Herr Alder, Schulsozialarbeit gibt es im Aargau erst seit gut zehn Jahren, wir alle wurden ohne gross. Warum braucht es Sie?

Christoph Alder: Den Hauptgrund sehe ich darin, dass sich schlicht und einfach die Gesellschaft verändert hat. Ausserdem kann die Schulsozialarbeit in der nicht immer einfachen Zusammenarbeit zwischen Schülern, Lehrpersonen, Schulleitungen und Eltern beraten und vernetzen. Auch der Umgang der Schüler untereinander erfordert unsere Präsenz.

Inwiefern hat sich unsere Gesellschaft verändert?

Der Staat muss immer mehr Aufgaben übernehmen, die früher die Familie getragen hat. Es erstaunt nicht, dass es immer mehr Sozialarbeiter, Psychologen und Therapeuten braucht. Der Staat muss leider immer mehr in ein familiäres System eingreifen. Die Gesellschaft wurde ausserdem multikultureller und dies bedingt die Vermittlung von Regeln des Zusammenlebens.

Wo liegt denn der Haken?

Früher war die Familie klarer strukturiert. Heute ist das häufig nicht mehr so, die Kinder sind mehr auf sich alleine gestellt. Es ist normal geworden, dass beide Eltern arbeiten und es gibt auch mehr alleinerziehende Eltern. Schüler müssen heute ausserdem viel mehr leisten als noch vor 30 Jahren, weil die gesellschaftlichen Anforderungen gestiegen sind. Dazu kamen «neue» Krankheitsbilder auf, wie beispielsweise ADHS. Die Problematiken werden immer komplexer und können alleine durch die Schule und die Familie nicht mehr aufgefangen werden. Es braucht ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Fachkräften und ganz automatisch bleibt da mehr auch an der Schule hängen.

Müssen die Kinder heute tatsächlich viel mehr leisten?

Ich denke schon. Die Schüler haben heute beispielsweise viel früher Französisch oder Englisch, die Lehrpläne wurden immer komplexer. Es bleibt den Lehrpersonen weniger Zeit für Themen wie Persönlichkeitsentwicklung, Selbst- und Sozialkompetenz. Die Lehrpersonen sind reformmüde geworden, was ich gut nachvollziehen kann.

Auch bei uns gab es Mobbing-Opfer, auch wir hatten Knatsch mit den Eltern – für uns war aber kein Schulsozialarbeiter da. Haben wir Schaden davongetragen?

Das stimmt so nicht, auch für Sie war jemand da. Ich glaube einfach, dass früher viel mehr Zeit blieb für Beziehungsarbeit, nicht nur in der Schule. Schüler hatten viel weniger Bezugspersonen. Heute gibt es bereits in der Primarschule Klassen, in denen bis zu sechs Lehrpersonen unterrichten.

Welches sind denn typische Probleme der Kinder?

Bei den Buben sind die häufigsten Problemstellungen Demotivation, Leistungsabfall, keine Lust, immer mehr Druck, die gesteigerte Erwartungshaltung. Bei den Mädchen sind es persönliche und familiäre Probleme. Wir haben weniger Mädchen als Buben. Aber bei den Mädchen sind die Probleme komplexer.

Und Sie fangen diese Kinder auf?

Wir sind keine Psychologen und schon gar keine Therapeuten. Schulsozialarbeiter sind externe Berater, die nicht bei der Schule angestellt sind. Wir nehmen eine Problemstellung auf und versuchen, niederschwellig und lösungsorientiert den Schülern mit ihren Problemen zu helfen. Oft vermitteln wir auch zwischen anderen beteiligten Personen, anderen Fachpersonen und den Schülern.

Eine ketzerische Frage: Sind die Kinder von heute Weicheier?

Das weiss ich nicht. Ich glaube, das Problem liegt darin, dass die Schule von heute nicht mehr vergleichbar ist mit der Schule von vor 30 Jahren. Nicht nur, was den Unterricht betrifft.

Was meinen Sie damit?

Die Angst der Eltern, dass die Schulkarriere des Kindes gefährdet sein könnte, ist heute eine ganz andere. Früher war es normal, dass der Grossteil der Jungen eine Lehre machte, ein paar gingen an die Kanti. Heute ist eine ungenügende Note für viele Eltern ein Weltuntergang. Die Anforderungen, die Kindern zu Hause und im gesellschaftlichen Umfeld gestellt werden, sind viel grösser geworden.

Also die Gleichung: Wer ungenügende Noten heimbringt, aus dem wird im Leben nichts?

So ungefähr. Früher hat man ein Kind Kind sein lassen. Das eine machte einen Schritt früher, das andere später. Wenn ein Kind heute nicht den Normen entspricht, haben wir einen Schulsozialarbeiter, Experten für Logopädie, Dyskalkulie, Psychomotorik, Ergotherapie, einen Schulleiter und Therapeuten.

Darüber kann man eigentlich nur den Kopf schütteln ...

Ich habe es schon zu Beginn erwähnt: Das passiert, wenn der Staat immer mehr Aufgaben übernehmen muss. Das ist die Konsequenz, die unser Anspruch an Leistung und Wohlstand mit sich zieht.

