2009 deponierte der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) seine erste Einsprache gegen das Stadion-Projekt im Torfeld Süd. Als das Baugesuch Anfang 2013 dann auflag, stritt der Verein mit der Bauherrin HRS und der Stadt Aarau ein Jahr lang über die Details der Umsetzung. Bei den Fussballfans machte er sich wegen der Verzögerung keine Freunde. Lange war nicht klar, worum es ging. Nun nimmt VCS-Geschäftsführer Micha Siegrist erstmals Stellung.

Herr Siegrist, mir brennen schon lange ein paar Fragen an Sie auf der Zunge. Doch jetzt, wo das Verfahren beendet ist und Sie antworten, liegt die ganze Aufmerksamkeit nicht mehr beim VCS, sondern bei einem Privaten, der die Baubewilligung anficht.

Micha Siegrist: Man muss immer erwarten, dass jemand Beschwerde macht. Alles andere ist realitätsfremd.

Dieser Private liess sich nicht vom öffentlichen Druck beeinflussen.

Offensichtlich. Aber mich überrascht eher, dass es nicht noch mehr Widerstand gibt. Andernorts formieren sich ganze Anwohnergruppen gegen solche Projekte.

Der VCS jedenfalls macht keine Beschwerde gegen die Bewilligung. Sind Sie mürbe geworden?

Gar nicht. Wir wollten möglichst viel für die Umwelt herausholen. Wir konnten das in Verhandlungen erreichen und müssen nun nicht den Rechtsweg beschreiten.

Die Verhandlungen dauerten immerhin ein Jahr. Währenddessen ist die Beliebtheit Ihres Verbandes nicht gerade gestiegen.

Es wurde nicht permanent verhandelt. Es gab zwei halbtägige Verhandlungen, den Rest der Zeit hat die Bauherrschaft gebraucht, um fehlerhafte Unterlagen zu verbessern. Zur Beliebtheit: Solche Engagements sind tatsächlich eine Belastung. Aber wir erfüllen damit unsere Pflicht als Umweltverband.

Nur eine zeitliche und finanzielle Belastung – oder auch imagemässig?

Zeitlich bewegt sich der Aufwand im Rahmen. Hingegen läppern sich die Anwaltskosten zusammen. Und es besteht immer das Risiko, dass der Fall eskaliert und ein Kesseltreiben beginnt, wie jetzt gegen diesen privaten Beschwerdeführer. Bei der ersten Einsprache 2009 hagelte es medial auch Kritik. Das ist nicht angenehm. Aber damit müssen wir leben. Schwieriger finde ich Kritik aus dem Umfeld des VCS selber.

Es gibt also VCS-Mitglieder, die finden, Sie hätten zu früh aufgegeben?

Ja, einige sind enttäuscht. Wir konnten das Projekt optimieren, aber es ist wegen unserer Interventionen nicht umweltfreundlich geworden – nur weniger umweltschädlich.

Zwischenfrage: Wie viele WM-Spiele haben Sie geschaut?

Keines. Ich interessiere mich nicht für Fussball.

Gilt das für den gesamten Vorstand des VCS?

(lacht) Nein. Der Präsident zum Beispiel ist FC-Basel-Fan.

Fussball ist ein Volkssport. Die Aarauerinnen und Aarauer haben dreimal Ja gesagt zu einem neuen Stadion. Wenn der VCS dagegen opponiert, handelt er sozusagen gegen den Volkswillen.

Nein, das Gegenteil ist der Fall: Der VCS half, den Volkswillen umzusetzen. Das erste Projekt, der Mittellandpark, wurde 2005 an der Urne abgelehnt, weil das Einkaufszentrum im Mantel des Stadions mit 16 000 Quadratmetern zu gross war. Dies ergab eine Analyse bei den Stimmbürgern nach der Abstimmung. Beim jetzigen Stadion war das Einkaufszentrum zuerst im Projektierungskredit mit 8000 m² beschrieben. Die Bau- und Nutzungsordnung sah dann aber 11 000 m² vor. Im Mitwirkungsverfahren rechneten wir das Vorprojekt nach und stellten fest, dass das Einkaufszentrum sogar 15 500 m² haben könnte. Wir sorgten dafür, dass die Bestimmungen von 11 000 m² Verkaufsfläche nun eingehalten werden. Unser Einsatz rechtfertigt sich aber mit einem wichtigeren Grund.

Und der wäre?

Das Volk sagte in der Abstimmung nur Ja dazu, dass das Stadion ungefähr so gebaut wird wie projektiert und genehmigt den Kredit dafür. Das Volk muss sich danach darauf verlassen können, dass irgendjemand kontrolliert, dass das Projekt gemäss dem geltenden Recht, also auch dem Umweltrecht, umgesetzt wird.

Die Einsprache des VCS gegen das Baugesuch umfasste 27 Punkte. 11 betrafen Parkplätze. Was haben Sie gegen Autofahrer?

