Kreisschule Aarau-Buchs
Verantwortliche in Aarau und Buchs über die Schulfusion: «Die Schule wird nicht umgekrempelt»

Die Politiker haben klar Ja gesagt zur Kreisschule Aarau-Buchs. Doch aus dem Volk ist zwei Wochen vor der Abstimmung immer mehr Skepsis zu spüren. Franziska Graf-Bruppacher und Anton Kleiber über die grösste Schulfusion im Aargau.

Nadja Rohner und Urs Helbling
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«Wir sind sehr partnerschaftlich, gleichberechtigt, unterwegs»: Die Aarauer Stadträtin Franziska Graf-Bruppacher und derBuchser Gemeinderat Anton Kleiber. Beide sind für die Schule zuständig.i

«Wir sind sehr partnerschaftlich, gleichberechtigt, unterwegs»: Die Aarauer Stadträtin Franziska Graf-Bruppacher und derBuchser Gemeinderat Anton Kleiber. Beide sind für die Schule zuständig.i

Chris Iseli

Frau Graf, Herr Kleiber, sind Sie überrascht, wie hohe Wellen diese Abstimmung wirft?

Franziska Graf-Bruppacher: Die Schule ist stets ein sehr emotionales Thema. Jeder fühlt sich angesprochen, ob als Schüler oder als Mutter oder Vater eines schulpflichtigen Kindes. Für einen demokratischen Entscheid ist eine umfassende öffentliche Diskussion wertvoll.

Anton Kleiber: Wir von der Projektsteuerung haben damit gerechnet, dass die Abstimmung sehr emotional wird. Wie hoch die Wellen schlagen, hängt immer auch von den Leuten ab, die auf der Gegenseite stehen und wie stark es ihnen gelingt, das Thema aufzubauschen.

Welches Argument der Gegner regt Sie am meisten auf?

Kleiber: Jedes Argument hat seine Berechtigung. Ich verstehe die Ängste und die Bedenken, die es in der Bevölkerung gibt. Für uns ist es wichtig, dass sich möglichst viele mit der Vorlage auseinandersetzen.

Anton Kleiber

Der 54-Jährige ist Schulleiter Dietikon ZH. Er ist verheiratet und hat drei Kinder im Alter von 19, 17 und 14 Jahren. Kleiber arbeitete früher am KV Aarau und war Ausbildungsleiter im Jugendheim Aarburg. Der Freisinnige ist ein Ur-Buchser. Vor der Wahl in den Gemeinderat gehörte er der Schulpflege und dem Einwohnerrat an.

Welche Ängste nehmen Sie wahr?

Kleiber: Es gibt Leute, bei denen ich den Eindruck habe, sie hätten die Vorlage noch nicht wirklich verstanden. Sie haben sehr pauschale Ängste. So hört man etwa von Eltern, dass ein Primarschüler aus dem Aarauer Zelgli nach Buchs in die Schule müsse – was natürlich nicht stimmt.

Und?

Kleiber: Es schürt Ängste, wenn fälschlicherweise behauptet wird, die ganze Schule werde umgekrempelt. Weil die Bildung der Kreisschule primär auf der oberen Ebene Anpassungen erfordert, betreffen für normale Lehrpersonen die Veränderungen nur einen kleinen Bereich.

Franziska Graf-Bruppacher

Die 46-Jährige bezeichnet sich als Familienfrau (zwei Kinder im Alter von 17 und 20 Jahren), Störbuchhalterin und Kinesiologin. Die Sozialdemokratin wohnt im Stadtteil Rohr und gehört dem Stadtrat Aarau seit 2014 an. Seit 2012 ist sie Mitglied des Grossen Rates.

Wird diese Abstimmung eher auf der Basis von Sachargumenten oder aus dem Bauch heraus entschieden?

Graf: Ich wünsche mir, dass Sachargumente die zentrale Rolle spielen. Darum führen wir eine Reihe von Informationsanlässen durch. Wir möchten informieren. Wenn ich mir die Argumente der Gegenseite anhöre, denke ich, würden sie dereinst erschrecken, wenn ihnen klar würde, was eine Ablehnung für Folgen hätte.

