Interview

VCS-Geschäftsführer über KSA-Parkhaus: «Die Spitalleitung untergräbt ihr eigenes Mobilitätskonzept»

«Es gibt bessere Lösungen als zusätzliche Parkplätze», sagt VCS- Geschäftsführer Christian Keller.

«Es gibt bessere Lösungen als zusätzliche Parkplätze», sagt VCS- Geschäftsführer Christian Keller.

Betreibt der VCS Aarau Verkehrspolitik auf dem Buckel der Spitalangestellten? Geschäftsführer Christian Keller erklärt im Interview, weshalb sein Verband sich gegen das geplante Personalparkhaus beim Kantonsspital Aarau wehrt.

Gegen das 12-Mio.-Projekt für ein Personalparkhaus beim Kantonsspital Aarau (KSA) gingen 50 Einwendungen ein. Unter anderem vom VCS Aarau. Diese Opposition hat eine starke Gegenreaktion ausgelöst. So sammelt das Personal des KSA auf petitio.ch und mit einer klassischen Peti­tion Unterschriften. Allein auf peti- tio.ch gibt es bereits etwa 2400 Unterstützer. Sie können die Parkhaus-Opponenten nicht verstehen. Christian Keller (51), Geschäftsführer des VCS Aargau und neuer Grossrat der Grünen, erklärt, weshalb für seinen Verband der Bau des Parkhauses in der vorliegenden Form nicht in Frage kommt.

Hat Sie die Intensität der Gegenreaktion auf Ihre Beschwerde überrascht?

Christian Keller: Uns ist bewusst, dass unsere ablehnende Haltung missverstanden werden kann. Unser Nein ist ein Nein zu einem Parkhaus dieser Grössenordnung an diesem Ort. Mit der Wertschätzung für das KSA-Personal hat dies nichts zu tun. Dass Optimierungsbedarf für das Personal des KSA besteht, ist unbestritten; doch es gibt bessere Lösungen als zusätzliche Parkplätze.

Dank des 12 Millionen Franken teuren Parkhauses soll es beim KSA netto 465 zusätzliche Parkplätze geben.

Dank des 12 Millionen Franken teuren Parkhauses soll es beim KSA netto 465 zusätzliche Parkplätze geben.

Können Sie nachvollziehen, dass die Spitalangestellten mit ihrem 24-Stunden-Betrieb auf genügend Parkmöglichkeiten pochen?

Es gibt genug Parkplätze beim KSA. Problematisch ist die Erreichbarkeit im Schichtbetrieb, und die wird durch zusätzliche Parkplätze nicht besser. Die Stadtzürcher Spitäler stellen viel weniger Parkplätze zur Verfügung; dort geht es auch.

Sie sagen, «ein Parkhaus dieser Grössenordnung gehört nicht ins Stadtzen­trum». Warum machen Sie ausgerechnet gegen das Spital-Projekt Opposition? Geht es Ihnen darum, bei diesem faktisch staatlichen Projekt ein Exempel zu sta­tuieren?

Wir opponieren nicht gegen das Spital und seine Angestellten, sondern lehnen dieses Parkhausprojekt ab, mit dem die Spitalleitung ihr eigenes Mobilitätskonzept untergräbt. 465 zusätzliche Personalparkplätze würden täglich über 2500 zusätzliche Fahrten generieren. Die Aarauer Bevölkerung hat sich auf demokratischer Basis dafür ausgesprochen, dass der motorisierte Individualverkehr plafoniert wird. Diesen Volkswillen gilt es zu respektieren.

Mal ehrlich: Sie wollen doch einfach auf dem Buckel der Spitalangestellten Verkehrspolitik betreiben?

Wir wollen, dass die Stadt für alle gut erreichbar ist, auch in Randzeiten und für Menschen, die weiter weg wohnen und nicht motorisiert sind. Niemand soll aufs Auto angewiesen sein, um in die Stadt zu kommen, auch nicht Spitalmitarbeitende im Schichtdienst. Der Weg dazu führt über die multimodale Mobilität: Ein starker öffentlicher Verkehr, ergänzt mit guter Veloinfrastruktur und Park+Ride in ländlichen Regionen. In diese Richtung geht auch die Mobilitätsstrategie des Kantons Aargau. Das ist die Zukunft.

Also pochen Sie darauf, dass Stadt und Kanton die übergeordneten Planungsziele einhalten?

Natürlich. Es kommt nicht von ungefähr, dass der Kanton Aargau den MIV-Anteil (MIV heisst Motorisierter Individualverkehr) in urbanen Zentren senken und in ländlichen Entwicklungsräumen plafonieren will. Das automobile System stösst an seine Leistungsgrenzen und ist ökologisch wie ökonomisch unverantwortlich.

Was wäre denn aus Ihrer Sicht für das KSA eine Alternative zu einem Parkhaus-­Neubau?

Tagsüber ist das KSA für alle gut mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar. Es braucht aber bessere Verbindungen in Randzeiten und für Randregionen. Für den Schichtdienst bietet das Besucherparkhaus genügend Kapazitäten. Dass dieses Parkhaus eine private Geldmaschine ist, darf eine Nutzung für das Personal nicht verhindern. Für Mitarbeitende braucht es aber eine akzeptable Preisgestaltung, bis die übergeordneten Ziele erreicht sind.

Zu wenig freie Plätze für das Personal: Das aktuelle Parkhaus beim KSA platzt derzeit aus allen Nähten.

Zu wenig freie Plätze für das Personal: Das aktuelle Parkhaus beim KSA platzt derzeit aus allen Nähten.

Wie gross ist der Stellenwert der KSA-Parkhaus-Beschwerde innerhalb des VCS Aargau? Ist es denkbar, dass Sie bis vors Bundesgericht gehen?

Das ist nicht unser Ziel, ist doch jede Beschwerde mit einem finanziellen Risiko verbunden. Ich bin zuversichtlich, dass sich eine vernünftige Lösung finden lässt.

Besteht für den VCS auf der Basis der vorliegenden Pläne überhaupt ein Verhandlungsspielraum?

Das ist eine strategische Frage, die der Vorstand erst diskutieren muss.

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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