Gegen Autofahrer haben wir nichts. Aber unsere Mobilität ist generell zu autolastig, was zu starken negativen Auswirkungen auf die Umwelt führt: hoher Energieverbrauch, Zersiedelung, Gefahr auf den Strassen, Luft- und Lärmbelastung.

Ein Einkaufszentrum schafft Arbeitsplätze und im Torfeld Süd liegt es zentral. Was ist schlecht daran?

Ein neues Einkaufszentrum schafft insgesamt keine zusätzlichen Arbeitsplätze: der Gesamtumsatz im Detailhandel bleibt konstant. Die Arbeitsplätze gehen einfach andernorts verloren. Und der Standort in Aarau ist mittelprächtig – nicht ganz so abseits gelegen wie andernorts im Aargau, zum Beispiel der Coop Kuhgässli in Würenlingen oder das Wynecenter in Buchs. Die Standortfrage lässt sich aber von uns nicht beeinflussen. Uns ging es darum, das Einkaufszentrum umweltmässig zu optimieren und möglichst zu verkleinern. Ein Einkaufszentrum ist umso umweltfreundlicher, je kleiner es ist.

Das erstaunt nicht: Es kommen dann einfach weniger Kunden.

Es ist nicht nur das. Ein kleineres Einkaufszentrum kann auch nur mit Kunden aus der Umgebung überleben, die kommen eher zu Fuss oder per Velo.

Die Leute shoppen offenbar lieber in grossen Zentren und fahren also sowieso zu einem solchen.

Klar kommen die Leute zu einem grossen Einkaufszentrum. Man kann auch eine Fabrik ohne Filteranlage betreiben, das ist wirtschaftlich auch besser. Nur weil es rentiert, heisst das noch lange nicht, dass man es machen soll.

Die Wirtschaftlichkeit ist Ihnen offenbar egal. Dabei steht das Multiplexkino in Konkurrenz mit jenem in Schöftland mit Gratisparkplatz.

Wirtschaftliche Aspekte müssen uns sogar egal sein. In diesem ganzen Seilziehen sind wir der Anwalt der Umweltanliegen.

Da denken Sie doch zu wenig weit: Wenn die Leute aus dem Raum Aarau nach Schöftland fahren, weil sie da einfacher parkieren können, ist das noch umweltschädlicher.

Wir hätten gerne auch in Schöftland bewirkt, dass das Kino die Umweltauflagen einhält. Aber das Kino ist grössenmässig unterhalb der Schwelle, ab der Verbandsbeschwerden möglich sind. Die Gemeinden neigen dann jeweils zu Vollzugsschlamperei und fordern die Auflagen bezüglich Umwelt nicht ein. Das wäre ein Grund, die Hürde für eine Verbandsbeschwerde zu senken. Wo wir die Möglichkeit haben, versuchen wir alle Projekte gleich anzupacken, egal wo sie stehen.

Es kann dem VCS nicht egal sein, ob der Standort gut oder schlecht ist. Anlagen mit viel Publikum sollten doch möglichst zentral stehen.

Das erreichen wir eben, indem wir sie gleich behandeln: Wir verlangen überall die gleichen Umweltauflagen. Diese sind im Torfeld Süd viel einfacher zu erfüllen als zum Beispiel in Würenlingen. Aber natürlich sind die Strassen in den Zentren schon stärker belastet. Das führt tatsächlich manchmal dazu, dass Einkaufszentren in Städten strengere Auflagen haben. Falsch sind aber nicht die strengen Auflagen hier, sondern dass Zentren ausserhalb billig wegkommen.

Was wäre in Aarau geschehen ohne die Verhandlungen des VCS?

Das Projekt wäre umweltschädlicher. Das Einkaufszentrum wäre grösser und das Torfeld Süd insgesamt würde statt 7700 täglich schätzungsweise 12 000 Auto-Fahrten erzeugen, wenn wir nicht interveniert hätten.

Das ständige Einsprechen und Kämpfen scheint mir ein mühsames Geschäft. Machen Sie es gerne?

Ja. Die Verbandsbeschwerden sind für mich das Salz in der Suppe. Politische Kampagnen – die mich zeitlich am meisten beanspruchen – sind oft eher langweilige Fleissarbeit und am Ende verlieren wir doch meist. Bei den Beschwerden hingegen ist die Recherche spannend und das Resultat sichtbar. Und jetzt stehen wir sogar in der Öffentlichkeit nicht mehr so schlecht da.

Auch weil die Fussballfans jetzt auf den privaten Beschwerdeführer wütend sind.

Ich finde es nicht richtig, dass er angegriffen wird. Genau so, wie die Fussballfans nicht kriminalisiert werden wollen, soll auch bei Anwohnern der Rechtsstaat gelten. Und hier gibt es nun mal das Recht einer Minderheit gegenüber einer Mehrheit. Es ist absolut notwendig, dass es gewahrt wird, sonst hätten wir eine Mehrheitsdiktatur. Das kann niemand wollen.