantonalpost».

Die erste Direktion und das Hauptpostamt in Aarau mieteten sich mangels eigener Räumlichkeiten in den ersten Monaten vorerst im Gasthof zum Löwen ein. Hier befand sich auch die Pferdewechselstation für den Kutschenbetrieb. 1805 zügelte die Post ins nahe Geleithaus an der Bahnhofstrasse Nr. 4, ungefähr dort, wo mit der modernen Behmen-Überbauung um 1970 das Restaurant Rendez-vous entstanden ist.

Post wurde zum Bahnhof verlegt

Mit der rasanten Entwicklung des Eisenbahn-Zeitalters verlegte man 1859 den Postbetrieb in den Westflügel des neuen Bahnhofgebäudes, zehn Jahre später aus Platzgründen in einen Neubau an der Westseite des Bahnhofplatzes.

Erst 1915 eröffnet wurde das im Jugendstil gestaltete Gebäude gegenüber dem Bahnhof, in dem noch heute die Aarauer Hauptpost untergebracht ist. Seit Jahren hat sich an diesem Ort auch die Aarauer Stadtverwaltung mit der Stadtpolizei, den Sozialen Diensten und dem Steueramt eingemietet.

Vor allem den Gewerbetreibenden in der Altstadt war die «Auslagerung» der Post an die Peripherie damals ein Dorn im Auge. Man pochte vehement auf eine «Filiale» im historischen Zentrum. Mit Erfolg: Nach einem kurzzeitigen Provisorium konnte zwischen den Toren (heute Haus Nr.10) am 1.März 1867 die Zweigstelle im alten Kaufhaus an der Metzgergasse, das den Ortsbürgern gehörte, eröffnet werden.

Auf das gleiche Datum hin kam auch der Telegraf in die Altstadt. Am 1. Januar 1887 wurde in Aarau das erste Telefonnetz mit 88 Teilnehmern in Betrieb genommen. «Die vom Kaufhaus ausgehenden Freileitungen überspannten die Dächer der Stadt wie ein Spinnennetz», steht in der «Postgeschichte von Aarau» geschrieben, die 1988 vom Verein für Briefmarkenkunde zum 100-Jahr-Jubiläum publiziert worden ist.

Der weithin sichtbare Telefon-Zentralständer auf dem Dach des Kaufhauses war damals «sozusagen das Wahrzeichen der Postfiliale», heisst es weiter. 1915 konnten dann die Telefon- und Telegrafen-Anlagen in die neue Hauptpost am Bahnhofplatz gezügelt werden.

Hier deponierten Kaufleute Waren

Im städtischen Kaufhaus hatten im Spätmittelalter und während der Bernerzeit durchreisende Kaufleute und Händler auf Geheiss der Obrigkeit ihre Waren zu deponieren, wobei unter gewissen Auflagen im Haus auch Handel getrieben werden durfte. Der Name des Restaurants Waage schräg gegenüber an der Metzgergasse erinnert noch heute an diese ehemalige Funktion.

Im 19.Jahrhundert ging die ursprüngliche Bedeutung des Kaufhauses verloren. Nach dem Ersten Weltkrieg befand sich die Liegenschaft der Postfiliale in einem erbärmlichen Zustand. Sie musste 1920 abgebrochen werden und erhielt in Form eines Neubaus die heutige Gestalt.

Haus ist typischer Historismus-Stil

Das markante Eckhaus an der Metzger-/Laurenzentorgasse ist ein Werk der Architekten Adolf und Emil Schäfer. Es ist ein typisches Beispiel für den Stil des Historismus mit erfundenen Formen aus Elementen der Renaissance und des Spätbarocks.

Der Ziergiebel nach dem Vorbild des Rathauses soll auf ein öffentliches Gebäude hinweisen. Am 1. Dezember 1921 stürmten die ersten Postkunden die brandneuen Lokalitäten. Das Haus beherbergte bis in die 60er-Jahre im ersten Stock auch die Aarauer Stadtbibliothek. Nach gut 90 Jahren ist diese Herrlichkeit nun in wenigen Wochen vorbei.

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