Welche Folgen meinen Sie konkret?

Graf: Der Gegenseite sollte bewusst sein, dass sich die Schulen am meisten verändern, wenn die neue Kreisschule abgelehnt wird. Bei einem negativen Entscheid wären die Eltern aus Rohr am stärksten betroffen: Ihre Kinder müssten dann sehr wahrscheinlich während der Oberstufenzeit an einem anderen Ort in die Schule gehen. Die Gegenseite, im alten Aarau, macht sich kaum Vorstellungen, was es bedeuten würde, wenn 400 Rohrer Kinder in die Schule Aarau integriert werden müssten.

Was wollen die Gegner dann?

Graf: Die meisten wollen keine Veränderungen – und das können wir ihnen nicht bieten. Denn der Prozess, der nun zur Abstimmung über die Kreisschule Aarau-Buchs führt, begann am 1. Januar 2010 – mit der Fusion von Rohr und Aarau.

Die Gegner möchten einfache Verträge statt einer Schulfusion, damit zum Beispiel Rohrer Kinder weiter nach Buchs in die Oberstufe können. Schliessen Sie diese Lösung aus?

Graf: Der Stadtrat hat einen Grundsatz: Alle Aarauer sollen die gleichen Rechte und Pflichten haben. Das heisst: Stimmberechtigte haben die gleichen Einflussmöglichkeiten in den Schulgremien, Schüler das gleiche Schulangebot und Eltern zahlen gleiche Elternbeiträge, wie etwa bei der Musikschule. Das wäre bei einer Vertragslösung nicht gewährleistet. Aarau hätte an der Oberstufe Buchs nichts zu sagen und umgekehrt.

Will Buchs überhaupt mit Aarau Verträge abschliessen?

Kleiber: Wir hätten dann neu das heutige Aarauer Problem. Bei einer Vertragslösung müssten wir möglicherweise Buchser Kinder nach Rohr schicken. Das Angebot der dortigen Schule definiert die Schule Aarau – wir hätten nichts zu sagen.

Herr Kleiber, Haben Sie Angst, dass die Buchser Stimmbürger den Schul-Entscheid als ein erster Schritt für eine Gemeindefusion auffassen?

Kleiber: Das könnte man so verstehen – aber eine Gemeindefusion ist nicht die Absicht des Gemeinderates. Wir haben immer klar gesagt, dass wir nur punktuell zusammenarbeiten wollen. Bei der Schule würden sowohl Buchs als auch Aarau profitieren.

Frau Graf, auf dem Plakat der Buchser Gegner sieht man den Stadtadler und liest die Worte «Aarau zuerst». Was ist daran falsch?

Graf: Die Zusammenarbeit zwischen Buchs und Aarau läuft absolut auf Augenhöhe. Wir sind sehr partnerschaftlich und gleichberechtigt unterwegs.

Kleiber: Wenn ich gemerkt hätte, dass Buchs zu Kreuze kriechen muss, wäre ich der Erste gewesen, der dem Gemeinderat einen Ausstieg aus den Verhandlungen empfohlen hätte. Wir haben überall immer paritätisch zusammengearbeitet. Aarau hätte sagen können: «Wir sind grösser und haben mehr Schüler.» Das hat die Stadt aber nicht getan.

Haben die Gegner zu grosse Angst vor längeren Schulwegen?

Graf: Auf den Stufen Kindergarten und Primarschule gibt es einen Grundsatz: Kinder sollten möglichst kurze und sichere Schulwege haben und in den Quartierkindergarten und das Quartierschulhaus gehen können. Wohnt jemand zwischen zwei Schulhäusern, ist eine Zuteilung zum einen oder zum anderen möglich. Das entspricht nicht immer dem Wunsch der Eltern, ist aber vom Platz im Schulhaus und von der Anzahl Kindern im Quartier abhängig. Dieser Grundsatz gilt heute und wird weiterhin gelten. Die Länge der Wege verändert sich kaum.

Und die Oberstufe?

