Aarau

Von Noten, Fairness, Transparenz und Welttheater

Auf dem Podium, von links, Anton Strittmatter, Cornelia Kazis und Christine Davatz.

Auf dem Podium, von links, Anton Strittmatter, Cornelia Kazis und Christine Davatz.

Gerechtigkeit bei der Beurteilung schulischer Leistungen? Fairness und Transparenz sind ein hoher Anspruch. Die Bewertung ist ein Spannungsfeld, nicht nur in heterogenen Klassen. Damit beschäftigte sich die Pädagogische Hochschule an einer Tagung.

230 Personen, Lehrpersonen, Schulleitungen, Studierende und Dozierende, setzten sich am Samstag in neun Workshops mit Teilaspekten des Themas auseinander. «Wir haben heute kein Rezept erhalten, wie wir beurteilen sollen, aber wir gehen mit dem Gefühl nach Hause, dass wir auf dem richtigen Weg sind», schrieb eine Gruppe auf ihr Plakat. Damit lässt sich doch leben und unterrichten.

Benotung sportlich sehen?

Den Abschluss machte ein Podium: Radiojournalistin Cornelia Kazis fühlte Christine Davatz, Vizedirektorin und Bildungsverantwortliche des Schweizerischen Gewerbeverbandes, und Anton Strittmatter, Bildungswissenschafter und Schulberater, auf den Zahn. Davatz’Credo – «ohne Bewertung geht gar nichts, und man könnte das auch sportlich sehen» – forderte den Widerspruch von Strittmatter heraus. Zu einem sportlichen Wettbewerb dürfe die Bewertung nicht verkommen. Denn: Zu jedem Sieger gehörten Verlierer.

Davatz legt Wert auf lesbare Zeugnisse, was in letzter Zeit nicht mehr überall gegeben sei. Deshalb die Tests und Checks. Sie erwähnte, dass Anforderungsprofile für die rund 300 Berufe ausgearbeitet werden mit jeweils 21 Kompetenzen. Hoffnungen setzt sie auf den Lehrplan 21 und darauf, dass die Schulen diese Profile benützen. Strittmatter winkte ab: Der Lehrplan 21 werde «zwangsläufig überladen». Er befürchtet, dass das Unterrichten zu einer Vorbereitung auf Tests werde.

Streitpunkt Noten

«Noten sind emotionslos im Vergleich zu Worten, die verletzen können», sagte Christine Davatz. Für Strittmatter sagen sie «nur über die Stellung eines Schülers in der Klasse etwas aus». In einem Lehrkörper mit unterschiedlichen Auffassungen (die eine Lehrperson macht nur unangesagte, die andere nur angesagte Prüfungen, was beides begründbar sei) könne die Bewertung als Lotterie angesehen werden. Alternativen? Davatz möchte die Noten bloss als kleinen Teil in der ganzen Bewertung sehen. Und Strittmatter zöge Buchstaben den Zahlen vor: «So lässt sich kein Durchschnitt berechnen.» Besser findet er Aussagen auf Lernziele bezogen: erfüllt, voll erfüllt, noch nicht erfüllt.

Nachteilsausgleiche

Fairness und Transparenz bei der Bewertung: Wenigstens ein gemeinsamer Nenner existiert. Strittmatter moniert das Fehlen von gemeinsamen Kunstregeln im Bildungsgeschäft. Es komme ihm manchmal vor wie beim Turmbau zu Babel: «Und sie redeten in fremden Sprachen.»

Wie stehts mit der Berücksichtigung von Beeinträchtigungen, wenn es um die Benotung geht? Gilt Fremdsprachigkeit als Nachteil, der im Zeugnis ausgewiesen sein soll? Oder gehts allein um körperliche Behinderungen? Strittmatter verwies auf seinen Sohn mit Asperger-Syndrom, als die Schule erst angesichts einer drohenden Verwaltungsbeschwerde einsichtig geworden sei: «Nachteilsausgleiche braucht es, und sie liegen nicht im Ermessen der Schule.»

Distanz gewinnen

Cornelia Kazis bat die beiden Podiumsteilnehmer zum Schluss um Ratschläge an die Leute an der Schulfront. Strittmatter riet dazu, sich das Herzblut nicht abkaufen zu lassen, aber auch zu sehen, dass jeder, wie im Grossen Welttheater, eine Rolle spiele, auch der Lehrer: «Drei Schritte zurücktreten; das befreit.» Davatz meinte, nicht alle sollten sich für alles verantwortlich fühlen. Manchmal sei es dienlich, sich ein Kleid zuzulegen, an dem manche Sachen abtropfen.

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