Diese Geschichte hat etwas von einem Märchen. Aber sie berichtet vor allem über ein Stück harte Arbeit und beschreibt den Durchhaltewillen einer jungen Frau. Einer Putzfrau, die den Sprung zur Medizinischen Praxisassistentin (MPA) geschafft hat. Einer zweifachen Mutter, die mit 35 nochmals eine Lehre begann und im Frühsommer mit Erfolg abschloss – im Alter von 38 Jahren. Und eines Arbeitgebers, der seine Angestellte unterstützte. Auch mit einem ihrem Alter angepassten Lehrlingslohn.

Es ist die Geschichte von Sandra Caruso (38), die 2006 bei Doktor und AZ-Kolumnist Felix Bertram (44) als Putzfrau angefangen hatte.

«Es war schon streng»

100 Prozent MPA-Stift sein, daneben einen Haushalt mit zwei Kindern (11 und 13) und einem Mann (40) führen: «Es war schon streng», erklärt Sandra Caruso, «ich war froh, als es vorbei war.» Und die Rohrerin gesteht: «Ich hatte am Anfang schon etwas Bammel: ich, in meinem Alter, nochmals auf der Schulbank mit 16-Jährigen.»

Es kam alles gut. «Ich wurde in der Klasse problemlos aufgenommen – die Mitschüler haben mich super integriert.» Das im Wissen, dass Sandra Caruso die mit Abstand Bestverdienende der Gruppe war. Und dann berichtet sie von der Diplomfeier im vergangenen Juni in der «Bärenmatte» Suhr, vom Stolz, den ihr Mann und ihre Kinder auf sie hatten.

Zuerst lernte sie Damencoiffeuse

Stolz ist auch Lehrmeister Felix Bertram: «Sandra ist ein perfektes Beispiel dafür, was man im Leben alles erreichen kann. Sie hat das super gemacht.»

Sandra Caruso lernte in Rupperswil Damencoiffeuse. «Im Jahr 2000 habe ich den Abschluss gemacht, fand danach aber keine Stelle und habe darum in der Fabrik gearbeitet.» 2003 hat sie geheiratet, 2005 kam das erste Kind, der Bub. «Ich bin dann zuerst zu Hause geblieben», erzählt Sandra Caruso. 2006 habe sie bei Bertram als Putzfrau begonnen. In der Praxis in Aarau. Ihre Tochter kam 2007 zur Welt.

Ein Vorschlag aus Jux

«Als die Kinder etwas grösser waren, wollte ich, das war 2014, etwas anderes machen», erinnert sich die Rohrerin. Bertram habe ihr vorgeschlagen, in der Praxis im Hintergrund zu arbeiten, quasi als Assistentin der MPA. Das habe ihr zwar gefallen, aber sie habe kaum Kontakt zu den Patienten gehabt. «Nach zwei Monaten habe ich ihm – eigentlich als Jux – vorgeschlagen, ich könnte doch noch eine Ausbildung machen», so Sandra Caruso. «Er fand die Idee gut.»

Ask, der öffentliche Beratungsdienst für Ausbildung und Beruf, half bei der Beantwortung der Frage, ob die MPA-Ausbildung berufsbegleitend (hätte etwa fünf Jahre gedauert) oder als normale Lehre (3 Jahre) absolviert werden soll. Sandra Caruso entschied sich für den schnelleren Weg. Gewisse allgemeinbildende Fächer musste sie nicht mehr besuchen, weil sie diese in der Erstlehre bereits gehabt hatte. Aber die Hausaufgaben wurden ihr natürlich nicht erlassen.

«Solche Geschichten gefallen mir»

Seit Juli arbeitet Sandra Caruso als vollausgebildete MPA. «Ich assistiere im Operationssaal, mache Verbandswechsel und Blutentnahmen, führe Allergietests durch, ziehe Fäden», erklärt die ehemalige Putzfrau. Dazu komme viel Administratives.

«Das Schönste und Wichtigste am Beruf ist der Kontakt mit den Patienten», betont Sandra Caruso. Der Arbeitgeber sei toll, sie schätze die regelmässigen Arbeitszeiten: «Besser kann es nicht sein.» Und Doktor Bertram ergänzt: «Solche Geschichten gefallen mir.»