Der Flüchtlingsstrom fliesst zwar langsamer als auch schon, aber er reisst nicht ab. Es kommen nicht nur Erwachsene, die bei positivem Asylentscheid irgendwie in den Arbeitsmarkt integriert werden müssen, sondern auch viele Kinder und Jugendliche. Sie stellen die Schulen vor Herausforderungen, nicht nur in sprachlicher Hinsicht. Gerade, wenn viele auf einmal kommen. Wie gehen die Schulen in der Region damit um?

An der Oberstufe im Aarauer Schachen werden sogenannte Regionale Integrationskurse (Rik) durchgeführt. Eigentlich ist der Unterricht nicht nur für Asylbewerber gedacht, sondern für alle fremdsprachigen Neuzuzüger-Kinder. Dennoch seien zwei Drittel der gut 40 Rik-Schüler, die im Schachen zur Schule gehen, Flüchtlinge, sagt Schulleiter This Rohr.

Früher bestanden diese Klassen aus Südeuropäern. Familiennachzügler, Kinder von Arbeitsmigranten. Im Moment kommt ein Grossteil aus Eritrea und Afghanistan. Ein paar leben bei ihren Familien in der Region. Viele sind jedoch «Umas» (Unbegleitete Minderjährige Asylsuchende) und wohnen in der Unterkunft an der Weihermattstrasse. Mit ihnen gibts manchmal Probleme. Keine disziplinarischen, beteuert This Rohr. Es sind die Absenzen. Haben die Jugendlichen keinen Bock auf Schule? «Das ist es nicht», sagt Rohr. «Aber viele sind in einer schlechten psychischen Verfassung. Da ist Schule nicht immer das Wichtigste.»

Laufend neue Zuweisungen

Neben den Regionalen gibt es im Aargau auch ein paar wenige Kommunale Integrationsklassen (Kik). Eine davon in Menziken. Auch hier werden der Schule laufend Asylbewerberkinder zugewiesen. Nicht schön per Anfang Schuljahr, sondern laufend. Mindestens ein Dutzend Schüler seien es eigentlich immer, vorwiegend im Oberstufenalter, erzählt Monika Jung, Schulleiterin für Primarschule Unterstufe/Kleinklassen. Auf eine Zuweisung folgt ein Aufnahmegespräch mit Eltern, Dolmetschern, Schulleitung und Klassenlehrperson.

Dabei geht es zum einen um ganz praktische Dinge: Kann das Kind ein bisschen Deutsch? Welche Schrift kennt es? Hat es ein Zeugnis? War es überhaupt je in einer Schule? «Es gibt Kinder im Mittelstufenalter, die noch nie Unterricht hatten», erzählt Jung.

Und dann wird bei diesen Aufnahmegesprächen behutsam auch sehr Persönliches angesprochen: Was hat das Kind erlebt? Ist es von den Geschehnissen in seiner Heimat oder auf der Flucht traumatisiert? «Wir drängen nicht darauf, dass die Eltern uns das erzählen», sagt Jung. Aber es helfe den Lehrpersonen, das Verhalten der Schüler einzuordnen. Denn traumatisierte Kinder und Jugendliche können sehr schreckhaft sein, unruhig – das stört mitunter den Unterricht.

Im Anschluss informiert die Schulleiterin die Eltern darüber, was ihr Kind für den Unterricht mitbringen muss. Turnsäckli, Badetuch, Sporthose. Und Finken. Wie erklärt man jemandem, der gerade aus einem Kriegsgebiet kommt, dass er jetzt Finken braucht? «Da kommt man sich schon komisch vor», sagt Jung. «Ich frage mich, wie solche Bestandteile unserer Volksschulkultur auf Neuankömmlinge wirken, die aus einer ganz anderen Realität kommen.»

Wie viele Wochen oder Monate die Schüler in der Spezialklasse bleiben, ist völlig unterschiedlich. Bevor sie in reguläre Klassen eingeteilt werden, wird ihr Lernstand erhoben und sichergestellt, dass sie dem alltäglichen Ablauf in einer Klasse gewachsen sind. Insgesamt ein Jahr haben diese Schülerinnen und Schüler eine intensive Begleitung zugut.

Jüngere Kinder kommen mit der fremden Sprache meist rascher zurecht. «Auch Schüler aus dem Nahen Osten, die dort ein Pro-Gymnasium besucht haben und sich auf Englisch oder Französisch verständigen können, bleiben meist nur wenige Wochen ausschliesslich im Kik», sagt Monika Jung. Sobald die Schüler dem Unterricht in der Regelklasse folgen können, werden sie dorthin versetzt, parallel aber weiterhin beim Deutschlernen unterstützt.

Und wie findet das die Klasse?

Auf der einen Seite sind die Kik-Schüler. Auf der anderen Seite die der Regelklassen. Jeder neue Schüler, der von der Kik in eine bestehende Klassengemeinschaft übertritt, ändert deren Gruppendynamik. Wie kommt das bei den «normalen» Schülern an?

Monika Jung macht keinen Hehl daraus, dass das oft nicht so einfach ist mit den verschiedenen Kulturen. Ja, mitunter fühlten sich Schüler und Lehrer der Regelklasse durch den Neuzugang gestört. «Aber manchmal entstehen schnell Freundschaften, das Exotische kann ja auch interessant sein», sagt die Schulleiterin.

Bei allen Herausforderungen: Jung sieht die Kik-Schüler auch als Bereicherung für die Schule Menziken: «Sie sind oft total motiviert und haben Freude am Lernen.» Umso frustrierender sei es, wenn ein Kind die Schule wieder verlassen müsse. Weil die Familie in eine weiter entfernte Unterkunft verschoben wird. Oder weil aus der Schweiz ausgewiesen werden. «Verheerend», sagt Jung. «Sie sind hier in eine Gemeinschaft eingegliedert, es gibt eine gewisse soziale Kontrolle. Dann werden sie wieder herausgerissen – das ist schade für alle.»

Bald viel mehr Schüler?

Ab Sommer werden in der Menziker Asylunterkunft «Sternen», wo heute Familien und Einzelmänner leben, ausschliesslich unbegleitete minderjährige Asylsuchende untergebracht, die Rede ist von 80 Personen. Auf die Schule Menziken kommt also eine Herausforderung zu. «Vom Kanton haben wir noch gar nichts gehört», sagt Monika Jung. Sie gehe aber davon aus, dass die Schule bei Bedarf vom Departement Bildung, Kultur und Sport «unbürokratisch unterstützt» werde. «Panik bricht bei uns jedenfalls nicht aus – wir haben mittlerweile Erfahrung und sehen der Aufgabe mit Goodwill entgegen.»