Mitten in den sonst schon harten Zeiten des Ersten Weltkriegs sorgten vor hundert Jahren zwei Schreiben im Unteren Rathaus für zusätzliche Aufregung. Unterentfelden und Rohr stellten aus finanziellen Gründen den Antrag, sich «mit der gut situierten grossen Stadtgemeinde Aarau zu verschmelzen». Das Gesuch ging auf dem Dienstweg auch an die aargauische Direktion des Innern, welche die heisse Kartoffel umgehend an die Kantonshauptstadt weiterreichte. Verbunden mit dem Hinweis, dass «die gesetzlichen Grundlagen für Zahlungen an hilfsbedürftige Gemeinden fehlen», ganz im Gegensatz zur heutigen Zeit, die einen ausgeklügelten Finanzausgleich kennt.

In der Stadt war man ob der Aussicht auf ein «Gross-Aarau» alles andere als begeistert. Im Fall von Unterentfelden sah man gebietsmässig «keine organische Einheit» und empfahl statt einer «Verschmelzung» mit Aarau die Fusion mit Oberentfelden. Beim Ansinnen der Nachbargemeinde Rohr bediente sich der Aarauer Gemeinderat (heute Stadtrat) der juristischen Argumentation und bestellte beim damaligen Aargauer Ständerat Emil Isler ein Gutachten. Dieses kam ganz im Sinne des Stadtrates zum Schluss, dass eine solche «Gemeindeverschmelzung» das kantonale Gesetz über die Bezirks- und Kreiseinteilung von 1840 verletzte. Es liege deshalb am Grossen Rat, die nötigen Voraussetzungen überhaupt erst zu schaffen und diese allenfalls einer Volksabstimmung zu unterstellen.

Die Bürger greifen ein

Damit war aber das Ansinnen von Unterentfelden und Rohr, sich aus rein steuerpolitischen Gründen unter die Schwingen des Stadtadlers zu begeben, keineswegs vom Tisch. Einen Vermittlungsversuch der Direktion des Innern im Januar 1917, für «einige Jahre aus freien Stücken finanzielle Hilfe an notleidende Gemeinden auszurichten», lehnte der Aarauer Stadtrat vorerst kategorisch ab. «Nun griffen die Bürger ein», stellte der Historiker Paul Erismann vor 50 Jahren, am 12. Februar 1966, in einem Artikel im Aargauer Tagblatt fest. Die Freisinnige Vereinigung Aarau rief Anfang Februar 1918 zu einer öffentlichen Versammlung in den Saal des Gasthofs zum Wilden Mann an der Vorderen Vorstadt.

Der Andrang war enorm, die hitzige Debatte endete mit einer Überraschung, sprach sich doch eine Mehrheit der Anwesenden zum Ärger von Stadtammann Hans Hässig und dessen Gemeinderatskollegen für den Vollzug einer solchen «Notehe» mit Unterentfelden und Rohr aus. Man einigte sich allerdings darauf, in dieser Sache «vorerst das Ende des Krieges abzuwarten». Mit dieser Vertagung waren nicht alle Bürger zufrieden, die Fusions-Befürworter luden schon Anfang März 1918 zu einer «Gegen-Kundgebung» in die Aula der Alten Kantonsschule. Man entschied sich für ein «sofortiges Handeln» und bildete für die vertiefte Abklärung einer Eingemeindung eine Kommission.

Im Sommer des letzten Kriegsjahres spitzte sich die Finanzlage von Unterentfelden und Rohr dramatisch zu. Weil sich eine rasche «Verschmelzung» in die Länge zog, stellten die beiden Gemeinden, denen das Wasser bis zum Hals stand, bei der Stadt Aarau den Antrag auf einen jährlichen Zustupf von 10 000 Franken, und zwar per sofort. Im Rathaus zeigte die Behörde entgegen ihrer früheren Haltung nun doch Erbarmen und war bereit, «aus freien Stücken und unwiderruflich» einen Beitrag von je 5000 Franken an Unterentfelden und Rohr ins Budget 1919 aufzunehmen. Doch die Winter-Gmeind lehnte dieses Ansinnen überraschend ab.

Schlechtes Gewissen

In der Folge plagte die Aarauer Bürger offensichtlich das schlechte Gewissen, hiess doch eine grosse Mehrheit an einer weiteren Gemeindeversammlung im August 1919 ein Wiedererwägungsgesuch gut und bewilligte im Rahmen des Voranschlags für das kommende Jahr je 2500 Franken als Unterstützung für Unterentfelden und Rohr.

Gesuch zurückgezogen

Vom Kanton war weiterhin kein Sukkurs zu erwarten, hatte doch der Regierungsrat dem Grossen Rat zur gleichen Zeit empfohlen, auf die Fusionsbegehren von Unterentfelden und Rohr aus formalrechtlichen Gründen nicht einzutreten. Das Geschäft wurde somit «als erledigt abgeschrieben», zumal die Steuerbelastung beider Dörfer aus Sicht der Aargauer Behörden eine «erträgliche» sei. 1921 beugten sich die beiden Aarauer Nachbargemeinden den politischen Tatsachen und zogen ihr Gesuch um eine Verschmelzung mit Aarau endgültig zurück.

Zuwendungen bis 1950

Die Stadt allerdings unterstützte Unterentfelden und Rohr weiterhin mit jährlichen Beiträgen. Diese reduzierten sich bereits 1921 auf 2000 Franken, drei Jahre später auf noch 1000 Franken. Die freundnachbarlichen Subventionen flossen noch bis 1950, ehe Aarau sie ganz strich, «weil sich die Verhältnisse grundlegend geändert haben» und man diese «Zuwendung» als «überholt» empfand.