Giovanni (alle Namen geändert) ist ein charmant-höflicher italienischer Rentner: weisse Haare, graues Hemd, dunkler Anzug, weinrot glänzende Leder-Slipper. Beim Betreten des Bezirksgerichts Aarau und beim Eingang zum Gerichtssaal lässt er den Damen den Vortritt. Doch Giovanni hat auch eine andere Seite – deshalb sass er am Dienstag vor Gericht. Angeklagt war er wegen Morddrohungen, die er gegenüber seinem Nachbarn Heiner ausgesprochen haben soll.

Das Ehepaar Heiner und Sabine kennt Giovanni schon seit gut vier Jahrzehnten. «Seit sieben, acht Jahren ist unser Verhältnis gespalten», erzählt Heiner im Zeugenstand. «Dabei wissen wir nicht mal warum – eines Tages sagte Giovanni einfach, er habe noch eine Rechnung offen mit uns. Seither kommen wir nicht mehr klar.»

Was geschah am Flussufer?

An einem heissen Montag im vergangenen Juli waren Heiner und seine Frau Sabine kurz nach dem Mittag mit ihren beiden Hunden an der Suhre unterwegs. Sie wohnen – wie Giovanni – nur wenige Meter vom Fluss entfernt. Während die Tiere baden gingen und Stöcke apportierten, kam es zu einem Zusammentreffen des Ehepaars mit Giovanni, der mit Enkeltochter und Kinderwagen beim Ufer an der Suhre sass und auf dem iPhone Kinderlieder hörte. Bis zu diesem Punkt sind sich die beiden Zeugen und der Angeklagte einig.

Dann jedoch gehen die Schilderungen der Geschehnisse auseinander. Sabine und Heiner berichteten übereinstimmend, sie hätten die Hunde am gewohnten Platz baden lassen und Giovanni gar nicht bemerkt. Erst, als dieser drohte, die Tiere mit Steinen zu bewerfen, wenn sie mit den Hunden nicht «abfahren», seien sie auf ihn aufmerksam geworden. Es folgte ein Disput, in dem Giovanni laut Aussagen des Ehepaars insbesondere Heiner beschimpft und bedroht hatte. «Wenn ich dich alleine treffe, bringe ich dich um, dann bist du ein toter Mann», soll Giovanni auf Deutsch und Italienisch gesagt haben, schilderten beide Ehepartner.

Giovanni hörte den Aussagen der Zeugen keineswegs unberührt zu – im Gegenteil. Er lächelte mal süffisant vor sich hin, um Sekunden später den Kopf zu schütteln oder verächtlich zu schnauben. Warnende Blicke seines Anwalts nützten nichts, es bedurfte einer Ermahnung der Richterin. Als Giovanni seine Version des Zwischenfalls schildern durfte, sagte er, das Ehepaar habe ihm die Hunde auf den Hals gehetzt. «Una vendetta», ein Racheakt für einen seit Jahren andauernden Nachbarschaftsstreit. Dabei geht es um einen Parkplatz, so viel war den Aussagen der drei Beteiligten vor Gericht zu entnehmen.

Näheres zur Vorgeschichte wollte die Richterin aber gar nicht wissen – dafür umso mehr, wie Giovanni reagiert hatte, als das Ehepaar mit den Hunden auftauchte. «Ich hatte Angst um meine Enkelin, fühlte mich bedroht», sagte der Italiener mithilfe seiner Dolmetscherin. Heiner und Sabine hätten ihm mit den Hunden den Weg abgeschnitten. Aber: «Non ho fatto niente», beteuerte Giovanni, gar nichts habe er gemacht. Nur, dass er Heiner mit «mantenuto» bezeichnet hatte (zu Deutsch: der Ausgehaltene), gab er zu.

Giovannis Anwalt forderte einen Freispruch für seinen Mandanten. Damit der Tatbestand der Drohung erfüllt sei, müsse beim Opfer eine gewisse Angst oder Panik festzustellen sein, eine «heftige Regung des Gemüts».

«Diesen Eindruck erhält man aber überhaupt nicht», so der Anwalt im Plädoyer. «Die Behauptungen der Zeugen sind frei erfunden.» Der Verteidiger beantragte Freispruch «in dubio pro reo», weil nicht geklärt werden könne, wessen Version der Geschehnisse an der Suhre nun den Tatsachen entspreche.

Die Richterin verurteilte Giovanni jedoch wegen Drohung zu einer bedingten Geldstrafe von über 2000 Franken, dazu brummte sie ihm eine Busse von 500 Franken auf. Die Aussagen der Zeugen seien nachvollziehbar, aufgrund der Vorgeschichte sei glaubhaft, dass sie Angst gehabt hätten.

«Das ist gar keine Begründung», betonte der Anwalt von Giovanni im Anschluss an die Verhandlung und kündigt den Weiterzug des Bezirksgericht-Urteils ans Obergericht an.