Frühling
Viel zu tun für Setzlingsproduzenten: Eine neue Gartengeneration keimt auf

Obwohl es immer weniger grosse Gärten gibt, finden regionale Setzlinge heute reissenden Absatz. Ein Generationenumbruch hat stattgefunden. Die Jungen haben wieder Lust auf Gärtnern, allerdings fehlt vielen das Wissen. Die Mitarbeiter der Gärtnereien müssen viel mehr beraten als früher.

Katja Schlegel
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Peter Walthert mit Setzlingen in der Gärtnerei Eichberg.

Peter Walthert mit Setzlingen in der Gärtnerei Eichberg.

Alex Spichale

Scheint die Sonne, juckt es den Gartenbesitzern in den Fingern. Dann wollen sie schaufeln, buddeln, setzen und giessen. Zartes Grün muss her. Aus dem Gartencenter oder dem Grossverteiler – oder zunehmend vom regionalen Hof oder dem nahen Märt. Regionale Setzlinge sind je länger, je gefragter, die Anbieter werden in diesen Tagen förmlich überrannt. Märkte wie der Setzlingsmarkt auf Schloss Wildegg mit Pro-Specie-Rara-Pflänzchen können sich vor Besuchern kaum retten.

Die Produzenten in der Region profitieren davon, dass wieder mehr Menschen gärtnern wollen. Ihr Geschäft wächst heute wieder leicht. Es hat sich in den letzten Jahren verändert: Zwar kaufen mehr Leute Setzlinge, dafür nicht mehr in grossen Mengen. Man spüre einen Generationenumbruch, sagt Franziska Koller, die gemeinsam mit Sabina Neukomm die Alte Stadtgärtnerei in Aarau gepachtet hat: «Früher hatten die Kunden grosse Gärten, in denen sie das Gemüse für das ganze Jahr anpflanzten und sogar noch Wintervorräte anlegten. Heute hat kaum noch jemand einen solchen Garten.» Das bestätigt auch Peter Walthert, Leiter der Bio-Gärtnerei auf dem Eichberg ob Seengen. Auch er hat bei den Verkaufszahlen gespürt, dass die grossen Gärten verschwinden: Manche Gärten in der Region sind Überbauungen gewichen, und in den bestehenden Gärten wird heute häufig Rasen gesät oder gar ein Steingarten angelegt, was für die Besitzer viel weniger aufwendig ist.

Doch: «Seit die Hochbeete aktuell sind, zeigen die Zahlen wieder deutlich nach oben», berichtet Walthert. Die jüngeren Kunden haben Lust, zumindest im kleineren Rahmen Gemüse anzupflanzen, und wenns nur auf dem Balkon ist. Nur fehle oftmals das Wissen, sagen die beiden Gärtner. «Wir müssen viel häufiger beraten als früher.»

Handarbeit auch bei Produzenten

Für die professionellen Setzlings-Produzenten bedeutet Frühling Überstunden. So, wie auf dem Eichberg, dem grössten Bio-Setzlingsproduzenten im Westaargau. Die Mitarbeiterinnen Anita Stäger und Nadin Lüthi haben mehr als genug zu tun. Die Ochsenherz-Tomaten müssen pikiert werden: Die zarten Winzlinge, keine drei Zentimeter hoch, werden in eigene Erdklötzchen gesetzt. Loch stechen, Setzling rein, andrücken. Reihe für Reihe, hundertfach, alles in Handarbeit. Über den Köpfen knallen Insekten in die Treibhauswände. Das tönt, als würden Regentropfen aufs Dach fallen. Nein, langweilig werde ihnen nicht, sagten die beiden Frauen. «Das ist eine schöne Arbeit, man sieht, was man getan hat», sagt Stäger. Und wenn in drei, vier Wochen der Setzling proper dastehe, dann sei das eine helle Freude.

Kunden sind ungeduldig

Der Countdown läuft. Noch immer sind die Nächte empfindlich kühl. «Aber wenn man sie schützt, kommts gut», sagt Leiter Peter Walthert und lächelt. «Die Leute sind sehr ungeduldig.» Kaum scheint die Sonne, wollen sie pflanzen. «Die ersten Tomaten und Gurken hätten wir bereits Ende März verkaufen können.» Das bestätigt auch Franziska Koller in der Alten Stadtgärtnerei in Aarau: «Die Kunden fragen immer früher nach Setzlingen. Aber bevor die Zeit nicht reif ist, vertrösten wir die Kunden lieber.» Ihnen gehe es nicht nur um Verkaufszahlen, sondern um den Erfolg. «Wenn den Kunden die Pflanzen eingehen, verlieren sie die Freude am Gärtnern.»

Warum sind die Setzlinge aus der Region so beliebt? «Die Leute wollen keine Pflänzchen, die noch nie an der frischen Luft waren und mit dem Lastwagen hierher gefahren wurden», sagt Walthert. Die seien weniger robust. Koller zieht ihre Setzlinge sogar in extra kühlem Umfeld, damit sie abgehärtet sind. Ausserdem glauben beide, dass es die Menge ist, die die Leute vom Setzlingskauf beim Grossverteiler eher abhalte: «Da kann man die Setzlinge häufig nur im Dutzend kaufen, was vielen Kunden heute zu viel ist. Bei uns kann man von jeder Gemüsesorte nur einen Setzling haben, wenn man das möchte.»

Trotz der Beliebtheit finden sich in der Region wenige Betriebe, die Setzlinge anbieten. «Der Aufwand ist relativ gross», sagt Walthert. Nur Salate und Kohlarten können maschinell ausgesät werden. Die Samen der anderen Gemüsesorten sind zu gross und unförmig für die Maschine. Dann müssen die Pflänzchen rund vier Wochen lang gepflegt werden. Und ist das Wetter garstig, bleiben die Gärtner auf den Setzlingen sitzen. «Salat-Setzlinge beispielsweise sind nur kurz haltbar, je nach Wetter sind sie innert einer Woche überständig», sagt Koller. «Dann landen sie auf dem Kompost.»

Eine goldene Nase verdienen sich die Betriebe mit den Setzlingen für Private nicht. «Es ist aber trotzdem ein wichtiges Standbein unseres Betriebs», sagt Koller. Auf dem Eichberg macht der Setzlingsverkauf an Private rund einen Siebtel aus, schätzt Walthert. Mit dem Rest der zwei Millionen Eichberg-Setzlinge werden kleinere Bio-Gemüsebauern in der ganzen Schweiz und der Bio-Grosshändler «Bio-Partner» in Seon beliefert.

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