Ein mächtiger Schnauz, auf der Nase die kugelrunde Brille, in der Brusttasche das rote Büchlein. Das war sein Grossvater. Der kleine, feine Mann, stets bestens gekleidet, ruhig und zurückhaltend. Der weitsichtige Patron, der stets alles Wichtige und die Kennzahlen in sein rotes Büchlein notierte. Der stille Tüftler, der in einer kleinen Werkstatt im «Hammer» an Brot- und Käseschneidmaschinen pröbelte und schliesslich eine Knetmaschine erfand, die tausendfach ins Ausland exportiert wurde.

Der Mann, der Aaraus Industriegeschichte geprägt hat, der zu Lebzeiten nie gross in Erscheinung getreten ist – und der Mann, nach dessen Name nun ein ganzes Quartier benannt wird: Friedrich Aeschbach, Gründer der «F. Aeschbach AG» im Torfeld Süd, Robert Aeschbachs (62) Grossvater.

Zahlreiche Kindheitserinnerungen

Friedrich Aeschbach ist lange vor Roberts Geburt gestorben, er kennt seinen Grossvater nur von Aufnahmen und aus Erzählungen. Aber Robert Aeschbach ist mit der Firma aufgewachsen, die Firma hat ihn geprägt, er hütet das Vermächtnis der Familie, die alten Verkaufsbücher und Prospekte, die Aufnahmen des Firmengeländes. Und er hat eigene Erinnerungen, Kindheitserinnerungen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, als Vater Fritz Aeschbach die Firma führte.

An die Arbeiter, wie sie jeden Morgen vom Bahnhof her ins Quartier strömten, ein Reigen in blauen Schürzen, dazu das Hornen der Fabriksirenen. An die Nachmittage mit den Kindern aus dem Quartier, Arbeiterkinder und die Kinder der Patrons, als sie alle gemeinsam durch den verbotenen Garten des Kantonsspitals hetzten und hinterher die tobenden Spitalgärtner, als ultimative Mutprobe.

Und er erinnert sich an die Sonntagmorgen, wenn Vater noch arbeiten musste und die Kinder mitnahm – und damit an das Beste überhaupt: die Spritztouren auf dem Firmengelände am Steuer von Mutters Auto. Als Zehnjähriger.

Da fehlte der Schweiss im Teig

Robert Aeschbach lacht. «Damals war alles halb so streng», sagt er. Es sei ja bloss auf Privatgelände gewesen und nur in Mutters altem Auto. Vaters Auto gabs dafür nicht, der schicke Wagen für die Kundenbesuche, mit dem er jeden Morgen und Mittag die paar hundert Meter zwischen der Villa an der Buchserstrasse und dem Firmengelände hin- und herfuhr.

Undatierte Aufnahmen aus den Verkaufsbroschüren der «F. Aeschbach AG» zeigen das Firmengelände und die grosse Montagehalle, die heutige Aeschbachhalle.

Undatierte Aufnahmen aus den Verkaufsbroschüren der «F. Aeschbach AG» zeigen das Firmengelände und die grosse Montagehalle, die heutige Aeschbachhalle.

Wenn Robert und seine beiden älteren Geschwister nicht mit dem Auto über den Platz zuckelten, zogen sie durch die Werkstätten. Die Giesserei, die Schmitte, die Montagehallen, in denen alles nach Öl und Eisen roch, so intensiv, dass man es auf der Zunge schmeckte. Ein Abenteuerspielplatz, der Robert nachhaltig prägte. Auch er studierte später Maschinenbau, fasziniert vom Gefühl, mit einer Maschine etwas zur Ernährung der Menschheit beisteuern zu können.

«Wir lebten um und mit der Firma», sagt Aeschbach. Sein Vater hatte die Firma 1947 übernommen, auch er ein Ingenieur durch und durch, er baute die ersten Durchlauföfen für die Grossbäckereien von Migros und Coop, auch er ein ausgesprochener Tüftler. «Die Firma hat das Familienleben geprägt», sagt Aeschbach. Dann zum Beispiel, wenn der Vater in der Morgendämmerung mit Ringen unter den Augen nach Hause kam, weil er die Nacht in einer Backstube verbracht hatte, um seine Neuheiten zu testen.

«Maschinen bedeuten keinen Qualitätsverlust»

Im Bäckergewerbe müsse eben nicht nur der Bäcker Nachtarbeit leisten, sagt Aeschbach und erzählt eine Anekdote aus Grossvaters Zeiten: «Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Knetmaschinen erst nach Mitternacht geliefert, unbemerkt von allfälligen Augenzeugen.» Aeschbach lacht. «Die Kunden wollten Brot aus Teig, den der Bäcker eigenhändig und im Schweisse seines Angesichts geknetet hatte, keine Maschinenware.»

Also liessen sich die Bäcker die Knetmaschine bei Nacht und Nebel liefern und sagten ihren Kunden monatelang nichts davon. Übertölpeln will Aeschbach das nicht nennen. «Man musste sie halt so für die neue Technologie motivieren. Ihnen zeigen, dass Maschinen keinen Qualitätsverlust bedeuten.»

Sie hätten wohl leer geschluckt

Und jetzt verschwindet diese Firma, die Aaraus Industriegeschichte massgeblich geprägt hat, ein zweites Mal. Nicht nur aus dem Handelsregister, sondern nun auch aus den Augen – zumindest fast. Die Aeschbachhalle bleibt stehen und bildet mit zwei Anbauten das Herzstück des Quartiers. Da, wo einst Ingenieure an Weltneuheiten tüftelten und Robert Aeschbach und seine Geschwister zwischen Maschinen herumstrolchten, sollen mehrere Restaurants und ein grosser offener Hallenteil entstehen, wo unterschiedliche Veranstaltungen stattfinden, umgeben von Wohn- und Geschäftsbauten. Kommenden Freitag findet die Grundsteinlegung für den neuen Quartierteil statt.

«Ich freue mich sehr über das, was hier passiert», sagt Robert Aeschbach. Indem die Halle erhalten bliebe, setze man den Menschen ein Denkmal, welche die Industrialisierung so vorantrieben und so der Schweiz ihren Reichtum verschafften. Und doch ist Robert Aeschbach etwas peinlich berührt ob all der Ehre, die man seiner Familie macht, seinem Grossvater und seinem Vater, zwei, die nie die öffentliche Anerkennung gesucht haben. «Sie hätten im ersten Moment sicher leer geschluckt», sagt Aeschbach und lacht.