Wussten Sie, dass bis Ende des 19. Jahrhunderts ein Bauernhof am heutigen Schlossplatz stand? Nein? Macht nichts. Stadtpräsidentin Jolanda Urech hat es auch erst gestern erfahren – an der Vernissage des neuen virtuellen Stadtführers, der Swiss Squares App.

Aarau ist ab sofort als siebte Schweizer Stadt auf dem Smartphone-Programm «Swiss Squares App» vertreten. Diese innovative App wird vom Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein SIA herausgegeben und will Baukultur auf eine völlig neue Art vermitteln.

Man fokussiert sich dabei auf Plätze (engl. Squares) und zeigt deren Ansichten von gestern, heute und morgen – einschliesslich alternativer Planungsmodelle. So sieht man zum Beispiel, dass in der Laurentzentorgasse in den 50ern die Strasse massiv hätte verbreitert werden sollen – zum Vorteil des Autoverkehrs. Oder man erfährt, wie der Kasernenplatz dereinst aussehen könnte, wenn er dann endlich zivil genutzt werden kann.

Wie funktioniert das jetzt mit der «Augmented Reality»? Projektleiterin Claudia Schwalfenberg zeigt im Video, wie man mithilfe der Kamerafunktion des Smartphones Informationen zu den Plätzen live auf den Bildschirm holen kann.

Wie funktioniert das jetzt mit der «Augmented Reality»? Projektleiterin Claudia Schwalfenberg zeigt im Video, wie man mithilfe der Kamerafunktion des Smartphones Informationen zu den Plätzen live auf den Bildschirm holen kann.

Jolanda Urech zeigte sich zufrieden, dass Aarau zu den ersten Städten gehört, die auf «Swiss Squares» vertreten ist. «Das heisst ja, dass wir etwas zu zeigen haben», sagte sie. Denn dass Aarau unter den ersten Städten ist, die in die App aufgenommen wurden, liegt nicht daran, dass der SIA 1837 hier (im Casino) gegründet wurde. Vielmehr ist es der baukulturellen Vielfalt der Stadt und dem Engagement von Alt Stadtbaumeister Felix Fuchs zu verdanken, der die Anfrage des SIA begeistert aufgenommen und nach seiner Pensionierung letzten Herbst die Umsetzung übernommen hat.

Alle Inhalte der «Aarau»-Version von Swiss Squares hat er in monatelanger Arbeit zusammengetragen, tausende Dokumente gesichtet. Dabei durfte er nicht nur auf das umfangreiche Stadtarchiv und die Unterlagen des Stadtmuseums und der Denkmalpflege zurückgreifen, sondern auch auf private Sammlungen. «Ich bin auf richtige Trouvaillen gestossen, die nun mit der App erstmals öffentlich werden», sagt Fuchs.

Projektleiterin Claudia Schwalfenberg vom Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein SIA erklärt, wie man mit der App Aarau vom heimischen Sofa aus erkunden kann.

Projektleiterin Claudia Schwalfenberg vom Schweizerischen Ingenieur- und Architektenverein SIA erklärt, wie man mit der App Aarau vom heimischen Sofa aus erkunden kann.

Live vor Ort oder zu Hause

Und wie funktioniert die «Swiss Squares App» nun? Es gibt zwei Ansichten: Die konventionelle, mit der man vom heimischen Sofa aus alle Plätze mit Hintergrundinfos abrufen kann – so wie bei einer herkömmlichen App. Und die innovative «Augmented Reality»-Ansicht, die dann funktioniert, wenn man mit dem Smartphone selber vor Ort ist. Wer zum Beispiel auf dem Schlossplatz steht, die App öffnet und die Kamerafunktion einschaltet, erhält live auf sein Kamerabild eingeblendet die Informationen zu den Bauwerken rund um den Platz.

Das Vorbild für die App hat das Museum of London geliefert. Dieses hat eine ähnliche Smartphone-Anwendung lanciert. «Früher haben die Museen die Objekte in das Museum hineingeholt», sagt SIA-Projektleiterin Claudia Schwalfenberg. «Nun gehen sie vermehrt wieder nach draussen und verorten die Sachen da, wo sie herkommen.»

Die App gab es bisher nur für iPad und iPhone. Sie wurde rund 5500 Mal heruntergeladen. Das dürfte sich nun vervielfachen, denn zeitgleich mit der Lancierung der «Aarau»-Version ging auch die Android-Anwendung online. Die App ist in deutsch, englisch, französisch und italienisch erhältlich. Spätestens morgen dürfte sie in allen App-Stores verfügbar sein – und dann kann man Aaraus Plätze aus jedem Winkel der Welt erkunden.

«Ich hoffe, dass die Leute jetzt nicht zu Hause bleiben und sich mit der virtuellen Welt begnügen», sagte Stadtbaumeister Jan Hlavica an der Vernissage. Doch Claudia Schwalfenberg vom SIA konnte ihn beruhigen: «Die Erfahrungen von Museen, die ihre Sammlungen online zeigen, belegen: Die Leute werden angefüttert und neugierig gemacht – dann kommen sie erst recht.»