Den Anfang machte 2011 Schriftsteller Andreas Neeser. Er setzte sich mitten auf die Insel eines Kreisels im Dorf und las mit klassischer Literatur gegen den Verkehrslärm an. Die Gemeinde Suhr leistet sich seit zwei Jahren einen Dorfschreiber. Eingesetzt wird er jeweils von der Kulturkommission und damit ist klar: Es geht bei diesem Amt nicht um trockene Protokolle.

In den letzten 12 Monaten zeichnete die Zürcherin Kati Rickenbach als Dorfschreiberin Comic-Bilder über Suhr. In der Aargauer Zeitung erschienen 48 «Suhrer Skizzen» mit Orten und Situationen, die Kati Rickenbach bei ihren monatlichen Besuchen in Suhr auffielen.

Auf dem Suhrer Chopf porträtierte sie an einem Sonntag die Suhrer Köpfe, sprich: die Dorfbewohner. Ausserdem findet im Herbst eine Vernissage statt, an der Kati Rickenbach fünf grössere Comic-Geschichten über Suhr vorstellt.

Ihr Blick von aussen auf Suhr habe sich mit den Monaten gewandelt, bilanziert die Comic-Zeichnerin. «Suhr ist vielfältiger, als es auf den ersten Blick scheint», sagt Rickenbach, sie habe viele spezielle Orte entdeckt.

Sie skizzierte beispielsweise das alte Industriegelände Huggler-Areal, nahm an einem Integrationstreffen teil und besuchte eine Schulklasse. «Mit so verschiedenen Einwohnern und 86 Nationen ist Suhr kein richtiges Dorf mehr», findet sie. Die Vielfalt gefiel ihr.

Rüge vom Gemeindeammann

Die «Suhrer Skizzen» jedoch gefielen nicht allen im Dorf. Zum Beispiel zeichnete sie einmal eine Freundin, die sich (per Gedankenblase) erinnerte, dass es die Hunzenschwiler Bezirksschüler, als auswärtige Schüler in der Bez in Suhr früher nicht leicht hatten.

Kati Rickenbach ahnte nicht, dass dies in Suhr politisch heikel ist, weil es momentan darum geht, dass Hunzenschwil seine Schüler weiterhin nach Suhr schickt. Der Gemeinderat fürchtete, die Skizze belaste die nachbarschaftliche Beziehung und hiess die Comic-Zeichnerin, sich bei Gemeindeammann Beat Rüetschi vorzustellen.

Dass ihre «harmlosen Skizzen» zu Kontroversen geführt hätten, habe sie super gefunden, sagt Rickenbach. «Eine Kontroverse ist das beste, was einem als Karikaturist passieren kann.»

Schon Andreas Neeser war ein Jahr davor angeeckt, als er sein riesiges Bild, das während einer Wort-Ton-Mal-Performance entstanden war, der Gemeinde schenken wollte. Diese fand jedoch keinen Platz dafür, worauf Neeser das Bild kurzerhand in kleinere Stücke zerschnitt und versteigerte.

Auch die Bilanz der Kulturkommission ist positiv: «Der Dorfschreiber als Institution ist im Dorf angekommen», sagt Elisabeth Wilhelm. Dies zeige sich daran, dass der neue Dorfschreiber vom Gemeinderat bereits zum Suhrer Kulturfest im Juni eingeladen worden sei.

Chronisten und Theaterleute

Der neue Dorfschreiber hat fünf Köpfe: Das Team des Theater Marie übernimmt das Amt für das nächste Jahr. Mit ihrer Produktion «Kino Marie» – die unabhängig vom Dorfschreiberamt entstanden ist – sind sie tatsächlich Dorfchronisten. Chronisten allerdings, über die Geschichte des Kinos. Als Theater. Das hat man noch nie gesehen –  sollte man aber sehen.

Die Übergabe des Dorfschreiberamtes (in Form einer Pfauenfeder vom Galeggenhof-Pfau) erfolgte am letzten Freitag nach einer Aufführung von «Kino Marie» im Gebäude des alten Kino Central in Suhr.

Auch diese fünf neuen Dorfschreiber sind keine Suhrer. Allerdings kommen sie jeden Tag zum Arbeiten ins Dorf – von Bern, Basel und Winterthur. «Wir umzingeln Suhr sozusagen», sagt Dramaturg Patric Bachmann.

Als Dorfschreiber wollen sie herausfinden «wie das Dorf funktioniert und was es zusammenhält». Sie planen Interviews mit Suhrern und wollen in einem Jahr auf einem Frühlingsspaziergang versteckte Suhrer Aktivitäten szenisch zeigen.

Nächste Veranstaltung mit den Dorfschreibern: 29. Juni, Tischgespräche beim Theater Marie.