Von null auf die Nationalratsliste in weniger als zwei Jahren? Die FDP Aargau hat einen neuen Shootingstar. Die Jungfreisinnigen Aargau schicken Yannick Berner (26) als Kandidaten auf die Liste der Mutterpartei (diese nominiert offiziell morgen). Erst seit Anfang 2018 sitzt er im Aarauer Einwohnerrat, im November wurde er zum Präsidenten der elfköpfigen Fraktion gewählt. Und nun möchte er also nach Bern.

Für das Foto nach dem Interview wählt er nicht zufällig die Aeschbachhalle. Eine ehemalige Bäckereimaschinenfabrik wird zur Kulturstätte in einem neuen, zukunftsgerichteten Stadtgebiet umgebaut – das passt zur Politik, die Berner machen will. Doch dazu später.

Mit 16 allein nach Hongkong

Aufgewachsen ist der Jungpolitiker im Aarauer Binzenhofquartier zusammen mit der älteren Schwester und dem Zwillingsbruder. «Die Familie ist sehr wichtig in meinem Leben – wir haben ein tolles Verhältnis und gehen auch mal zusammen auf Reisen», betont er. Seine Mutter stammt aus Hongkong; die Eltern hatten sich vor 35 Jahren in den USA kennen gelernt. Zu Hause wird Englisch und Deutsch gesprochen.

Kantonesisch, die Sprache aus der Heimat seiner Mutter, spricht Berner «stockend», aber immerhin. Mit 16 ging er für ein Jahr nach Hongkong, zu einer Gastfamilie, im Studium je ein halbes Jahr nach London und in die Normandie. Grossstädte liegen ihm. «Ich bin ein urbaner Mensch», sagt er, «entsprechend wünsche ich mir auch ein urbanes Aarau, das die Entwicklung nicht verschläft. Wir sind da aber auf einem guten Weg.»

An der Alten Kanti war Biochemie Berners Schwerpunktfach. Dass er schliesslich nicht an der ETH, sondern in einem Betriebsökonomie-Studium landete, begründet er mit seinen extrem breiten Interessen: «Ich hatte schon immer das ‹Problem›, dass mich vieles fasziniert.» Er beendete sein Studium mit einem Doppel-Master an der Universität St. Gallen und der London School of Economics and Political Science. Daneben arbeitete er beim Wirtschaftsprüfer PWC. «Das war zwar enorm spannend, aber nicht meins. Ich möchte am liebsten die Zukunft kreativ mitgestalten und ein Unternehmen mit meinen Ideen weiterbringen.»

Als sich 2018 die Möglichkeit auftat, als Marketingleiter ins Familienunternehmen – die Rupperswiler Urma AG – einzusteigen, zögerte Berner nicht lange. Schon seine Schwester arbeitet dort, in der Finanzabteilung. «Ich gehe jeden Tag gerne zur Arbeit. Die Freude am Beruf – und ein Teil des Familienunternehmens zu sein – ist für mich enorm wertvoll und wichtiger, als viel Geld zu verdienen und ‹en Sibesiech› in der Wirtschaft zu sein».

Mit Familie auf Geschäftsreise

Das Unternehmen hat sein Grossvater, Willy Berner, gegründet. Die Urma AG ist Produzentin von Präzisionswerkzeug, hat aber auch einen Handelsbereich. «95 Prozent unserer Werkzeugverkäufe gehen ins Ausland», sagt Yannick Berner. «Wir sind ein klassisches, international tätiges KMU. Und wir investieren sehr viel in den Industriestandort Aargau, etwa mit einem Erweiterungsbau 2015.» In der Schweiz hat das Unternehmen etwa 100 Mitarbeitende, dazu Niederlassungen in Schanghai, Deutschland und Spanien. «Schon als wir noch klein waren, hat unser Vater die ganze Familie mit auf Geschäftsreise genommen», erinnert sich der Jungfreisinnige.

