Aarau
Verbrechen, Erotik und Belanglosigkeiten - das Leben festgehalten und gesammelt im Ringier Bildarchiv

Beim Stöbern im Ringier Schauarchiv erschrickt man, staunt, lacht – und manchmal ist man peinlich berührt.

Katja Schlegel (Text) und Chris Iseli (Fotos)
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Ringier Bildarchiv
4 Bilder
Nora Mathys kümmert sich mit ihrem Team um die Fotos.
Die Kandidatinnen der Missen-Wahl 1968.
Im Ringier Bildarchiv gibt es nichts, was es nicht gibt. Gewisse Dossiers sind an Absurdität nur schwer zu überbieten.

Ringier Bildarchiv

Aargauer Zeitung

Die Männer wuchten eine Bahre über ein Schneefeld. Auf der Bahre liegt eine Leiche, das Gesicht dem Fotografen zugewandt. Eine schauerliche Aufnahme, auch in schwarz-weiss und leicht unscharf. Im Couvert stecken weitere Bilder. Porträtaufnahmen von Menschen mit sonnengedörrten Gesichtern.
Rote, rechteckige Markierungen um die Köpfe zeigen an, wie das Bild zugeschnitten wurde. Auf der Rückseite der Bilder die Beschreibungen: Vor- und Nachnamen, Beruf, Alter, Herkunft. Gestorben am 30. August 1965 – im «Blick» abgedruckt Anfang September. Die Bilder stecken im Dossier zu einer der grössten Katastrophen der Schweiz, dem Gletscherabbruch am Mattmark-Staudamm mit 88 Toten.

Ein Regal tiefer steht die Archivschachtel mit den Dossiers zu den Missen-Wahlen, die Kandidatinnen von 1968 mit toupierten Schöpfen, in aufreizender Pose am Flussufer oder an Rosen schnuppernd im elterlichen Garten. Daneben in einem Kartei-Kasten folgt auf «Jungfernfahrt MS Linth» das Dossier «Schutz vor Thrombosen» vor «Vergasung von Fuchsbauten». Und bei den Hängeregistern im Dia-Schrank findet man Reiter mit «Monika Kälin im Frisurencomputer», «Reisebüro für Sexreisen in der CH» und «Musikantenstadel in Peking».

Verbrechen, Belanglosigkeiten, Erotik, royale Flitterwochen und Schönheitswahn. Ein heilloses Durcheinander, ernüchternd, erschreckend, erheiternd. Das Leben halt. Festgehalten und gesammelt im grössten Fotoarchiv in öffentlicher Hand: dem Ringier Bildarchiv. Sieben Millionen Pressefotos, aufgenommen in der Zeit von Ende der Dreissigerjahre bis 2000.

1989 Schachteln mit Fotos

Im Jahr 2009 hat das Medienunternehmen die Sammlung dem Kanton Aargau geschenkt. Fünf Lastwagen oder 1989 Kartonschachteln voller Fotos und Dias. Bilder über alles, was in siebzig Jahren im In- und Ausland passiert ist. Ein kleiner Teil dieser Sammlung ist seit Kurzem im Schauarchiv, angegliedert an das Stadtmuseum Aarau, zu sehen.
Hier dürfen die Museumsbesucher selber mit weissen Handschuhen die Dossiers erkunden und nach Trouvaillen suchen. «Eine solche Sammlung darf nicht in den Archivschränken verschwinden, sie muss öffentlich zugänglich sein», sagt Nora Mathys, Projektleiterin des Ringier Bildarchivs. Das Schauarchiv zeigt von allem etwas, aussortiert und gefiltert wird nicht.
Es soll authentisch bleiben, soll dokumentieren und nicht werten. Und es soll zeigen, wie Pressefotografie funktioniert, wie das Foto ausgewählt und zugeschnitten wird. Deshalb finden sich hier auch Bilder, die aufschrecken oder entsetzen, wie das der Leiche auf dem Schneefeld.
Es sei nicht ihre Aufgabe darüber zu urteilen, ob so etwas gut oder schlecht ist, ob man so etwas aus ethischen Gründen zeigen dürfe oder nicht, sagt Mathys. «Diese Sammlung ist kulturell relevant, ob uns das nun gefällt oder nicht. Es ist keine Elitär-Kultur, aber die Bilder sind massgeblich. Der ‹Blick› hat das visuelle Gedächtnis des zwanzigsten Jahrhunderts geprägt, das ist das Abbild der Schweizer Alltagskultur.»

Archivare haben Macht

Das Schauarchiv soll nicht nur die Museumsbesucher unterhalten, es soll auch das Verständnis für die Archivarbeit fördern. Seit bald sieben Jahren arbeiten Mathys und ihr Team mit den sieben Millionen Pressebildern: Allein ein Jahr lang beschäftigten sie sich damit, die Systematik im Archiv zu verstehen. Dazu kamen die rechtlichen Abklärungen. Und die Archivare mussten auswählen, welche Bilder gerettet werden.

Pressefotos haben ein kurzes Leben. Sie sind gemacht für die Zeitung von morgen und landen am Tag danach im Altpapier – katastrophal für die Aufbewahrung der Bilder. Die Qualität litt unter dem Tempo. Die Bilder verkleben, verfärben sich, die Fotoschicht löst sich vom Papier oder die Aufnahmen sind auf hoch entzündbarem Material gedruckt. «Solche Schäden kann man nicht rückgängig machen oder verhindern, wir können sie nur verlangsamen», sagt Mathys. Doch das kostet. Hier müssen die Archivare entscheiden, welche Fotos es zu retten lohnt. Mathys lacht. «Archivare haben eine unglaubliche Macht; wir entscheiden, was künftige Generationen zu sehen bekommen.»

Öffnungszeiten Das Schauarchiv im Stadtmuseum Aarau ist jeweils am ersten Samstag im Monat geöffnet. Nächstes Datum: 5. März

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