Keine Zeit hat Aarau mehr umgekrempelt, als die Jahre um 1800. Die bröckelnde Berner Herrschaft, die Französische Revolution, Napoleons Machenschaften, die Kolonialsperre und das Hungerjahr 1816 – all das hat Aarau massgeblich geprägt.

Aarau vor 1800: eine Stadt mit rund 2000 Einwohnern, gut 400 Häusern und fünf Gasthöfen, klein und beschaulich, nicht reich und nicht arm. Obwohl seit 1415 Untertanenstadt der Berner, verwaltete sich Aarau selbst, wählte seinen eigenen Rat und Schultheissen und stellte ein eigenes Gericht. Doch man war der Berner Herrschaft überdrüssig. Die ambitionierten Aarauer lechzten nach dem Befreiungsschlag. «Bislang endete die Macht der Stadträte an den Stadtmauern», sagt Stadtarchivar Raoul Richner. «Jetzt wollten sie mehr, wollten auch auf Landesebene mitmischen und mitgestalten.»

Auch der industrielle Aufbruch stand bevor; in der Stadt waren die ersten Baumwoll- und Seidenbandwebereien entstanden, ebenso erste Indiennedruckereien. Man hatte die Berner Herrschaft satt und war begeistert von der Französischen Revolution mitsamt ihrer Forderung nach Freiheit, Gleichheit. Doch die Euphorie schlug bald ins Gegenteil um.

Den Herren war es zu wenig chic

Am 12. April 1798 wurde in Aarau die Helvetik ausgerufen und Aarau nach einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Bern zur Hauptstadt gewählt. Die Wahl stürzte die Städter in einen Freudentaumel und Übereifer: In aller Eile musste die Stadt auf Vordermann gebracht werden. Personal musste her, ebenso stattliche Häuser.

Die Klimakatastrophe von 1816 Teil 1

Die Klimakatastrophe von 1816 (Teil 1)

Der deutsche Kaufmann Friedrich Frey stellte der Stadt sein Sommerhaus vor dem Laurenzentor zur Verfügung, das die Aarauer kurzerhand zum ersten «Bundeshaus» aufmöbelten. Ausserdem segnete die Gemeindeversammlung umgehend die Pläne des Architekten Johann Daniel Osterrieth für eine grosszügige Überbauung des Gebietes zwischen Laurenzenvorstadt und Bahnhofstrasse ab. Im Überschwang blendete man aus, dass dieses Bauvorhaben die finanziellen Möglichkeiten der Stadt bei weitem überstieg.

Als im September die erste Rate für die Überbauung fällig wurde, war die helvetische Regierung bereits nach Luzern weitergezogen. Aarau war den Herrschaften zu wenig chic gewesen, zu eng, zu provinziell. Auch Architekt Osterrieth verliess die Stadt. Was blieb, waren vier Häuser im Rohbau und klaffende Baugruben an der Laurenzi. Die letzte Baugrube wurde erst nach 26 Jahren geschlossen, wie Stadtarchivar Richner sagt. «Die Aarauer waren sogar so verzweifelt ob des Schandfeckens Laurenzenvorstadt, dass sie jedem Bauherrn, der sich hier eine Parzelle kaufte, die Ortsbürgerschaft schenkten.»

Die Klimakatastrophe von 1816 Teil 2

Die Klimakatastrophe von 1816 (Teil 2)

Doch nicht nur Aaraus Hauptstadt-Traum platzte jäh, auch das Konstrukt der Helvetik funktionierte nicht. «Die Einführung der Helvetischen Republik war radikal, ein totaler Bruch», sagt Richner. «Man schaffte beispielsweise die Privilegien für Adlige ab, führte das Wahlrecht für jedermann ein und gründete Kantone, die von einer Stadt aus regiert wurden. Das funktionierte nicht, man war zu weit gegangen.»

Katastrophale Folgen für Industrie

1803 kam mit Napoleon der nächste Umbruch. Er mischte die Kantone neu und schuf den Kanton Aargau, wie wir ihn heute kennen. Ein Konstrukt aus vier Teilen, mit Aarau als Kantonshauptstadt. Eine Rolle, die die Aarauer stolz übernahmen – und gleichzeitig ein Hochseilakt. Alles musste aus- und abgewogen, ein neues Strafrecht erlassen, die Bildung reorganisiert werden. Und das alles mit grossen finanziellen Sorgen im Nacken.