«Und am Mittagstisch haben wir oft darüber gesprochen, was im Geschäft läuft – und welchen Einfluss die politischen Entscheide auf das Geschäftsumfeld haben.» Sein Grossvater sei FDPler gewesen, darüber hinaus habe seine Familie «eigentlich nicht viel mit Politik am Hut». Seine Politkarriere war deshalb nicht vorgespurt.

Begonnen hat sie erst 2017, als die FDP Aarau ihn als Kandidaten für den Einwohnerrat anfragte. Obwohl Berner wegen des Studiums ein halbes Jahr in London weilte und deshalb kaum Wahlkampf machen konnte, schaffte er direkt den Sprung ins Parlament. Für den jungen Betriebsökonomen nicht nur eine Überraschung, sondern auch ein Vertrauensbeweis. Er las tagelang alte Ratsprotokolle und Zeitungsberichte, um sich auf das neue Amt vorzubereiten, kniete sich in die komplexen Themen BNO-Revision und Kinderbetreuungsreglement, «wie so ein Streber», sagt er, und lacht.

«Kompromissmensch»

Im Gespräch fällt Berner als guter Smalltalker auf, interessiert und freundlich. Und extrovertiert: Er mag Menschen um sich, sucht den Kontakt, ist ein Teamplayer und «ein pragmatischer Kompromissmensch», wie er sagt. Etwas mit anderen gemeinsam zu entwickeln, macht ihm Freude, die Gemeinschaft gibt ihm Energie. Das zeigt sich auch bei seiner grossen Leidenschaft: der Musik. Begonnen hat seiner Mutter zufolge alles mit einer Tröte aus der Tischbombe. Es folgten Blockflötenunterricht, Klavier, Sologesang. Und schliesslich Klarinette. «Ein Gruppeninstrument – das gefällt mir. Ich spiele am liebsten zusammen mit anderen.»

Er spielte in verschiedenen Formationen, bevor er sich 2011 mit anderen zusammentat, um das Aarauer Studentenorchester ASTOR zu gründen, das er noch heute präsidiert: «Wir fingen klein an – mittlerweile haben wir rund 100 Mitglieder und keine Nachwuchssorgen. An unsere öffentlichen Konzerte kommen bis zu 1000 Zuhörer. Es ist schön, zu sehen, was man bewegen kann, wenn man die Initiative ergreift.» Das Orchester – und das ist dem Freisinnigen wichtig – finanziert sich selber, über Auftritte an Privatanlässen oder Kollekten an den öffentlichen Konzerten.

Werkplatz Schweiz im Fokus

Ein Dogmatiker ist Yannick Berner nicht. Innert dreier Minuten, sagt er, habe er die Eckpunkte seiner Politik für die Nationalratswahlen beisammen gehabt. «Der Werkplatz Schweiz kommt als Allererstes», zählt er auf, und dann der Aargau als Industriekanton und Produktionsstandort. «Die KMU haben in Bern zu wenige Vertreter, sind aber enorm wichtig für unser Land.»

Sein zweiter Eckpunkt – und das ist nicht unbedingt typisch FDP – ist die Kultur, Sport mit eingeschlossen. Er ist ein «ganz klarer Befürworter» eines neuen Fussballstadions in Aarau («Ich habe es auch mal mit Fussballspielen versucht, war aber sehr schlecht») und hat innerhalb der FDP für das Kulturhaus Alte Reithalle geweibelt. «Die Kultur ist eines der letzten Bindeglieder unserer Gesellschaft, das alle Schichten zusammenhält», betont er. Das dürfe auch etwas kosten, sagt Berner, um hinterherzuschieben, dass die öffentliche Hand schon nicht alles finanzieren müsse – «Es sollen einfach gute Rahmenbedingungen für private Initiativen geschaffen werden.»

Sein dritter Eckpunkt ist der abstrakteste: «Zukunft.» Nicht nur fehle es in der Politik und insbesondere im Nationalrat an Jungen, sagt Berner. Man denke zu kurzfristig, zu sehr entlang parteipolitischer Linien, zu wenig lösungsorientiert. Da könnte es ihn brauchen; ihn, den «Kompromissmenschen».