Tränen auf dem Gang des Schulhauses. Das gibt es wohl auf der ganzen Welt am ersten Schultag. In der internationalen Schule in Schönenwerd glänzen die Wangen von Raphael feucht. Die meisten seiner neuen Klassenkameraden kennen sich schon von der Vorstufe, der «Primary Intro», her. Für Raphael ist alles neu. Die Lehrerin schiebt ihn zwischen zwei Schüler, die ihn an der Hand in den Schulhof führen, wo es los geht mit einem Fangis. «Catch me, catch me!», ruft eine Erstklässlerin herausfordernd. Ihr Verfolger versteht auch ohne Englischkenntnisse, was er zu tun hat.

Staatliche Schule ist eine Messlatte

So viel anders als in normalen Primarschulen ist der erste Schultag an der Swiss International School (SIS) in Schönenwerd also nicht. Auch der Unterrichtsstoff, der auf die Neulinge wartet, entspricht in grossen Teilen dem der staatlichen Schulen. Das ist Absicht. «So können die Schüler jederzeit wechseln», sagt Schulleiter Marc Zängerle. Der zweite Grund: Die staatlichen Schulen sind gut, mithalten zu können ist für Privatschulen durchaus eine Herausforderung.

Nicht alle Privatschulen schaffen das. Deswegen wechselte der heute 12-jährige Samuel einst von einer internationalen Schule in Zug in die reguläre Primarschule. Gestern aber hatte Samuel seinen ersten Schultag als Oberstufenschüler wieder in einer internationalen Schule. Seine Eltern haben ihm beim Umzug nach Lostorf die Wahl gelassen. «Ich glaube», sagt er unverblümt, «als Chaot bin ich in den kleineren Klassen hier besser aufgehoben.» Ein cleverer Chaot: Samuel besucht an der SIS das Progymnasium, eine neu gegründete Schulstufe.

Nicht nur für die Oberschicht

110 Schüler aus der ganzen Welt besuchen die SIS, rund 60 Prozent sind Schweizer. Die eine Hälfte der Kinder wohnt im Aargau, die andere im Kanton Solothurn. Eine Schule für die Elite? «Nein», sagt Schulleiter Zängerle, «unsere Kinder kommen aus allen Schichten. Denn der Hauptgrund, warum sie kommen, sind die Tagesstrukturen.» Auch ein gewöhnlicher Angestellter könne sich das Schulgeld leisten, wenn er dafür keinen Hort bezahlen müsse. Billig ist die Schule trotzdem nicht: 15 000 bis 20 000 Franken kostet ein Jahr. Wenn keine Eliteschule, dann eine für Problemschüler? Zängerle winkt auch hier ab: «Wir haben zwar in den kleinen Klassen mit rund 12 Schülern mehr Möglichkeiten, schwierige Kinder zu integrieren, aber wegen der Zweisprachigkeit können wir nicht einfach jeden nehmen.» Nur jeder zweite Bewerber wird aufgenommen. Denn spätestens in der Oberstufe muss ein Kind gut Englisch sprechen, um mithalten zu können. «Biologieunterricht auf Englisch ist nicht ohne.»

Die Zweisprachigkeit ist neben den kleinen Klassen und den Tagesstrukturen der grösste Pluspunkt der Schule. Die Hälfte aller Lektionen wird auf Englisch gehalten, von Lehrern, deren Muttersprache Englisch ist. «Es gilt: Ein Lehrer, eine Sprache, auch in der Pause», sagt Zängerle.

Die Flexibilität ist ein Pluspunkt

Der Schulleiter ist ein lockerer Typ, kein distanzierter Rektor. Und er verkauft seine Schule gut. «Wir müssen uns anstrengen, dass die Eltern bereit sind, das Schulgeld zu bezahlen», sagt er und streicht einen weiteren Vorteil heraus: Die SIS muss für sinnvolle Änderungen keine kantonale Lehrplanänderung abwarten. So wird das 10-Finger-System schon in der Primarschule gelehrt, dann, wenn die Kinder am Computer zu arbeiten beginnen.

Samuel sitzt jetzt in einer Geografiestunde auf Englisch und streckt fleissig die Hand auf. Und Raphael? Der Erstklässler hat seine Tränen vergessen, er muss aufpassen beim «Lumpeleggis». Die Kinder singen nicht «Lueged nid ume, de Fuchs goht ume», sondern: «I sent a letter to my love, and on my way I dropped it.»