Die Leiche? Er schüttelt den Kopf. Komplett ungeeignet. Bocksteif daliegen, nicht atmen und schon gar nicht reden. Das ist nichts für ihn. Rolf Maurer, 51, ein hemmungsloser Unterhalter, ein Euphorischer, ein Hansdampf, da platzt immer alles aus ihm raus, Rolf Maurer, im normalen Leben Güselwagenfahrer, daneben und zwischendurch und am liebsten hauptsächlich Statist. Er war beim «Tatort», beim «Bestatter», spielte im «Der Hamster» oder «Der Verdacht» oder im «Heidi»-Film, war Fahnder, Bergbauer, verletzter Tourenskifahrer, Barbesitzer, Kampfsportler, Velorennfahrer, Höhlenforscher, Familienvater am Rand des Fussballfeldes, Chauffeur, Polizist, Spurensicherer und ziemlich oft Passant. Bleibt sein Handy fünf oder sechs Stunden lang still, kommt so lange keine Anfrage oder kein Angebot für eine neue Rolle, hat er Angst, das Gerät sei kaputt.

Rolf Maurer ist eine Wucht. Der ist präsent, der ist da, ein bisschen geschwätzig und mit einem Gesicht, das man nicht mehr vergisst. Schauspieler wollte er nie werden, als Kind hatte er von anderem geträumt. Und doch, wenn er sich das heute so überlege: «Die Talente waren immer schon da.» Mit einer Schnur habe er sich das lange, dünne Sofakissen wie eine Fliege um den Hals gebunden und mit Mantel und Hut den Clown gespielt und so die Gäste in der Stube unterhalten. «Der Traum hat lange geschlummert, irgendwo in einem kleinen Schublädli», sagt er und lacht, wie so oft, laut und mit weit geöffnetem Mund.

Rolf Maurer in einem Werbespot für Calanda (2013)

Rolf Maurer in einem Werbespot für Calanda (2013)

Mit Nancy Holten als Ehefrau

Mit 14 oder 15 Jahren nahm Maurer den ersten zaghaften Anlauf, wollte an ein Casting für eine Barock-Aufführung an der Schauspielschule Zürich. Gegen den Willen des Vaters. Gibt es nicht, hatte der gesagt, das Geld fehlt, und sowieso: «Lern etwas Rechtes, Bueb.» Maurer liess das Casting sausen, der Mut hatte ihn verlassen, und wurde Maurer. Heute arbeitet Rolf Maurer beim Werkhof Aarau, ist Chauffeur für den Güselwagen oder die Putzmaschine. Seit 23 Jahren.

Ein spannendes Leben. Aber seit dreieinhalb Jahren ist Rolf Maurers Leben anders. Der Maienzug 2013 hat alles verändert. Der Maienzug und der «Bestatter» – und schuld sind die Nachbarn aus dem Dammquartier. «Sie sagten mir, ich müsse mich unbedingt für eine Statistenrolle melden.» Und es passierte, was nie passiert: Rolf Maurer zögerte, wurde kleinlaut. Er, der um keinen Spruch verlegen ist, der Alleinunterhalter, der Schwafli. «Es brauchte zwei Anläufe, bis ich mich traute.» Aber dann stellte er sich im orangen Arbeitsgwändli und mit einer Schaufel in den Garten, liess sich vom Sohn fotografieren und schickte Foto und Angaben ein.

Rolf Maurer in einem Kurzfilm fürs Zürcher Filmfestival (2014)

Rolf Maurer in einem Kurzfilm fürs Zürcher Filmfestival (2014)

Mit dem ersten Drehtag war es um Maurer geschehen. «Das het inebrätscht», sagt er in seinem breiten Berndeutsch, diese Kameras, die Technik, das Licht, das Filmteam, er könne es nicht erklären. «Es war Liebe auf den ersten Blick.» Rolf Maurer, der Passant im Sonntagsanzug, war der glücklichste Mensch am Maienzug. «Ich bin nicht einfach durchs Bild getrottet», sagt er, er habe gleich gespielt, das sei richtig in ihn hineingefahren. «Ich habe gestikuliert und die anderen aufgefordert, mitzumachen, «jetzt gehen wir einen Trinken», habe er zu den anderen Statisten gesagt, ganz so, wie man das auch in echt nach dem Maienzug tut. Der Regisseur sei begeistert gewesen, sagt er. Und danach stand das Telefon nicht mehr still.

«Wenn man erst einmal auf einer dieser Listen ist, geht es immer weiter», sagt Maurer. Jede Woche ist er bei einem oder zwei Castings, steht vor der Kamera, bewegt sich, spricht etwas vor, wenn es passt gleich mit Kollegin Nancy Holten zusammen, als Ehepaar, weil sie beiden so gut miteinander klarkommen. Seit ein paar Monaten besucht Maurer abends ausserdem eine Schauspielschule. «Es ist eine Sucht.» Eine Sucht, die eine rasche Auffassungsgabe und vor allem Flexibilität braucht. Manchmal kommen Anfragen am Abend vor dem Dreh, dann krempelt Maurer den Arbeitsplan um. «Ohne meine Chefin Regina Wenk und meine verständnisvollen Arbeitskollegen wäre das nicht möglich», sagt Maurer. Dafür übernehme er auch mal einen Sonntagseinsatz.

Hilfe schenken: Ein Spot für «Heks» (2016)

Hilfe schenken: Ein Spot für «Heks» (2016)

«Das ist harte Arbeit»

Manchmal steht Maurer mehrere Tage vor der Kamera, bis zu vierzehn Stunden am Stück, zieht sich dutzende Male die Gummihandschuhe an, faltet die Wolldecke zusammen, bückt sich über die Schublade und steht wieder auf, alles auf die Sekunde genau, um genau im richtigen Moment im Bild zu erscheinen. «Das ist harte Arbeit», sagt er. «Ohne Statisten gibt es keinen Film.» Und doch bekommt er für seine Arbeit kaum Geld – ärgert ihn das nicht? «Fehlendes Geld stört mich nicht, nur fehlende Wertschätzung.» Er wehre sich deshalb auch gegen das Abspeisen mit einem feuchten Händedruck. «Aber das ist ein Kampf gegen Windmühlen. Wenn du es nicht gratis tust, tut es ein anderer.» Und manchmal, da ist die Arbeit für die Katz, Mauerer wird herausgeschnitten. «Das wurmt mich nicht so», sagt er. Natürlich habe er Freude daran, wenn er sich im fertigen Film sehe. Aber zählen tut für ihn etwas anderes: «Ich war dabei, ich habe den Dreh erlebt. Ich war Teil des Grossen.»

Noch ist Maurer nicht am Ziel. Noch nennt er sich Statist, höchstens Schauspiel-Schüler. Noch immer ist er der stumme Filmstar, sein Wunsch ist eine erste Sprechrolle. «Ich bin noch jung. Vielleicht kommt einmal die grosse Rolle, vielleicht kommt sie nie.» Er träume nicht davon, er lasse es geschehen. Und wenn es nicht geschehe, sei es auch nicht schlimm. «Der Film hat mein Leben verändert, ich bin so glücklich wie nie zuvor.» Eines wisse er mit Sicherheit: «Wenn ich einmal sterbe, dann mit einem Lächeln im Gesicht.»