Aarau

Vom Pöstler zum studierten Geologen und Doktoranden

Stolz ist Lorenz Wüthrich auf sein Geleistetes nicht, sondern vielmehr dankbar für die Möglichkeit, die Matur überhaupt nachholen zu können.

Stolz ist Lorenz Wüthrich auf sein Geleistetes nicht, sondern vielmehr dankbar für die Möglichkeit, die Matur überhaupt nachholen zu können.

Lorenz Wüthrich hat sich nach der Matur innert zehn Jahren vom Postangestellten zum studierten Geologen und Doktoranden am Geografischen Institut der Uni Bern gemausert. Heute erforscht er das Klima der Eiszeit.

Einst hat er in Aarau Briefkästen geleert und Post sortiert. Heute kauert er auf Exkursionen in der russischen Steppe und rekonstruiert mittels Bodenproben die Temperaturen der letzten Eiszeit. Lorenz Wüthrich (33), als Teenager schulmüde und auf das erste eigene Geld aus, hat sich nach der Matur innert zehn Jahren vom Postangestellten zum studierten Geologen und Doktoranden am Geografischen Institut der Uni Bern gemausert.

Gejuckt hatte es Wüthrich schon bald, schon mit 18 Jahren. Mit 17 hatte der Unterentfelder die einjährige Lehre zum «uniformierten Postbeamten» gemacht und arbeitete im Briefzentrum in Aarau. Die Leute waren gut, die Atmosphäre im Betrieb gefiel ihm, der Lohn stimmte und er war froh, musste er nach einem Jahr die Schulbank nicht mehr drücken. Aber eigentlich fühlte er sich unterfordert, die Arbeit war ihm zu eintönig. Wüthrich ging zum Berufsberater. Er spielte mit dem Gedanken, Krankenpfleger zu werden.

«Ich war nicht ausgesprochen gut in der Schule und dachte, ich hätte nicht besonders viele Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt», sagt er. Der Berufsberater nickte und fand, Krankenpfleger sei doch eine gute Sache. Doch als Wüthrich keine Praktikumsstelle fand, liess er es wieder bleiben und machte mit 20 eine Requalifizierung bei der Post. Aus der einjährigen Ausbildung war in der Zwischenzeit eine dreijährige geworden, Wüthrich liess sich zum «Postangestellten» weiterbilden. 

Da legte Wüthrich den Schalter um, beim Schreiben seiner Vertiefungsarbeit. «Ich fand es toll, mich in ein Thema so reinzuknien», sagt er. Als er von einem Kollegen hörte, dass dieser die Matur nachgeholt hatte, wollte er das auch. Doch schon im nächsten Moment packten ihn die Zweifel, ob er das überhaupt schaffen könne. «Weil das erste Semester prüfungsfrei war, traute ich mich doch», sagt er und lacht. Und so marschierte Wüthrich im Februar 2004 als 23-Jähriger mit einem Rucksack voller Schulbücher auf den Pausenplatz der Neuen Kantonsschule Aarau, zu seinem ersten Schultag an der Aargauischen Maturitätsschule für Erwachsene, kurz AME.

«Plötzlich wieder zur Schule zu gehen, war schon etwas ungewohnt», sagt Wüthrich. Aber er habe sich schnell eingefunden, selbst die Schulmüdigkeit kam nicht wieder auf. Das Selbststudium – nur am Mittwochnachmittag und am Samstag musste er zur Schule – hätte ihm sehr entsprochen. Im Schwerpunktfach hatte er Wirtschaft und Recht gewählt, Geschichte als Ergänzungsfach. «Ich war wahnsinnig neugierig, Lernen hat auf einmal Spass gemacht.» Selbst in Mathe, seinem einstigen Problemfach, kam er nach einem Sondereffort wieder mit. «Ich hatte doch in der Zwischenzeit alles vergessen und konnte gerade noch das Einmaleins», sagt er und lacht. «Ich hatte wirklich viel aufzuholen.» Auch finanziell kam Wüthrich einigermassen über die Runden; er wohnte noch bei den Eltern, lebte sparsam und von seinem Ersparten, half für ein bisschen Geld dem Vater im Geschäft, verkaufte am Graben in Aarau Rosen oder sortierte im Kantonsspital Baden Röntgenbilder.

Begeistert von seiner Geschichtslehrerin entschied Wüthrich sich nach der Matur 2007 für ein Geschichtsstudium in Zürich. Doch das war nichts. Er habe gemerkt, dass er doch eher naturwissenschaftlich veranlagt sei. «Man kann raus an die frische Luft, schaut die Natur mit anderen Augen an und sieht, wie alles entstanden ist.» Und so wechselte er 2008 nach einem Abstecher an die Uni Basel an die ETH Zürich, wo er Erdwissenschaften studierte und 2013 sein Studium als Geologe abschloss. Inzwischen wohnt er in Winterthur und doktoriert an der Uni Bern, untersucht zur Vegetations- und Klimarekonstruktion der Eiszeit Seen in Deutschland und Landstriche in Russland und referiert an Fachseminaren zum Thema «Tiefenprofil-Datierung von Moränen im Schweizer Mittelland», seiner Masterarbeit.

Wüthrich bereut an seinen Lebenslauf mit Umwegen nichts. «Ich habe diese Anlaufzeit einfach gebraucht, ich möcht sie nicht missen.» Ist er stolz auf das Geleistete? «Nein, ich bin nicht unbedingt stolz, sondern in erster Linie froh, diese Möglichkeit, die Matur nachzuholen, überhaupt gehabt zu haben.» Eigentlich gehe er mit seiner Erfolgsgeschichte nicht hausieren, sagt Wüthrich und schaukelt seinen fünfeinhalb Monate alten Sohn Eero auf den Knien. Ihm wird er sicher als gutes Vorbild dienen. Und wenn er es mit dem Erzählen seiner Geschichte auch anderen sein kann, ist es ihm recht: «Man muss nicht besonders intelligent sein, sondern einfach mutig genug, es auszuprobieren.» Und ja, ein bisschen Fleiss gehöre auch noch dazu, sagt er und lacht.

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