Aarau

Verkleiden für Fortgeschrittene: Altersschwach ist hier nur der Hosenträger

Nicolas Fischlin im «Fähndrich-Costüm» in den schwarz-weissen Stadtfarben.Ueli Wild

Nicolas Fischlin im «Fähndrich-Costüm» in den schwarz-weissen Stadtfarben.Ueli Wild

Der elfjährige Nicolas Fischlin darf am diesjährigen Maienzug der Aarauer Prominenz die Standarte vorantragen. Warum es Knoten im Hosenträger braucht und welche Schuhe absolut tabu sind, erklärt ihm die Stadtweibelin.

Nicolas Fischlin ist elfjährig und geht im Aarauer Gönhard-Schulhaus zur Schule. Dieses Jahr erlebt Nicolas einen besonderen Maienzug, denn er marschiert nicht mit seinen Gspänli zusammen durch die festlich herausgeputzte Stadt.

Stadtweibelin Monika Ramseyer hat ihm eine grosse schwarze Kiste nach Hause gebracht. Darauf steht: «Mittelalterliches Fähndrich-Costüm zum Jugendfest-Banner Aarau 1902». Den Inhalt der Kiste hat die Firma Kostüm Kaiser in Aesch bei Basel angefertigt, die von sich sagt: «Verkleiden ist seit 1882 unsere Leidenschaft.»

Verkleiden soll sich auch Nicolas Fischlin. Er darf im Umzug als Standartenträger den Honoratioren voranschreiten. Kleidungsstück um Kleidungsstück hebt Monika Ramseyer vorsichtig aus der Kiste. «Ich mache das auch zum ersten Mal», sagt die Stadtweibelin zum Fünftklässler.

Dann geht die Anprobe los. «Am besten ziehst du auch ein paar Turnhosen an», erklärt Monika Ramseyer, «dann kannst du die schwarz-weissen Strümpfe mit Sicherheitsnadeln daran befestigen, sonst rutschen sie dir runter.»

Reichlich genug Stoff

In dieses Kostüm liesse sich auch ein viel grösseres Kind stecken als so ein schmaler Wurf wie Nicolas. Auch Hose und Wams lassen diesen in der Stofffülle «ertrinken». Ohne Hosenträger geht nichts. Monika Ramseyer versucht, einen Knopf hinein zu flechten, damit er kürzer wird. Sonst rutscht die Hose Nicolas trotz Hosenträgern runter bis zum Knie. Das Ding wirkt, anders als das Kostüm selber, nicht mehr ganz so vertrauenserweckend, obschon es kaum aus dem Jahr 1902 stammen dürfte. Monika Ramseyer schüttelt den Kopf. «Wo kriegt man heutzutage noch Hosenträger?» Sie schaut zu Nicolas’ Mutter hinüber und verspricht. «Ich bringe ihnen einen neuen vorbei.»

Mittlerweile ist aus dem sportlichen Jungen ein voluminöser Herold geworden. Nicolas ist in reichlich Stoff eingewickelt, Stoff, der sicher tüchtig warm gibt, wenn es am Maienzug wieder so heiss werden sollte wie 2015. Nicolas sei aber nicht der Einzige, der in diesem Fall in seiner Montur ein wenig leiden werde, erklärt die Stadtweibelin: «Ich werde auch so etwas tragen.»

Jetzt noch das Barett mit der Straussenfeder auf den Kopf. Nicolas richtet die Kopfbedeckung mithilfe der Backofenscheibe, die ihm als Spiegel dient. Dann reicht ihm die Weibelin die Standarte, die sie inzwischen zusammengeschraubt hat. «Nicht mit der Spitze voraus, sondern senkrecht nach oben», schärft Ramseyer dem Herold ein. «Die Fahne schaut nach hinten.»

Bleiben noch die Schuhe. Die dürfen aus dem eigenen Fundus stammen. Aber schwarz sollten sie sein. «Und», für alle Fälle, «ums Himmelswillen, keine blinkenden Lämpchen!» – Schwarz? Mutter und Sohn schauen einander fragend an. Eine Lösung werde sich finden lassen, verspricht die Mutter.

Vielseitiger Fünftklässler

Nicolas ist ein äusserst vielseitiger Fünftklässler. Er selber bezeichnet sich als Tüftler, der Freude an Modellbau-Konstruktionen Robotern und ferngesteuerten Drohnen hat. Sportlich ist er aber auch. Am meisten spiele er Fussball, sagt Nicolas. Daneben ist Klettern, Schwimmen und am Sonntag Biken mit dem Vater angesagt.

Früher hat Nicolas auch schon mal Eishockey gespielt. Die Musik wird im Hause Fischlin ebenfalls gepflegt: Nicolas spielt Trompete. Am Bachfischet im Herbst läuft er dann das erste Mal bei den Kadetten mit.

Jetzt aber wird erst mal der Maienzug gefeiert. Die schwarze Kiste bleibt bis dahin bei Nicolas. Die Standarte kriegt er am Maienzug-Morgen wieder, auch wenn es nur eine Kopie des Originals vom Anfang des 20. Jahrhunderts ist. Die ursprüngliche, vom damaligen Armenpfleger Emil Erny – angeblich aus Freude über eine Gehaltsaufbesserung – gestiftete Standarte, ist während des Zweiten Weltkriegs auf mysteriöse Weise abhanden gekommen.

Das Einzige, was Nicolas von der ganzen Ausrüstung am Freitag nächster Woche hoffentlich nicht braucht, ist die Regenpelerine.

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Autor

Ueli Wild

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