Aarau

Vor 200 Jahren bezog Zschokke die Villa Blumenhalde

Die Villa Blumenhalde steht am Hungerberg oberhalb des Restaurants Weinberg.

Die Villa Blumenhalde steht am Hungerberg oberhalb des Restaurants Weinberg.

Wie das Multitalent Heinrich Zschokke die Villa Blumenhalde bauen liess – und was aus dem Haus geworden ist.

«Das Häuschen wird niedlicher, als ich selbst dachte; macht sogar, weil es in etwas italienischem Stil gebaut ist, in der Ferne nicht üblen Eindruck.» So beschrieb am Ende der Bauzeit im Sommer 1818, vor zweihundert Jahren also, Heinrich Zschokke sein neues Domizil ennet der Aare, die Villa Blumenhalde, die er selbst entworfen hatte. Der Sitz wurde rasch zum geistigen und politischen Brennpunkt der liberalen Schweiz. Das stattliche Anwesen wechselte 1918 die Hand und kam in den Besitz des Unternehmers Alfred Oehler, der es 1956 der Ortsbürgergemeinde Aarau verkaufte. Seit 1989 dient es Zwecken der Bildung und Forschung, nämlich vorerst als Didaktikum und heute als Zentrum für Demokratie. Eine Funktion, an der der Erbauer wohl seine Freude hätte.

Zweigeschossiges Landhaus

Heinrich Zschokke wohnte nach seinem Umzug nach Aarau anno 1807 mit seiner wachsenden Familie im heutigen Haus am Rain 18, doch er sehnte sich nach einem «Tusculum» abseits des städtischen Rummels, einer Oase der Ruhe zum Nachdenken und Arbeiten. Der universelle «Schriftsteller, Staatsmann und Volksfreund», wie es in der Inschrift des Zschokke-Denkmals am Nordende des Kasinoparks heisst, wurde 1817 auch noch zum Architekten, entwarf er doch die Baupläne für sein neues Zuhause am «Giesshübel» im östlichen Teil des Hungerbergs eigenhändig. Und er begleitete auch die Bauarbeiten, sofern er nicht auf Reisen war. In seiner Abwesenheit übernahm seine tüchtige Frau Nanny (eine geborene Nüsperli, Pfarrerstochter vom Kirchberg) die Führung der Handwerker. Entstanden ist vor genau zwei Jahrhunderten ein stattliches, zweigeschossiges Landhaus. Im Fachjargon ausgedrückt besteht der Bau «aus einem Mitteltrakt unter geneigtem Satteldach mit Dreieckgiebel und Lünette und aus zwei zurückversetzten, flachgedeckten Seitenflügeln» (siehe Michael Stettler im Buch «Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau» 1948). Die schmucklosen Formen verkörpern die damals prägende «republikanische Einfachheit». Allerdings weist die blockhafte Baugliederung mit einzelnen, geometrisch konzipierten Teilen auf den nach 1800 aufkommenden Stil des deutschen Klassizismus hin.

Der Bau der Villa Blumenhalde war allerdings nicht ohne finanzielles Risiko gestartet. Der Historiker Werner Ort nennt in seiner 2013 erschienen Zschokke-Biografie Kosten von rund 30 000 Franken, für die der damals noch verschuldete Investor Darlehen aufnehmen musste. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass er von seinem Verleger Heinrich Remigius Sauerländer einen Vorschuss erhielt und einen Brillantring, den ihm die bayerische Königin Karoline geschenkt hatte, versilberte. Doch der Aufwand lohnte sich: Zschokke erhielt sein sehnlich gewünschtes «Refugium» in den Räumen des ersten Stockes, während das Parterre der Hausfrau, den Kindern und den Dienstboten diente. So zog die ganze Familie anfangs August 1818 in ihr neues Reich, das auch einen Gemüse- und Blumengarten umfasste und «eine kleine Arche Noah beherbergte», wie Werner Ort schreibt. Denn zum Haushalt gehörten auch Ziegen, Schafe, Kaninchen, Hühner und Tauben.

Zwölf Buben und ein Mädchen

Zu den sechs Knaben, die 1818 bereits auf der Welt waren, kamen in der «Blumenhalde» noch einmal sechs Buben und schliesslich auch ein Mädchen hinzu. Die Kinder waren für den täglichen Botendienst in die Stadt zuständig, entweder über die Holzbrücke oder bei deren Fehlen mit der Aarefähre (so zwischen 1833 und 1836). Die Besuche galten der Post, dem Metzger oder dem Bäcker, während der Schulunterricht ausschliesslich zu Hause durch das Familienoberhaupt stattfand. Zu den Höhepunkten in der «Blumenhalde» zählten die Geburt eines Kindes, die – so Werner Ort – «den Aarauern mit Böllerschüssen aus einer hauseigenen kleinen Kanone kundgetan wurde». Und bei Geburtstagen oder bei der Ankunft eines hohen Gastes (vom Dichter Ludwig Uhland über den Politiker Frédéric César de La Harpe bis zu Prinz Louis Napoleon) war es üblich, beim Eindunkeln ein Feuerwerk abzubrennen. Wenn es also knallte oder das Haus festlich beleuchtet wurde, wusste man in der Stadt, dass bei den Zschokkes etwas los war.

Ortsbürger übernahmen 1956

1918, also genau hundert Jahre nach dem Bau, kaufte Ingenieur Alfred Oehler-Wassmer den Zschokke-Nachkommen die Villa Blumenhalde ab, restaurierte sie und befreite das Haus von späteren «Bausünden». 1956 konnte die Ortsbürgergemeinde Aarau «dank grossem Entgegenkommen des Eigentümers» das Anwesen zum Preis von 400 000 Franken erwerben. Im Protokoll der denkwürdigen Gemeindeversammlung vom 2. Juli 1956 steht, dass dem Ehepaar Oehler «lebenslängliches Wohnrecht» zugestanden wird und dass das Haus «später kulturellen Zwecken dienen soll». Dieser Zeitpunkt kam 1989, als die mittlerweile unter Denkmalschutz stehende «Blumenhalde» nach den Plänen von Architekt Konrad Oehler erweitert und mit einem verglasten Zwischenbau mit dem Hauptgebäude verbunden wurde. In die Räume zog das Didaktikum für die Ausbildung der kantonalen Bezirkslehrerschaft ein.

Nochmals erweitert

2009 schliesslich nahm das Zentrum für Demokratie, eine akademische Forschungsabteilung der Universität Zürich, in den historischen Mauern seine Tätigkeit auf. Doch nach wenigen Jahren platzte das Institut aus allen Nähten. 2014 erfolgte nach einem Projekt des Aarauer Architekten Andreas Marti eine abermalige Ausdehnung des Raumprogramms mit Anbauten auf der Ost- und Westseite am Hang gelegenen Gebäudeteil, ohne dass die Ansicht der markanten, ockergelben Fassade nach zweihundert Jahren getrübt worden wäre.

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