Aarau

Viel Sonne, viele Besucher – der 36. Rüeblimärt hat gefühlsmässig alle Rekorde geschlagen

Die Sonne beschert uns den Jahrhundert-Rüeblimärt, und lockte viele Besucher an: 22 Reisebusse standen kurz nach dem Mittag im Aarauer Schachen. Besonders beliebt scheint der Rüeblimärt bei den Tessinern und Thurgauern (mit je drei Bussen) und Bernern (sieben Busse) zu sein.

Es ist passiert. Man steckt fest. Bauch an Rücken, Rücken an Bauch, Schulter an Schulter. Nichts geht mehr. «Das isch jo ned normal das Gmoscht», seufzt die Frau im Nacken, «und das so früeh am Morge.» Die Freundin nimmts gelassen, so müsse man wenigstens nicht frieren. Doch, beharrt die andere, sie habe nämlich kalte Füsse.

Eiskalt und wunderschön: Der Rüeblimärt-Aufbau im Morgengrauen

Eiskalt und wunderschön: Der Rüeblimärt-Aufbau im Morgengrauen

Die Ruhe vor dem Sturm ist hart verdient. Mitten in der Nacht sind sie aufgestanden, die Standbetreiberinnnen und Standbetreiber am Aarauer Rüeblimärt. Um  parat zu sein, wenn um 7.30 Uhr die vielen Besucher kommen.

Es ist noch weit vor neun Uhr morgens und das Gedränge am Graben, auf der Höhe zwischen Oboussier-Haus und Stadtbibliothek, ist so, wie erwartet. Allerheiligen, da kommen noch viel mehr als sonst, von 40'000 war die Rede. Und dann noch dieses Wetter. Erst so klirrend kalt, dass sich an die Blätter der Raureif klammert, bis endlich die Sonne kommt und das Laub der Platanen golden leuchten lässt. Ein Prachtsherbsttag.

Das sagen die Besucher zum Rüeblimärt:

Und so schieben sich die Massen durch den Graben, vorbei an Rüebliteigwaren, Rüeblistängeli, Rüeblitraubenkernsäckli, Rüeblilyoner und Rüeblibspitzbuben, durch Duftwolken von Rüebliwurst, Rüeblisuppe und Rüeblirisotto. Es gilt Rechtsverkehr, kreuzen geht nicht. Um die Stände auf der anderen Seite zu sehen, muss man beim Fischlibrunnen linksum kehrtmachen und sich wieder in Richtung Schlossplatz spülen lassen. Wer stehen bleiben und etwas kaufen will, drängt sich ganz dicht an den Stand, um die Kolonne nicht zu blockieren. Und wer Hund oder Kinderwagen dabei hat, bekommt Unschönes zu hören.

Stau vor dem Rüebliigel

Immerhin bleibt im Stau genügend Zeit, die Dekorationen zu fotografieren. Und das tut das vorwiegend ältere Publikum erstaunlich rege. Grosse Trauben bilden sich um die lustigen Fratzen aus Kohl, Kabis und Meerrettich, um die Rüebliigel und Kürbishasen – und natürlich um die schönen Rüebliauslagen selbst. Was für eine Farbenpracht da liegt, von sattem Violett über leuchtendes Orange, knalliges Gelb bis zum Weiss der Küttiger Rüebli, und was für glatte Namen die haben: Gniff, Schneewittli, Hoio oder Deep Purple.

Der Rüeblimärt 2017 erwacht und lockt bereits vor 6 Uhr in der Früh erste neugierige Besucher an den Graben in Aarau.

Der Rüeblimärt 2017 erwacht und lockt bereits vor 6 Uhr in der Früh erste neugierige Besucher an den Graben in Aarau.

Über die Menschenmassen an diesem Rüeblimärt staunen nicht nur die mittendrin, sondern auch die Standbetreiber. «Einst war das eine kleine, regionale Sache, heute kommt die ganze Schweiz», sagt Ruedi Käser aus Elfingen, seit dem ersten Rüeblimärt 1982 mit dabei. Damals seien nur wenige Rüebli angeboten worden, erinnert sich Käser, und wer Rüebli kaufte, tat das im grossen Stil, zum Einlagern. «Zehn Kilogramm ungewaschen», sagt Käser und lacht. Diese Zeiten sind vorbei. «Heute kaufen die Leute ein Souvenir.» Viele kommen auch nur an den Stand, um das Gemüsegebilde zu fotografieren. «Die Dekoration ist enorm wichtig», sagt Sohn Michael Käser. Das locke nicht nur die Menschen an, sondern diene insbesondere dem Gesamtbild.

Es ist Mittag geworden. Die Besucher wollen essen. Rüebli essen. Auch in ungewohnter Form, wie bei Beck Marc Jaisli aus Buchs, an dessen Stand Rüebli statt Würste in der Hot-Dog-Maschine stecken. Etwas Skepsis schwingt bei den meisten mit, wenn sie den «Hot Karott» bestellen, aber nach dem ersten Biss sind sie glücklich.

In der ganzen Stadt verteilt sitzen Hunderte mit ihrem Rüeblizmittag auf Mauern und Simsen, auf Brunnenrändern und Bänken, balancieren ihre Teller auf den Knien. Es herrscht eine gemütliche, zufriedene Stimmung. Wohlig gewärmt von Sonne und Suppe erzählt ein Achtzigjähriger im Brustton der Überzeugung, er sei schon als Kind jedes Jahr am Rüeblimärt gewesen. Ein Lächeln kann man sich da nicht verkneifen. Aber er hat schon recht; Aarau und der Rüeblimärt, das gehört einfach zusammen. Gefühlt seit ewig.

Lesen Sie den Rüeblimärt im Liveblog nach:

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