Aarau
Vor 170 Jahren wollte Aarauer eigenes Reich gründen – nun wird er geehrt

Vor 170 Jahren wollte der Aarauer Andreas Dietsch im Staate Missouri ein «Reich der Gleichheit» gründen. Jetzt wird er mit einer Gedenktafel an seinem einstigen Wohnhaus in der Pelzgasse geehrt.

Hermann Rauber
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Das Bild zeigt das Haus an der Pelzgasse 26, in dem Andreas Dietsch gelebt hatte.

Das Bild zeigt das Haus an der Pelzgasse 26, in dem Andreas Dietsch gelebt hatte.

Aargauer Zeitung

Am 2. Juni 1844, an einem Sonntag, verliess der Aarauer Bürstenbinder Andreas Dietsch mit 43 Personen unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung Aarau Richtung Westen. Ziel dieses in der Stadtgeschichte einmaligen «Massen-Exodus» war das Tal des Osage River im amerikanischen Staate Missouri. Dietsch lebte als Kleinhandwerker an der Pelzgasse 26 bei seinem Schwiegervater und fiel bereits zu Beginn der 1840er-Jahre durch frühsozialistische Publikationen auf, in denen er die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen der damaligen Zeit anprangerte.

Gäste aus Missouri

Am Sonntag, 6. Juli, 11 Uhr, findet vor dem Haus an der Pelzgasse 26 in der Aarauer Altstadt die Enthüllung der neuen Gedenktafel zu Ehren von Andreas Dietsch und seiner Auswanderung statt. Mit dabei sind fünf Gäste aus Missouri in Amerika, die als Bewohner des Gebietes um das einstige New Aarau erstmals zu Besuch in der «Mutterstadt» weilen. Neben einem Grusswort von Stadtpräsidentin Jolanda Urech stehen Ansprachen des Aarauer Historikers Dominik Sauerländer und von Steven Bescheinen von der Historischen Gesellschaft des Osage County auf dem Programm. Jedermann ist freundlich eingeladen. (az)

Auswanderungsverein im Rössli gegründet

Dem damals 37-jährigen Dietsch schwebte ein «Reich der Gleichheit und Einigkeit» vor, das zur «Freiheit und ewigem Frieden» führen sollte. Diese Utopie sollte in Amerika in die Realität umgesetzt werden. Also gründete der Aarauer Bürstenbinder Anfang 1844 im Saal des Gasthofs Rössli in Aarau einen «Auswanderungsverein», der bald hundert Mitglieder aus der ganzen Schweiz zählte. Konkret wollte Dietsch mit seinen Getreuen den Idealstaat Neu Helvetia mit der Hauptstadt Neu Aarau errichten.

Unter einem schlechten Stern

Die Gruppe erreichte Anfang September 1844 tatsächlich ihren Bestimmungsort im Tal des Osage River, in der Nähe der deutschen Kolonie Westphalia. Doch das Unternehmen stand unter einem schlechten Stern. Krankheiten, Todesfälle und mieses Wetter entmutigten die Auswanderer, unter ihnen auch Frauen und Kinder, rasch. Zudem fehlten für den Aufbau der Siedlung zünftige Zimmerleute. Der einbrechende Winter führte zur Auflösung der Gesellschaft, etliche «Neu-Aarauer» versuchten ihr Glück auf eigene Faust und reisten weiter.

Entscheidend für das Scheitern war aber, dass Andreas Dietsch kurz nach der Jahreswende 1844/45 überraschend starb. Sein letzter Brief aus «Neu-Helvetien» nach Aarau datiert vom 15. Dezember 1844. Zu spät für eine zweite Tranche von Emigranten, die sich von der Schweiz aus bereits auf den Weg gemacht hatte und über deren Schicksal nichts bekannt ist.

Eine rostige Schere als Zeuge

Über hundert Jahre später fand der damalige Landbesitzer William Vogel 1947 auf dem Gebiet von Neu Aarau Gräber von Erwachsenen und Kindern. Ein Apfelbaum und einige Rebstöcke sowie eine rostige Schere waren letzte Zeugen der Utopie von Neu Helvetia. Immerhin taucht der Ortsname New Aarau noch 1857 auf einer amerikanischen Landkarte auf. Und auf einem amtlichen Dokument der Armee von 1863 erscheint die Bezeichnung «Arau» ein letztes Mal.

Parzelle der Aarauer lokalisiert

Bis vor kurzem beruhten die Quellen zur «grossartigen Auswanderung des Andreas Dietsch» einzig auf Akten und Briefen in Schweizer Archiven. Weiterführende Erkenntnisse im spannenden Dossier «Neu Aarau» aus jüngster Zeit sind der Neugierde und den persönlichen Kontakten des Küttigers Rudolf Iten zu verdanken. Angeregt durch die Ausstellung «Auf und davon» im Aarauer Stadtmuseum im Jahre 2008 nutzte er berufliche Aufenthalte in Amerika zu einem Augenschein im Gebiet der einstigen Kolonie New Aarau. Er kam auch in Kontakt mit der dortigen Historischen Gesellschaft (Historical Society of Osage County).

Die bisherigen Resultate sind frappant: So konnte der pensionierte Geometer Harald Schulte in Missouri die Parzelle von Neu Aarau zielsicher lokalisieren. In alten Grundbüchern ist der Landkauf von Andreas Dietsch und anderen Mitgliedern der Auswanderungsgruppe bestätigt. Ebenso aktenkundig ist, dass die jüngere Tochter von Dietsch namens Rosetta, die nach dem raschen Ende von Neu Aarau nach Iowa weitergewandert war, das väterliche Land am Osage River 1859 verkaufte.

Auffallend vertraute Landschaft

Das Gelände von Neu Aarau präsentiert sich übrigens heute noch praktisch unberührt und so wie anno 1844, nämlich als offenes Land, das kaum überbaut ist und auf dem die Rinder friedlich weiden. Und die Topografie am Osage River «ähnelt» laut Rudolf Iten «auffallend der vertrauten Aarelandschaft». Eine vom heutigen Eigentümer Wenzel Haller gestiftete Gedenktafel am ehemaligen Domizil von Andreas Dietsch an der Pelzgasse 26 soll auch künftige Generationen an die tragischen Ereignisse von 1844 erinnern.

Box: Gäste aus Missouri

Am Sonntag, 6. Juli, 11 Uhr, findet vor dem Haus an der Pelzgasse 26 in der Aarauer Altstadt die Enthüllung der neuen Gedenktafel zu Ehren von Andreas Dietsch und seiner Auswanderung statt. Mit dabei sind fünf Gäste aus Missouri in Amerika, die als Bewohner des Gebietes um das einstige New Aarau erstmals zu Besuch in der «Mutterstadt» weilen. Neben einem Grusswort von Stadtpräsidentin Jolanda Urech stehen Ansprachen des Aarauer Historikers Dominik Sauerländer und von Steven Bescheinen von der Historischen Gesellschaft des Osage County auf dem Programm. Jedermann ist freundlich eingeladen.