Leben in Aarau

Velofahren ist gesund und macht glücklich

Die Schweiz steckt in Sachen Veloverkehr im Mittelalter, meint unsere Gast-Autorin.

Die Schweiz steckt in Sachen Veloverkehr im Mittelalter, meint unsere Gast-Autorin.

Ich schreibe diesen Text auf meinem Weg nach Bayrischzell. Dort werde ich fasten und boxen. Genau: Fastenboxen. Ich habe mein Velo dabei, um damit die rund 400 km zurück nach Aarau zu fahren. Ich liebe mein Velo. Ohne Velo fällt mein gesamtes Mobilitätskonzept zusammen.

Was rieb ich mir die Augen, als ich vor einigen Tagen in dieser Zeitung las: «Neuer CS-Aargau-Chef stellt trotz Schliessungen klar: In einer Viertelstunde soll jede Filiale erreichbar sein.» Herr Belci meint notabene mit dem Auto. In welcher Welt lebt der gute Mann?

Dass ein CS-Banker nicht mit den Klima-Aktivist*innen auf dem Bundesplatz demonstriert, das ist wohl leider so. Dass er aber so weltfremd und schlecht informiert mit seiner Karre durch die Strassen braust und nicht mitbekommen hat, dass heutzutage mit Autominuten zu werben ganz schlechtes Marketing ist, erstaunt trotzdem.

Wie kann es aber sein, dass seine Haltung immer noch Mainstream ist? Bin ich mit dem Velo unterwegs, fühle ich mich oft als mühsame Randerscheinung. Auf dem Weg von Aarau nach Gränichen, Hunzenschwil oder Oberentfelden, muss ich neben-, oben- und sehr oft untendurch. Ich muss ausweichen und Umwege fahren. Der direkte, schnelle Weg gehört dem Auto, es spielt unangefochten die Hauptrolle auf dem Asphalt.

Nutze ich zum Beispiel völlig verkehrsrichtig den ausgeweiteten Radstreifen (umgangssprachlich: Velosack) von der Kasinostrasse über die Bahnhofstrasse Richtung Behmen, dann begleitet mich regelmässig ein Hupkonzert, und manche Fahrer (nein, ich habe nicht vergessen zu gendern) fühlen sich sogar bemüssigt, die Nase in den Fahrtwind zu strecken und mir Nettigkeiten wie «dumme Kuh» oder «chasch ned velofahre» zuzurufen.

Der Veloverkehr wird auch heute konsequent dem Autoverkehr untergeordnet. Zuerst das Auto, und dann wurstelt man noch etwas für die Velos zusammen. Abstellplätze gehen vergessen, Velostreifen werden weggespart, und die Markierungen für Velos sind kryptisch und unverständlich, so wie auch die Verkehrsführung. Die Passerelle zwischen den Torfeldern hat zum Beispiel keine Rampe, sondern eine Treppe und einen Lift. Wer um Himmels Willen plant im 2020 so was?!

Die Schweiz steckt in Sachen Veloverkehr im Mittelalter. In den Sommerferien kurvte ich mit dem Velo durch Paris, denn dort werden Autos aus der Innenstadt verbannt und Strassen für Velos freigegeben. Die nordischen Städte machen es uns schon längst vor: zuerst das Velo, dann das Auto. Zürich hat sich am letzten Wahlsonntag auch klar und deutlich für sichere Velorouten ausgesprochen.

Gut so, denn Velofahren in Zürich ist echt gefährlich. Das Velo kombiniert mit dem ÖV ist die Mobilität der Zukunft. Velofahren ist gesund und macht glücklich. Die Innenstädte sind vom zähen Autoverkehr blockiert und verstopft, Parkplätze brauchen Platz, sind teuer und nicht schön. Velos brauchen auf der Strasse und geparkt nur einen Bruchteil dieses Raums, sind leise und klimaneutral. Der öffentliche Raum gehört den Menschen – nicht den Autos. Kurz: Das Auto als erweiterte private Stube hat ausgedient.

Und um es allen anonymen Kommentarschreibenden gleich vorwegzunehmen: Nein, ich verbiete Ihnen das Autofahren nicht. Aber in naher Zukunft wird das Auto out sein. Gewöhnen Sie sich daran. Und ja, man entdeckt mich hie und da unterwegs im Auto – Tendenz abnehmend.

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