Aarau
«Vielleicht kann ich von einigen Praktiken ja noch was lernen»

Mit viel Tam-Tam wurde der Film «Fifty Shades of Grey» im Vorfeld angekündigt. Am Valentinstag rief er im Aarauer Kinosaal eher peinliche Berührtheit hervor.

Seraina Ummel
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Ein Valentinstag ohne Romantik – zumindest in «Fifty Shades of Grey».

Ein Valentinstag ohne Romantik – zumindest in «Fifty Shades of Grey».

Zur Verfügung gestellt

Für eine Sekunde ist es mucksmäuschenstill im Saal. Alle starren gebannt auf die schwarze Leinwand. Dann erklingt, zuerst ganz leise, dann unüberhörbar, die Abspannmusik. «Oh mein Gott», stossen einige Kinobesucher aus, andere bleiben betroffen sitzen.

Während der letzten neunzig Minuten hatte sich alles um Sex gedreht, um Sadomaso, um ein zwielichtiges Liebesspiel zwischen Anastasia und Mister Grey. Zum Valentinstag mag «Fifty Shades of Grey» jedoch nicht so recht zu passen.

Der Hype um diesen Film zeigt sich am Samstag schon vor Eintritt in den Kinosaal in Aarau. Nervös kichernd klammern sich junge Mädchen beim Schlangestehen an ihren Freund, der kaum weiss, was ihn erwartet. Was hat die Männer schlussendlich zum Mitkommen bewogen? «Vielleicht kann ich von einigen Praktiken ja noch was lernen», sagt ein junger Mann und kneift seine Freundin in die Seite.

Naive Anastasia

Im Saal dann stellt eine andere Besucherin fest: «Es hat erschreckend viele Männer!» In der Tat konnten wohl viele Frauen ihren Partner zum Mitkommen überreden. Zu zweit, als netten Kinoabend mit Kollegen, könne er sich den Film aber weniger gut vorstellen, meint ein männlicher Besucher. Auch ihn hat die Freundin mitgeschleppt.

Endlich flackert die letzte Filmvorschau über die Leinwand. Verstohlen sinken die Männer tiefer in ihre Sessel, die Frauen werfen ihrem Liebling ein ermunterndes Lächeln zu. Mit dem Dimmen des Lichts geht ein Raunen durch den bis in die vorderste Reihe besetzten Saal, einige pfeifen ungeduldig. Dann erstrahlt Mister Grey auf der Leinwand. Seine Erscheinung lässt einige Zuschauerinnen, welche entweder Single sind oder den Freund nicht zum Mitkommen bewegen konnten, geräuschvoll die Luft einziehen. Erst beim ersten Aufeinandertreffen der beiden Hauptdarsteller verebbt das Getuschel im Saal vollends.

Die ganze Spannung wird jedoch von unmissverständlichen Andeutungen Mister Greys rücksichtslos zerstört. Auf Anastasias Frage nach seinen Freizeitbeschäftigungen antwortet er: «Ich geniesse diverse körperliche Beziehungen.» Lautes Gegröle und Gelächter ertönt daraufhin im Kinosaal.

Die einzige, die die Zweideutigkeit nicht versteht, ist Anastasia. Ihre kindliche Naivität ist kaum zu überbieten. Es sei genau dieser Aspekt, welcher den Film extrem ins Lächerliche ziehe, meint Jasmin aus Unterentfelden. Sie ist mit zwei Kolleginnen «aus reiner Neugier» den Film schauen gegangen, findet das Buch aber sehr viel besser.

Unterdessen warten alle Zuschauer auf die erste Nacktszene, die bis ins Unermessliche hinausgezögert wird. Die Männer im Saal helfen sich mit Popcorn über die zaghaften Annäherungsversuche der Schauspieler hinweg, die Frauen bewundern die Kühnheit von Mister Grey.

Keine Ahnung von «Spielzeugen»

Dann endlich öffnet sich das Spielzimmer. Mit grossen Augen folgen die Kinobesucher der Kamera, die über Gürtel, Riemen und Peitschen schwenkt. Einige im Saal lachen belustigt, anderen steht das Unwissen über die Verwendungszwecke der «Spielzeuge» ins Gesicht geschrieben.

Als diese vor allem in der zweiten Hälfte des Films zum Einsatz kommen, war kaum jemandem mehr zum Lachen zu Mute. Mit Romantik und Liebe haben die Szenen wohl nichts mehr zu tun. Nach dem Film fragt ein Mann seine Freundin zum Spass: «Stehst du eigentlich auch auf solche Sachen?» Sie bedenkt ihn mit einem entgeisterten Blick.

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