An Heiligabend stelle ich mich gerne ans Fenster und schaue ins Tal. Am späten Nachmittag hab ich manchmal Glück und sehe das Spiegeln der Aare, bei Föhn auch die Alpenkette zu meiner Linken. Ich sehe, wie die Lichter langsam erleuchten und es stellt sich eine innere Ruhe ein, die ich so fast nur an diesem Tag erfahre. Die Vorstellung, dass nun die Einkaufshektik ein Ende hat, dass die Menschen nach Hause kommen und Familien sich begegnen, es für einen Moment keine Mails und Telefonate gibt, ist sehr befriedend. Ich schaue Richtung Lenzburg, sehe das erleuchtete Schloss und stelle mir vor, wie Familien nun in Frieden und Harmonie diesen Heiligen Abend verbringen.

Frieden? Harmonie? Leider wohl nicht unter jedem Dach ... Wenn ich an die vielen stressbedingten Hauterkrankungen denke, die mir übers Jahr gegenüber sitzen und die vielen verbal zum Ausdruck gebrachten Drucksituationen, unter denen diese Personen stehen, dann lässt mich das oft ratlos zurück. Die Haut ist hier ein guter Sensor, viele Hautirritationen ergeben sich aus Stress, denn dieser führt nachweislich und wissenschaftlich einwandfrei bewiesen zu einer Reduktion des Hautwiderstands. Es gibt sogar ein Gesichtsekzem, welches wir vereinfacht «Stressekzem» nennen.

Warum empfinden wir einen so enormen Druck? Oft sowohl beruflich als auch privat. Warum sind so viele Mitbürger unzufrieden mit ihrem Leben, obwohl wir in einem der reichsten und sichersten Länder der Welt leben? In einem demokratisch freien Land wo jeder sich seinen Vorstellungen entsprechend entfalten kann. Weshalb gehört die Suizidrate in der Schweiz zu den höchsten der Welt? Wieso gibt es eine zunehmende Anzahl an Menschen, die ihren Frust auf andere projizieren und ihre kostbare Lebenszeit damit verbringen, falsche, bösartige und unreflektierte Kommentare im Internet zu platzieren? Die alles und jeden kritisieren, ohne auch nur einen Funken Ahnung von dem zu haben, was sie da gerade von sich lassen?

Ich kann diese Fragen nicht beantworten. Sie treiben mich aber gerade zur Weihnachtszeit um. Vielleicht würde es dem einen oder anderen guttun, diesen Planeten jenseits gängiger Touristenresorts zu bereisen. Das justiert das eigene Weltbild enorm und es wird einem rasch bewusst, welchen Platz wir in der statistischen Wohlstand- und Komfortpyramide einnehmen. Vielleicht wäre einigen damit geholfen, ihren Perfektionsdrang abzulegen. Immer schneller, weiter, höher und besser ist wahnsinnig anstrengend und kraftraubend – und es gibt hier kein Ende der Fahnenstange. Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, ist eine grosse Herausforderung. Zusätzlich Karriere zu machen und nebenbei perfekter Vater oder Mutter zu sein, ist fast nicht vereinbar.

Ich habe die leise Befürchtung, dass wir auch dazu neigen, unser soziales Umfeld weitestgehend nach Beruf und Status aufzustellen. Wenn dann aber Beruf und Status aus irgendeinem Grund verloren gehen, ist der seelische Absturz vorprogrammiert. Denn neben dem Verlust der Arbeit oder des Wohlstandes, muss man in der Regel auch den Verlust des sozialen Umfeldes verkraften. In unserem Nachbarland Italien ist dies schon ganz anders. Status und Geld entscheiden hier weniger über den Freundeskreis. Professor und Gärtner sitzen unkompliziert bei Pasta und Vino zusammen und schnattern den ganzen Abend über Gott und die Welt.

Am ersten Weihnachtstag liebe ich es, auf die Gisliflue zu laufen und den Blick schweifen zu lassen. Da wird mir allzu oft bewusst, welch wahnsinniges Glück wir haben, in diesem wundervollen Land zu leben! Aber was können wir tun, um unser Glück zu begreifen, um zu sehen, dass wir fast alle privilegiert sind und doch eigentlich zufrieden sein müssten?

Wäre es nicht besser, statt neidisch auf den neuen Sportwagen des Nachbarn zu schauen, sich darüber zu freuen, seine Arbeit nicht verloren zu haben wie der Kollege zwei Strassen weiter? Statt missgünstig auf den Karriere- und Gehaltssprung des Tenniskollegen zu schielen, dankbar zu sein, nicht den Schlaganfall des Dorfbäckers auskurieren zu müssen? Wie wäre es, neben der fortschreitenden Selbstoptimierung auch mal was Uneigennütziges zu tun? Etwas Gutes zu tun ohne eine Gegenleistung zu erwarten, ist eine zutiefst befriedigende Erfahrung.

Wie wäre es, statt bösartige Internetkommentare zu schreiben, ein sinnvolles Projekt zu unterstützen oder sich politisch in der Gemeinde einzubringen? Mal einen neuen Weg gehen, «out of the Box» zu denken, den Horizont zu erweitern.

Weihnachten wäre die perfekte Zeit, sich für sein Leben etwas Neues vorzunehmen, ihm eine Wende zu geben und es dann auch zu tun. In diesem Sinne: frohe Weihnachtszeit.