Graf: Da ist es möglich, dass sich die Schulwege verändern. Wichtig ist, dass die Schüler nicht alleine, sondern in Gruppen in ein Schulhaus eingeteilt werden. Heute gehen die Erlinsbacher, Bibersteiner und Küttiger Kinder in Aarau in die Bezirksschule. Das ist weit. Soweit werden es weder die Buchser noch die Aarauer Oberstufen-Schüler haben.

Den Stimmbürgern wird eher eine Absichtserklärung als ein detaillierter Fusionsvertrag vorgelegt. Ist das ein Handicap für die Vorlage?

Kleiber: Die Schule lebt. Wenn wir schon jetzt viel festgelegt hätten, wäre die Schule in der Weiterentwicklung eingeschränkt. Das wollten wir nicht. Wir gehen davon aus, dass die Mitglieder der künftigen Schulgremien vernünftige Leute sind, die zum Wohl der Schule, der Schüler und der Eltern entscheiden. Das Verbindliche ist in den Satzungen festgehalten.

Graf: Die Gegenseite geht davon aus, dass alles, was jetzt nicht festgeschrieben ist, später sowieso falsch gemacht wird. Die Zukunft der Schule ist genauso voraussehbar, wie die der Stadt – wichtig ist es, politische Instrumente zu haben, um auf Veränderungen reagieren zu können. Diese stehen weiter zur Verfügung.

Kleiber: Betrachten wir die Schulsozialarbeit. Da wäre es grundsätzlich möglich, dass man anfänglich sowohl mit dem Aarauer als auch dem Buchser System weiterarbeitet und später Anpassungen macht. Das sollen die Schulpflege und die Schulleitung entscheiden. Solche Auseinandersetzungen gehören in den operativen Bereich. Das ist Tagesgeschäft, bei dem die Lehrer dann auch eine Mitsprachemöglichkeit haben werden.

Und wie ist bei der Sonderpädagogik, den Kleinklassen?

Graf: Sonderpädagogik wird in der ganzen Kreisschule, in beiden Gemeinden, integrativ angeboten. Und zusätzlich auch separativ – in gesonderten Klassen. Diese wird es aber nicht in jedem Schulhaus geben. Das ist schon heute so.

Kleiber: Beide Schulen sind von ihrem heutigen System überzeugt, aber sie sehen auch, dass es beides braucht: integrativ und separativ. Das wäre für mich ein pädagogischer Mehrwert der Kreisschule.

Was halten Sie davon, dass sich Schulpfleger und Lehrer offen gegen die Fusion wenden?

Kleiber: Zur Frage der Lehrer: Die Schule hat immer das Gefühl, sie sei etwas Spezielles. Das erlebe ich auch in meiner Arbeit als Schulleiter. In der Privatwirtschaft ist es nicht erlaubt, als Angestellter öffentlich eine andere Meinung zu vertreten als die des eigenen Unternehmens. Beide Schulpflegen haben klar kommuniziert, dass Lehrpersonen aber als Privatpersonen Stellung nehmen dürfen. Als Buchser oder Aarauerin stehen ihnen sämtliche demokratischen Mittel der Mitwirkung offen. Im Namen der Schule kommuniziert jedoch einzig die Schulpflege.

In Aarau stellt sich die Schulpflege quer und empfiehlt ein Nein.

Graf: Sie darf als Gremium ihre eigene Meinung haben.

Warum ist es nicht gelungen, die Lehrer ins Boot zu holen?

Kleiber: Ich weiss es nicht. Wir haben wirklich versucht, die Lehrer in den Prozess mit einzubeziehen. Die Schule hat in allen Fachgremien mitgearbeitet. Sie konnte ihre Vertreter selbst aussuchen. Und es gab Informationsveranstaltungen für die Lehrpersonen ...

Graf: ... in Aarau kamen zehn Lehrpersonen.

Kleiber: Da fühlte ich mich nicht ernst genommen. Ich habe noch kein Projekt erlebt, in dem man so offen und transparent informiert hat. Wir wären sehr erpicht darauf gewesen, von den Lehrpersonen kritische Fragen zu hören – damit wir die Anliegen in den Prozess hätten einfliessen lassen können. Das hat leider nicht stattgefunden.

