Aarau
Vor 50 Jahren wurde das Aarauer Hübscher-Haus verschoben und abgedreht

«Isch de Chaib no nöd zämegheit?», fragt Raymond Marzer. Vor 50 Jahren war er für die erste grosse Hausverschiebung der Schweiz verantwortlich. Heute kehrt er zurück an den Ort, wo mittlerweile die Stadtbibliothek ist.

Katja Schlegel
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Ein Haus geht auf Reise: Am 16. August 1968 wurde das Hübscher-Haus die ersten Zentimeter den Graben entlanggeschoben. Horta-Broschüre «Wir rücken das Alte beiseite!»
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Im Sommer 1968 wurde das Hübscher-Haus Hübscherhaus am Graben in Aarau verschoben.
Um 54 Meter.
Heute befindet sich die Aarauer Stadtbibliothek im Hübscher-Haus.

Ein Haus geht auf Reise: Am 16. August 1968 wurde das Hübscher-Haus die ersten Zentimeter den Graben entlanggeschoben. Horta-Broschüre «Wir rücken das Alte beiseite!»

Sammlung Stadtmuseum Aarau

Ob man denn während der Verschiebung bedenkenlos im Haus bleiben könne, fragte einer der Journalisten skeptisch über den Rand seines Notizblockes hinweg. Raymond Marzer sah ihn an und grinste. «Natürlich kann man. Wir bewegen uns seit zehn Minuten.»

So schnell wie damals habe er nie mehr Journalisten rennen sehen, sagt Raymond Marzer und lacht. Das war vor 50 Jahren, im August 1968, während der Führung für die Presseleute, als die Gruppe inmitten des Stahlrohrgitters in den Kellerräumen stand. Damals, als Marzer als blutjunger Bauingenieur im Dienste der Nyoner Firma Reymond SA zuständig war für die erste so grosse Hausverschiebung der Schweiz. Damals, als das seit 1963 denkmalgeschützte Hübscher-Haus am Graben, die heutige Stadtbibliothek, um 54 Meter verschoben und auf halber Strecke um 36 Grad abgedreht wurde.

Jetzt ist Raymond Marzer zurückgekehrt, ins Café littéraire im Erdgeschoss der Stadtbibliothek. Der Ort weckt Erinnerungen. «Jeden Montagmorgen sind wir alle aus Nyon angereist, meine Männer haben im ersten Stock geschlafen», sagt er. Er selbst habe in einem Hotel hinter dem Bahnhof gewohnt, der Name ist ihm entfallen. Da hinten, sagt er und zeigt in Richtung Tresen der Stadtbibliothek, da habe er während des Projekts sein Büro eingerichtet gehabt. Das schönste Büro überhaupt. «An meinem Bürofenster zog die Stadt vorbei, jeden Tag war die Aussicht eine andere.»

Welch wahnwitziges Projekt

Eine Hausverschiebung samt Drehung – welch wahnwitziges Projekt. Warum das alles überhaupt? Dafür muss man sich die Situation anno 1968 vor Augen führen: Aarau befindet sich im Umbruch, neue Geschäftshäuser und Einkaufstempel schiessen aus dem Boden. Altes ist nicht erhaltenswert, Altes stört. Rund um die Igelweid werden in nur wenigen Monaten Dutzende Gebäude abgerissen.

«Die Zeit der hoffnungslos veralteten Lädeli ist abgelaufen. Grossraumläden, Alles-unter-einem-Dach-Geschäfte, Selbstbedienung, Discount, Super-Discount, CC-Läden, das ist der eindeutige Trend unserer Zeit», schreibt die Horta Generalunternehmung AG Aarau 1968 in einer Broschüre über die Verschiebung. Der Warenhauskonzern Horta war es auch, der auf den Grundstücken am Graben eine moderne Überbauung plante. Im Weg standen unter anderem das baufällige Restaurant «Hirschen» – und das denkmalgeschützte Hübscher-Haus.

Nach jahrelangen Diskussionen mit der Denkmalpflege über die Entlassung aus dem Verzeichnis der schutzwürdigen Aarauer Altertümer beschloss Horta-Chef Josef Wernle, das Hübscher-Haus zu verschieben und der Stadt zu schenken. Mit dem Projekt beauftragt wurde die Reymond SA aus Nyon, die bereits verschiedene Häuser für die Autobahn zwischen Genf und Lausanne aus dem Weg geschoben hatte. Damals eine von zwei Firmen in der Schweiz, die sich auf Hausverschiebungen spezialisiert hatte.