Die Klimakatastrophe von 1816 Teil 3

Die Klimakatastrophe von 1816 (Teil 3)

«Es herrschte Aufbruchstimmung, der Aargau wollte als Musterschüler alles richtig machen», sagt Richner. Doch da hatten die Leute die Rechnung ohne die machtpolitischen Ziele Napoleons gemacht.

Napoleon verhängte die Kolonialsperre – mit katastrophalen Folgen für die Aarauer Textilindustrie. Die Sperren brachten nicht nur die exportierenden Firmen in höchste Not, sondern auch den Binnenhandel ins Stocken. Um 1810 stand die Wirtschaft kurz vor dem Zusammenbruch: Den Aarauer Fabrikanten gingen die Baumwoll-Vorräte und die Farbmittel aus, gleichzeitig machte sich ein Mangel bei den Kolonialwaren bemerkbar. Die Preise für Kaffee, Zucker, Tee und Pfeffer stiegen in astronomische Höhen.

«Giebts doch in der That in unseren betrübten Zeiten kaum eine wichtigere Staats-Stadt-Dorf oder Haus-Angelegenheit, als den Kaffee und die Wehklage um seine Theuerung», wetterte der Schweizer-Bote.

Die Klimakatastrophe von 1816 Teil 4

Die Klimakatastrophe von 1816 Teil 4

Doch nicht nur die Textilindustrie ächzte unter der Export-Krise: Aarau war um 1800 in erster Linie eine Handwerkerstadt mit 40 Messerschmieden, 26 Uhrmachern, 26 Metzgern, 25 Bäckern, 24 Schustern, 18 Weissgerbern, 16 Schneidern zehn Modelstechern und zehn Kammmachern. Auch die Handwerker litten unter der ausländischen und inländischen Konkurrenz.

Krieg, Hunger, Alkohol

Nach der Aufhebung der Kontinentalsperre 1813 wurde die Aarauer Wirtschaft in die allgemeine Depression hineingezogen. England hatte die Industrialisierung vorangetrieben und überschwemmte Europa mit Billigware, die hiesigen Fabrikanten blieben auf ihrer Ware sitzen. Gleichzeitig tobte in Europa der Krieg und Napoleon heischte Soldaten aus dem Aargau. Aarau und die umliegenden Gemeinden mussten Hunderte ausländische Soldaten verköstigen.

Als Napoleon 1815 geschlagen war, fehlte dem Aargau die Schutzmacht und Bern streckte wieder seine Finger nach dem ehemaligen Untertanengebiet aus. Aarau wehrte sich mit Händen und Füssen gegen die konservativen Kräfte und verdankt seine Eigenständigkeit dem russischen Zaren, der als Schutzmacht für den Aargau auftrat und den Bernern auf die Finger klopfte. 1815 bekam der Aargau schliesslich eine neue Verfassung.

Der Krieg war vorbei. Doch um Aarau stand es schlecht: Zu den Unsicherheiten als Hauptort eines neuen Kantons, der Absatzkrise in der Textilindustrie und dem kränkelnden Handwerkertum kamen die enormen Schulden durch die Hauptstadt-Episode und die Verköstigung der Soldaten. Und dann kam das Jahr ohne Sommer, das Jahr 1816 mitsamt der Hungersnot. «Der gegenwärtige allgemeine Friede droht dem Handel und Gewerbefleiss noch gefährlicher zu werden als vormals der beständige Krieg gewesen», schrieb die Kulturgesellschaft.

1818 waren rund die Hälfte aller in der Baumwollindustrie beschäftigten Erwerbstätigen arbeitslos, die Hälfte aller Messerschmiede und Uhrmacher hatte die Flinte ins Korn geworfen und ihr Auskommen in anderen Berufen gesucht. Der handwerkliche Mittelstand verarmte. Die Folge waren Arbeitsunlust und Alkoholismus. Der Schweizer-Bote donnerte 1811: «Mancher Handwerksmeister bringt an einem Abend in lustiger Kompagnie mehr durch, als er in einer ganzen Woche verdienen kann.»

Die Folge: Die Gebeutelten suchten einen Ausweg, eine neue Perspektive. Aaraus Auswanderungswelle kam ins Rollen.

Literatur: «Die Frey von Aarau, 1773 – 1949» von Robert Oehler, Aarau 1949, «Geschichte der Stadt Aarau», Aarau 1978.