Eine einzige Strasse führt von Schöftland her hinein ins abgelegene Ruedertal. Sie schlängelt sich vorbei an alten Bauernhäusern, einer hübschen Kirche, ein paar Beizen, Feldern und Wäldern. Eine idyllische Gegend. Und trotzdem: In den vergangenen zehn Jahren führte die Strasse deutlich mehr Menschen aus dem Ruedertal hinaus als hinein. Das zeigt ein Blick auf die neueste Bevölkerungsstatistik des Kantons.


Die Ruedertaler Gemeinde Schlossrued hat in den vergangen zehn Jahren 10 Prozent (79 Personen) seiner Bevölkerung verloren; so viel wie keine andere Gemeinde in der Region. Und das in einer Zeit, in der praktisch alle Gemeinden gewachsen sind – manche sogar extrem. Rupperswil hat um 23 Prozent zugelegt, Aarau um 24 (Fusion mit Rohr), Holderbank um 26, Hunzenschwil um 29, Dintikon um 36 und Brunegg um 39 Prozent.

So hat sich die Bevölkerungszahl der Gemeinden seit 2005 verändert

Warum also verlassen so viele Menschen das schmucke Schlossrued? Wir treffen den Gemeindeammann Martin Goldenberger im gemeinderätlichen Besprechungszimmer im Schulhaus, Baujahr 1903. Hinter Goldenberger an der Wand hängen ein Zonenplan und Farbbilder des Bauerndorfes. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Mäppchen mit seiner Ansprache, die er vor den 17 Jungbürgern an der Jungbürgerfeier am Nachmittag halten wird. Es sind weniger als in vergangenen Jahren, aber immerhin.


Ohne Wachstum gehts nicht

Dass Schlossrued seit 2005 stetig schrumpft, das überrascht Goldenberger nicht. Einerseits seien in den vergangenen Jahren viele Bauernhäuser umgebaut worden. «Früher lebten dort Grossfamilien mit vielen Kindern, heute sind die Wohnungen modern ausgebaut. Es gibt weniger Personen, dafür deutlich mehr Raum pro Bewohner», erklärt Goldenberger.
Der zweite Grund für das negative Wachstum: die «cheibe Baulandhortung», wie Goldenberger es nennt. Es habe Zeiten gegeben, da habe man im Dorf gerade mal alle vier Jahre ein neues Einfamilienhaus bauen können. «Mehr als 80 Prozent der Dorfbewohner sind Grundbesitzer. Viele von ihnen hofften lange auf Baulandpreise wie in Schöftland und wollten unbedingt zuwarten mit dem Verkauf», sagt Goldenberger.

Bei gewissen Dorfbewohnern stelle er eine grundsätzliche Wachstumskritik fest. «Die wollen nicht so recht verstehen, dass eine Gemeinde halt einfach ein vernünftiges Wachstum braucht, um ihre Verwaltungsaufgaben überhaupt finanzieren und wahrnehmen zu können», erklärt Goldenberger. «Nicht alle im Dorf wollen, dass es ‹vörschi› geht.»


«DDR-Verhältnisse» an Grenze

Ungünstig sei auch die Verkehrsanbindung, sagt Goldenberger. Wer ein Auto habe, sei zwar innert wenigen Minuten auf der Autobahn. Wer aber auf den ÖV angewiesen ist, braucht manchmal Geduld. Es gibt einen einzigen Bus, der fährt nach Schöftland – manchmal nicht einmal stündlich.
Seit Jahren bemühen sich die Ruedertaler um eine Ausweitung der Buslinie in die andere Richtung bis nach Sursee. Doch an der Kantonsgrenze herrschten «DDR-Verhältnisse», sagt Goldenberger. Es fände kein Denken über die Grenzen hinweg statt, er sehe praktisch keinen Willen zur Kooperation.


Trotzdem: Schlossrued hat sich auf diversen Ebenen um ein attraktives Dorfleben bemüht. Seit zehn Jahren gibt es einen Mittagstisch und Blockzeiten an der Primarschule im Dorf. Eine Kita gäbe es nicht, das Bedürfnis sei aber auch nicht vorhanden, sagt Goldenberger.
Dafür betreibt Schlossrued gemeinsam mit der Nachbargemeinde Schmiedrued-Walde einen Jugendraum und die Kulturkommission bemüht sich um gute Unterhaltung im Tal. «Hier ist alles andere als tote Hose», verspricht Goldenberger.


2025 kein Schrumpfdorf mehr

Dass trotzdem fast 10 Prozent der Bewohner abgewandert sind, sei schon etwas heftig. Goldenberger glaubt aber fest daran, dass es bald wieder aufwärts gehe mit dem schrumpfenden Schlossrued. Dank der neuen Zonenplanung, mit der man 2007 begonnen habe, hätten diverse Baulücken geschlossen und einige wichtige Baulandparzellen erschlossen werden können. Alleine 2015 gab es 27 Baugesuche. Mehrere Mehrfamilienhäuser sind bereits gebaut. Die noch leeren Wohnungen werden auf Plakaten entlang der Strasse beworben. Eine neues Projekt mit 18 Mietwohnungen ist am Entstehen.


Und wenn dann in ein paar Jahren auch noch das geplante Seminarzentrum auf dem Schlossrueder Schloss eröffnet werden könne, dann habe das sicher einen positiven Effekt auf das lokale Gewerbe und schaffe Arbeitsplätze, glaubt Goldenberger. Der Gemeindeammann ist zuversichtlich, dass Schlossrued 2025 nicht mehr das Schrumpf-Dorf Nummer 1 ist in der Region.


Draussen vor der Tür stehen schon die ersten Jungbürger. Goldenberger kennt alle mit Vornamen. Viele von ihnen werden das Tal wohl in den kommenden Jahren verlassen. «Mit 35ig, wenn sie eine Familie gründen und an einem hübschen Ort wohnen wollen, kommen sie aber wieder.» Darauf, sagt Goldenberger, würde er wetten.