Aarau

Vielfalt der Schule als Chance nutzen: Schüler sollen Verantwortung übernehmen

Rosmarie Bättig (links) zeigt den Lehrerinnen ihr Material. WPO

Rosmarie Bättig (links) zeigt den Lehrerinnen ihr Material. WPO

Mit dem Thema Vielfalt in- und ausserhalb der Schule setzte sich eine Tagung der Pädagogischen Hochschule FHNW auseinander. Dabei sollen vor allem die Schüler selbst in verschiedenen Bereichen Verantwortung übernehmen.

«Ich bewundere eure Kraft und Energie», sagt eine Lehrerin im Workshop, wo Rosmarie Bättig und Priska Zettel aus Gettnau im Luzerner Hinterland von ihrem «Förderhaus» berichten. In der Tat: Die Fülle und Vielfalt der Aktivitäten könnte erschlagen. «Vielfalt strukturieren – vielfältige Strukturen» war das Thema der Tagung des Instituts Weiterbildung und Beratung der Pädagogischen Hochschule FHNW in Aarau.

200 Personen aus der Schule, vorwiegend Frauen, nahmen daran teil. Zehn Workshops mit unterschiedlichen Schwerpunkten nahmen sich des Themas an: Schulorganisation- und strukturen, Architektur, Mehrsprachigkeit, Zusammenarbeit.

Zurück zur Schule Gettnau. «Was wir euch zeigen, Begabungsförderung für alle Schülerinnen und Schüler, ist in zehn Jahren entstanden», relativiert Rosmarie Bättig, angesichts einer staunenden Zuhörerschaft. Zur Situierung: Gettnau führt Kindergarten und Primarschule (1. bis 6. Klasse) mit insgesamt 100 Schülern.

Ressourcen anerkennen

Die Schüler übernehmen Verantwortung, sei es in der Pausenanimation, bei Sportinputs oder Interessenateliers. Bei Freiarbeiten und in einem besonderen Gefäss, Delphinshow genannt, können sie zeigen, wo sie stark sind: Schreiben, Einradfahren, Vogelkunde? Jedes Jahr steht zudem unter einem Jahresthema.

Das 100-jährige Schulhaus und seine Umgebung sind zum gestalteten Lebensraum geworden: Magerwiese, Teich, Steinmosaik, Kneippbrunnen, von den Schülern mit erstellt und betreut. Wofür man geschwitzt hat, dazu trägt man Sorge. «Wir haben kaum Vandalismus, obwohl die Aussenanlagen immer offen sind», sagt Priska Zettel.

Wichtig sei die Zusammenarbeit mit Eltern und Behörden. Gemeinsame Feste stärken das Wir-Gefühl, und auch der Gemeindepräsident weiss, dass die mit Auszeichnungen geehrte Schule das Aushängeschild seines Dorfes ist. Die Vielfalt wird auch genutzt, wenn die älteren Schüler gegenüber den Kleinsten eine Götti-Funktion wahrnehmen.

Dass die Schule als Förderhaus nicht gratis zu haben ist, bestätigt Rosmarie Bättig: «Nur schon den Stand zu wahren, ist Arbeit.» Zugute kommt den Gettnauerinnen die Kontinuität im Team, denn mitmachen müssten alle, nicht alle immer im gleichen Umfang. Vielfalt gilt auch in der Lehrerschaft. Das Fazit des Workshops: Die Schule bietet viele Möglichkeiten; es gilt, sie zu nutzen.

Was ist nach der Schule? Über diese Frage diskutierten unter der Leitung von Cornelia Kazis die Professoren Tanja Sturm von der FNHW und Michael Eckhart von der Uni Bern. Eckhart, Autor der Studie «Langzeitwirkungen der schulischen Integration», sagt, dass eine separative Schulung Schatten ins Erwachsenenleben werfe: tieferer Selbstwert. «Was man in der Schicksalsgemeinschaft Schule erlebt hat, Kampf um zukünftige Positionen, prägt», sagt er. Eckharts Ziel ist eine gerechtere Schule: «Vielfalt macht die Schule aus.»

Erfahrung mit Verschiedenheit – Tanja Sturm plädiert für die Inklusion – sei wünschenswert: weniger Vorurteile gegenüber dem Anderen, auch dem Fremden. Ihr Beispiel: ein Mensch mit Trisomie-21, der einen Hochschulabschluss geschafft hat.

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