Graf: Wir haben den Lehrerinnen und Lehrern angeboten, dass wir für Gespräche zu ihnen in das Lehrerzimmer kommen. Es kam keine Einladung. Wenn sie sich von Anfang an eingebracht hätten, hätten die Lehrpersonen ihre Traumschule mitgestalten können.

Gibt es unter den Lehrern keine Befürworter?

Graf: Bei mir melden sich Lehrpersonen, die die Kreisschule toll finden. Sie sagen: Es tut mir leid, wie geredet wird – nur trauen sie sich nicht, das öffentlich zu erklären.

Kleiber: Ich behaupte, die Lehrerschaft ist kein geschlossen negativer Block.

Wir waren überrascht, wie schnell das komplexe Geschäft von den Einwohnerräten durchgewinkt worden ist. Haben sich die Einwohnerräte zu wenig mit der Materie beschäftigt?

Graf: Sie wussten, zu was sie Ja sagten. Das Geschäft hat die Einwohnerräte extrem interessiert. Es kamen stets sehr viele Interessierte an die Info-Veranstaltungen.

Kleiber: Bei uns in Buchs war es ähnlich. Die Diskussionen fanden statt – und waren auch sehr kritisch. Es ist ja auch nicht einfach alles positiv.

Graf: Jeder Einwohnerrat weiss, dass die Schule ein Riesenthema ist. Auch, weil sie der grösste Brocken im städtischen Budget ist.

Küttigen wird seine Oberstufenschüler wahrscheinlich bald alle nach Aarau schicken. Hat man das in der Planung berücksichtigt?

Graf: Zu 100 Prozent – soweit man das zum heutigen Zeitpunkt kann. Die Gemeinde Küttigen ist auch eingeladen worden, sich zu überlegen, ob sie nicht auch auf den Kreisschul-Zug aufspringen will. Wir haben gemeinsam mit Küttigen die Schülerzahlen und den Schulraum geprüft. Gemäss Auskunft des Gemeinderates Küttigen können wir nicht damit rechnen, dass für uns in Küttigen Schulraum zur Verfügung steht. So oder so ist vorgesehen, dass die Kreisschule Aarau-Buchs entweder auf Schulgeld-Basis Kinder aus anderen Gemeinden aufnehmen kann oder sich weitere Gemeinden anschliessen können.

Das Kreisschulmodell Buchs-Rohr funktioniert gut. Schwieriger ist es in Entfelden. Die dortigen Gemeinderäte haben vergeblich versucht, die Finanzkompetenz vom Kreisschulrat zurückholen – eigentlich würden sie ihn am liebsten abschaffen. Wie stellen Sie sicher, dass so etwas in Aarau nicht passiert?

Graf: Wir als Stadt- und Gemeinderat können das nicht sicherstellen. Zuständig sind die Schulpflege und der Kreisschulrat. Für extreme Fälle kann das Referendum und/oder das Behördenreferendum durch den Stadt- oder den Gemeinderat ergriffen werden.

Kleiber: Wenn ein Einwohnerrat den Eindruck hat, er habe zu wenig Einfluss, dann kann er sich in den Kreisschulrat wählen lassen. Der Kreisschulrat wird – wie heute die Schulpflege – vom Volk gewählt. Zudem haben wir ein Koordinationsgremium, dem die Schulpflege sowie der Stadt- und der Gemeinderat angehören. Das Gremium bespricht die finanziellen Auswirkungen von grossen Entscheiden – im Vorfeld der Debatte im Plenum des Kreisschulrates.

Zusammengefasst ist die Schule Aarau-Buchs-Rohr kein Sanierungs- sondern ein Optimierungsfall.

Graf: Ganz genau.

Kleiber: Es ist immer gefährlich, wenn man von Optimierung spricht. Dann hat man das Gefühl, man wolle sparen. Darum geht es hier nicht. Wir wollen primär die Organisationsform optimieren. Spareffekte können dann eintreten, wenn man gemeinsam wächst.

Graf: Für mich steht fest: Die Kreisschule Aarau-Buchs ist eine sehr gute, zukunftsgerichtete Lösung.