Februar 2017: Abass Hassani braucht ein Handy. Ein neues? Unbezahlbar für den Asylsuchenden in St. Gallen. Also sucht er auf der Verkaufsplattform Tutti nach einem gebrauchten; findet das Angebot für ein iPhone und tippt seine Anfrage an die Verkäuferin. Nie hätte sich der junge Afghane träumen lassen, dass er so viel mehr bekommen würde als nur ein Elektronikgerät.

«Sie haben Handy zu verkaufen» – diese Nachricht trudelt an jenem Februartag bei Marianne Goldenberger ein. Die Inhaberin des Coiffeursalons Hairstyle-Ambiance in Küttigen wundert sich über das gebrochene Deutsch. Aber der Absender wirkt freundlich. Sie wird neugierig, fragt nach, ein angeregtes Gespräch entsteht, man siezt sich anständig. Das iPhone wechselt den Besitzer. Als Dank schickt Hassani ein Geschenk in den Aargau.

Eine schier unglaubliche Geschichte

«Ich musste ihm erst erklären, wie man in der Schweiz ein Päckli macht und aufgibt, das kannte er gar nicht», erinnert sich Marianne Goldenberger und lacht. Es ist jetzt September 2019. Abass Hassani (26) sitzt im schwarzen Hemd neben Goldenberger in deren Coiffeursalon. Dass er hier gelandet ist, obwohl er nur ein iPhone kaufen wollte, ist eine schier unglaubliche Geschichte.

Hassani ist im zweiten Lehrjahr, schneidet Haare, Locken föhne er besonders schön, findet seine Chefin. Aus dem Handyverkaufsgespräch ist eine Freundschaft entsprungen. Marianne Goldenberger half dem Flüchtling beim Deutschlernen, besuchte ihn in St. Gallen. Sein Asylgesuch wurde zwar abgewiesen, er hat aber den Status F: Vorläufig aufgenommen. Damit darf Abass Hassani arbeiten. Es könnte zwar sein, dass man ihn zurück nach Afghanistan schickt. «Aber dort wirds eh nicht mehr gut», sagt Goldenberger.

Vierzig Tage lang auf der Flucht gewesen

Wenn Abass Hassani seine Geschichte erzählt, merkt man, dass er sie schon dutzendfach wiederholt hat. «Meine Flucht dauerte 40 Tage. Zuerst in den Iran, dann Türkei, Griechenland, Serbien, Kroatien, Österreich, Schweiz. Seit drei Jahren und sechs Monaten bin ich hier.»

Aufgewachsen ist er in einem afghanischen Dorf, achtzig Einwohner. Als Teenager ging er zum Arbeiten in die Stadt. Zwei Franken verdiente er pro Tag, das ist für afghanische Verhältnisse nicht mal so wenig. Aber da war der Islamische Staat (IS), da waren die Taliban. Letztere raubten Hassani die Einkünfte eines ganzen Monats, als sie ihn nachts im Zimmer überfielen. «Und ich hätte, wie alle ab zwölf Jahren, in den Krieg gehen müssen. Dann bin ich geflohen.»

Vom Besucher zum Lehrling

In Afghanistan hatte Hassani als Herrenschneider gearbeitet. Goldenberger: «Ich wollte sehen, ob aus ihm auch ein Coiffeur werden könnte.» Da Asylsuchende nicht schnuppern dürfen, um einen Beruf kennen zu lernen, sei Abass Hassani als Besuch zu ihr gekommen und «schaute ein bisschen zu», erzählt die Coiffeuse, und malt Anführungszeichen mit ihren Fingern in die Luft.

Zwei Tage schaute er ihr bei der Arbeit über die Schulter, probierte sich am Puppenkopf aus. Es passte. Goldenberger, erfolgreiche Ausbildnerin seit Jahren, bot dem Flüchtling eine Lehrstelle an. «‹Marianne, goht’s no?, sagten meine Kunden», erinnert sie sich und lacht. «Aber ich konnte ja nichts verlieren, ausser ein bisschen Geld.»

Doch die bürokratischen Hürden waren hoch, die Telefondrähte zwischen dem Aargau und St. Gallen glühten. «So einen dicken Ordner habe ich von ihm», sagt Marianne Goldenberger, und hält beide Hände zehn Zentimeter auseinander. Wollte sie nie aufgeben? «Nein!», sagt die Lehrmeisterin laut und bestimmt, noch bevor die Frage fertig ausgesprochen ist. Man kann sich vorstellen, wie hartnäckig sie sein kann.

Ein Kantonswechsel wurde dem vorläufig aufgenommenen Flüchtling nicht gestattet. Man einigte sich darauf, dass Hassani offiziell in St. Gallen wohnen bleibt und von der Stadt Sozialhilfe erhält, er aber in Küttigen seine Lehre machen darf. Die ersten drei Wochen pendelte er, aber mit über zwei Stunden pro Weg war das auf Dauer keine Lösung.

Seine Chefin organisierte ihm eine Übernachtungsmöglichkeit in der Region – die sie bezahlt. Es durfte die öffentliche Hand nichts kosten. Die Behörden zeigten sich kooperativ für die etwas unkonventionelle Lösung: Hassani reist weiterhin jede Woche nach St. Gallen und nimmt dort Deutsch- und Matheunterricht. Sein Lehrlingslohn wird mit der Sozialhilfe verrechnet, Hassani bekommt davon einfach weniger, wenn der Lohn steigt.

«Die Kunden haben ihn längst lieb gewonnen»

In den praktischen Berufskursen ist der Lehrling sehr gut, das zeigt auch ein Diplom des «Aargauer Hair Cup» an der Wand. In den allgemeinbildenden Fächern bekommt er Unterstützung von allen Seiten: «Sogar meine Kunden helfen ihm, wenn ich gerade keine Zeit habe», so Goldenberger. «Sie haben ihn längst lieb gewonnen und werfen auch mal Geld in sein Trinkgeldkässeli, wenn er sie gar nicht bedient hat.»

Überhaupt kommt der junge Mann, der inzwischen recht fliessend Deutsch spricht, gut an. «Ich weiss, was Rassismus ist, aber ich habe es selber nie erlebt», sagt er. «Du bist ja auch zuvorkommend und freundlich; das macht so viel aus», betont die Chefin.

Bleibt die Frage: Wieso tut Marianne Goldenberger, verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder, das alles? Sie muss nicht lange nachdenken: «Wenn ich an Abass’ Stelle wäre, wäre ich auch froh, wenn das jemand für mich machen würde. Er ist ein guter, hilfsbereiter Mensch. Man hört ja immer, Ausländer lügen. Aber er hatte noch nie eine Strafe, ist immer pünktlich, auch in der Schule.»

Noch knapp zwei Jahre bis zur Lehrabschlussprüfung, bis zum ersehnten eidgenössischen Fähigkeitszeugnis für Abass Hassani. Was kommt danach? «Mein Ziel ist es, genügend Geld zu verdienen, um selbstständig leben zu können», sagt er.