Die Beziehung zwischen Eltern, Schule und Kindern wurde immer schwieriger. Sind die hohen Erwartungen schuld daran? Oder fehlt es an Respekt?

Die Rolle der Lehrperson als Autoritätsperson ist heute nicht mehr dieselbe wie vor 30 Jahren. Der Beruf wurde in den letzten Jahren ganz klar abgewertet. Das ist nicht gut, denn unsere Lehrpersonen sind gut. Die Eltern haben ein Mitwirkungsrecht, das ist im Volksschulgesetz so festgehalten. Das wird vor allem von Eltern wahrgenommen, die Zeit haben. Wer bis abends arbeitet, der redet dem Lehrer nicht in seine Arbeit rein. Aber wir haben Eltern, die morgens um acht Uhr im Schulzimmer stehen und mit dem Lehrer über die Hausaufgaben diskutieren wollen.

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass das in meiner Schulzeit mal passiert wäre.

Richtig, wir hätten uns für unsere Eltern auch in Grund und Boden geschämt. Dass diese immer mehr Einfluss nehmen, ist nachvollziehbar, aber oftmals nicht gut für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Das ist aber nur die eine Beziehung, dazu kommt die zwischen den Schülern. Auch hier nehmen die Eltern immer mehr Einfluss. Das ist nicht gut, Eltern sollten die Kinder Streitereien unter sich oder unter Einbezug neutraler Personen ausmachen lassen.

Jeder ist zur Schule gegangen, also hat auch jeder das Gefühl, mitreden zu können, ist es nicht so?

Genau. Es geht um Partikulärinteressen. Die Leute sind mit der Schule an sich zufrieden, aber wenn es um ihr eigenes Kind geht, dann steigen die Ansprüche. Wenn die Leistungen des eigenen Kindes nicht ausreichen, um beispielsweise an die Bezirksschule zu kommen, dann werden die Eltern unzufrieden. Die Partikulärinteressen in den Vordergrund zu stellen, ist legitim und verständlich, aber es macht unsere Arbeit in der Schule nicht einfacher.

In einem Porträt über Sie, das in der Aarauer Schulzeitung «Schulbote» erschienen ist, schreibt eine Schülerin: «Ich erwarte von Herrn Alder, dass er uns Kindern hilft, unsere Probleme zu lösen und ich erwarte, dass jedes von uns weniger Probleme hat.» Das sind hohe Ansprüche.

Aber das ist genau meine Aufgabe: Jeden Tag mitzuhelfen, dass es den Schülern besser geht.

Aber es tönt, als wären Sie der Rettungsring für diese Kinder.

Als so dramatisch empfinde ich das nicht. Lösungen suchen ist unsere Hauptarbeit: Das Kind kommt zu uns, schildert sein Problem. Wir versuchen zu helfen, damit es dem Kind besser geht.

Nimmt man den Kindern da nicht zu viel ab? Probleme zu lösen, muss doch auch gelernt sein.

Wir animieren die Kinder natürlich dazu, ihre Probleme in erster Linie selber zu lösen.

Sie beraten die Kinder aber nicht nur einzeln, oder?

Richtig. Wir arbeiten in vier Bereichen: Einzelfallberatung für Schüler, Eltern und Lehrpersonen, Klasseninterventionen, Präventionsarbeit und Früherkennung. Kinder, die aus sozialen, schulischen, familiären oder anderen Gründen auffällig sind, wollen wir möglichst früh die nötige Unterstützung vermitteln. Volkswirtschaftlich ist die Schulsozialarbeit deshalb das Beste, was es gibt. Mit dem Geld, das ein Jugendlicher pro Jahr im Jugendheim Aarburg kostet, kann ich eine 100-Prozent-Stelle bei der Schulsozialarbeit besetzen. Damit ist aber nicht nur einem, sondern 100 Kindern geholfen.

Die Umstellung 6/3 steht vor der Tür. Hat das Einfluss auf Ihre Arbeit?

Das wird eine riesige Umstellung für alle, mit den Schulräumen, den Stundenplänen, der neuen Organisation. Das betrifft die Schulsozialarbeit aber nur am Rande. Eventuell werden wir unsere Präsenzzeiten an den Schulen anpassen. Eine Herausforderung wird die Situation auf den Pausenplätzen der Primarschulhäuser. Da wird es eng, und wo wenig Platz ist, gibt es schneller Konflikte. Darüber machen wir uns bereits jetzt Gedanken.

Wie erleben Sie die verschiedenen Schulhäuser in den Quartieren?

Die Kultur in den Schulhäusern ist sehr heterogen. Die Telli ist ganz anders als das Gönhard oder das Schachenschulhaus. Es ist eine Herausforderung, uns innerhalb der Schulhäuser gleich zu positionieren. Unser Angebot ist in allen Schulhäusern gleich und die Schulsozialarbeit hat sich in den letzten Jahren sehr gut etabliert. Es ist ein sehr angenehmes Arbeiten in Aarau.