Hausverschiebung leichtgemacht

Raymond Marzer war bei seinem Arbeitsantritt in Aarau 25 Jahre alt, seit zwei Jahren diplomierter Ingenieur. Die Aarauer Verschiebung sollte seine erste eigene sein; davor hatte er während der Semesterferien bereits für die Reymond SA bei ein, zwei Verschiebungen mitgearbeitet. Nichts Aufsehenerregendes aus seiner Sicht. «Eine Hausverschiebung ist nichts Schwieriges», sagt er und lächelt. «Anheben, schieben, senken – c’est tout.»

Für die Aarauer war die geplante Verschiebung sehr wohl aufsehenerregend. Im Vorfeld mussten sich die Verantwortlichen um den Spott nicht sorgen, so abwegig erschien es den Aarauern, einen solchen Aufwand für das alte Haus zu betreiben. Und auch die Skeptiker hielten mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg. Wetten wurden abgeschlossen, ob die Reise des Bruchsteinmauerwerks denn nun in einer grossen Staubwolke enden würde oder nicht.

Selbst das «Aargauer Tagblatt» schrieb am 13. Juni, dass die Wettgewinne – aufgrund der rasch fortschreitenden Arbeiten – «noch vor den Ferien einkassiert werden können». Doch es blieb nicht nur beim Spassen und Frotzeln. So schreibt die Horta, dass sowohl sie als auch die Reymond SA anonyme Drohungen, brieflich wie telefonisch, erhalten haben, in welchen die Sprengung des Hübscher-Hauses angezeigt wurde. «So musste dann das kostbare Gut Tag und Nacht bewacht werden», so der Horta-Bericht weiter.

Der kritischste Moment

Ende Mai 1968 begannen die Vorbereitungsarbeiten. Rund um das Haus wurde ein Graben ausgehoben, dazu die Schneise bis zum neuen Standort. Unter das dreigeschossige Haus mitsamt Keller wurde ein provisorisches Fundament gebaut und der gesamte Bau in ein Eisenkorsett gefasst. Und aus Eisenträgern wurde ein Tragrost geschweisst, auf dem das 2730 Tonnen schwere Haus bewegt werden sollte.

Am 15. August dann war es endlich so weit: Der steinerne Koloss wurde um 15 Zentimeter angehoben, mit 300 Rollen unterlegt und wieder um drei Zentimeter abgesenkt. Dazu waren 75 speziell angefertigte, ölhydraulische Pressen mit einer Leistung von je 50 Tonnen nötig.

«Das war der kritischste Moment der Verschiebung», sagt Marzer. «Hätte sich nur eine Presse nicht gleich schnell gehoben wie die anderen, hätte es das Haus zerrissen.» Doch das Anheben klappte, und zwar so sachte, dass die Journalisten im Innern noch nicht einmal etwas davon merkten. Angeschoben von fünf Schubpressen und mit einer Geschwindigkeit von zwei Zentimetern pro Minute, setzte sich der steinerne Koloss am 16. August in Bewegung.

Wo bleibt die Staubwolke?

Das «atemberaubende Kunststück» zog hordenweise Zuschauer an die Baugrube. Jeder wollte dabeigewesen sein, wenn das alte Haus in sich zusammenbrechen würde. Doch die von vielen erwartete, gar erhoffte Staubwolke blieb aus. Noch nicht einmal zusätzliche Risse wurden registriert, sagt Ingenieur Marzer. Im Gegenteil. «Mehrere Risse, die vor der Verschiebung noch dokumentiert worden waren, haben sich durch die Verschiebung sogar geschlossen.» Und das «Aargauer Tagblatt», das keine Gelegenheit ausgelassen hatte, die «Variante Staubwolke» zu beschwören, kalauerte: «Die Reise zum neuen Standort geht ganz hübscheli».

Dieses unspektakuläre Vorwärtskriechen wirkte sich auch auf die Zuschauerschar aus, wie das «Aargauer Tagblatt» am 17. August 1968 schreibt: «Das Publikum, das die Verschiebung verfolgt, wird zunehmend kleiner: Man sieht eigentlich gar nichts und die auf das Hübscherhaus bezogene Frage, ‹isch de Chaib nö nöd zämegheit?›, hört man bereits seltener: Man muss sich damit abfinden, dass die Verschiebung gelingen wird.»

Nach 27 Metern wurde das Haus um 36 Grad abgedreht und weitere 27 Meter verschoben. Am 25. September war die Verschiebung abgeschlossen. Hätte sie nicht geklappt, wäre das die Horta teuer zu stehen gekommen. 225 000 Franken hätte die Konventionalstrafe betragen, die die Stadt im Falle eines Zusammenbruchs bekommen hätte. Insgesamt kostete die Verschiebung 948 000 Franken. 1969 wurden im Hübscher-Haus die Stadtbibliothek und im Kellergewölbe das Restaurant Stadtkeller eröffnet.