Kantonsspital Aarau

Unterirdische Asylunterkunft: «Bewundernswert, was die Angestellten hier leisten»

Rund 300 Asylbewerber leben seit einem halben Jahr auf engstem Raum in der geschützten Operationsstelle des Kantonsspitals Aarau. Jetzt öffneten sie der Öffentlichkeit die Türen.

«Mirësevini, Grüezi, Herzlich willkommen» steht über dem Eingang der Geschützten Operationsstelle (Gops) des Kantonsspitals Aarau. Dazu für uns nicht lesbare Schriftzeichen aus dem Orient desselben Inhalt. 272 Asyl suchende Männer sind da untergebracht; am Tag der Offenen Türe erlauben sie einen Blick in die Unterwelt, seit Dezember 2015 ihr Zuhause. Die Gops erinnert an eine Zivilschutzunterkunft. Kein Tageslicht, enge Schlafräume, 12 Duschen für 280 Männer, 15 Toiletten. Dem 20-jährigen Najibullah aus Afghanistan gefällt es hier nicht. Er ist acht Monate in der Schweiz und spricht gut deutsch. In Gopf in Muri, die zur Zeit nicht gebraucht wird, habe es ihm besser gefallen.

Reza Saba, mit 54 wohl der älteste der Asylbewerber, stammt aus dem Iran. Er hat in der Unterkunft seine kleine Freiheit gefunden. Seit sechs Monaten ist er hier und vermisst die frische Luft, Berge und See, die er im Militärcamp in Yverdon hatte. Chancen, Asyl zu erhalten? Er weiss es nicht. Seine Insel ist der Raum, wo die Asylsuchenden malen können. Filigran seine Skyline von Istanbul. Mit Porträtmalerei schlug er sich in Istanbul durch; das macht er auch in Aarau, um sich ein paar Franken zu verdienen.

Reza Sabas Istanbul.

Reza Sabas Istanbul.

Im Aargau, der 7,7 Prozent der Asylbewerber in der Schweiz betreuen muss, gibt es neben Aarau (Maximalbelegung 350 Personen) Gops an den Spitälern Baden, Muri und Laufenburg. «Derzeit sind 529 der 820 Plätze belegt», sagt Balz Bruder vom Departement Gesundheit und Soziales (DGS). Im Auftrag des DGS betreibt die Firma ORS Service AG diese Anlagen. Für die Asylbewerber in Aarau sind stets 20 Personen anwesend. «Bewundernswert, was die Angestellten hier leisten», sagt Nachbarin Anna Ziemke. Vor allem die Sauberkeit der Anlage beeindruckt. Erschreckt hat sie die Tatsache, dass hier «Männer im leistungsfähigsten Alter stillgestellt» sind.

Zermürbendes Warten auf den Asyl-Entscheid

Wessam, ein 31-jähriger Syrer, ist Koch. Er hat mit seinen Kollegen syrische Spezialitäten zubereitet. Wie das riecht! Der Krieg habe sein Haus zerstört, sagt er. Er sei zufrieden hier, Hauptsache kein Krieg, und er möchte als Koch arbeiten, übersetzt Khaled, ein ehemaliger Asylbewerber, der nun für ORS arbeitet. Partyservice der Asylbewerber? Geht nicht, denn Asylsuchende dürften das lokale Gewerbe nicht konkurrenzieren und nur gemeinnützige Arbeit leisten: Werkhof, Anti-Littering. Freiwillige unter den Einheimischen sucht Stadträtin Angelica Cavegn Leitner, zum Beispiel für Deutschunterricht. Da gibts zu wenig Plätze.

Roger Hasler und René Burkhalter von der ORS führen die Besucher durch die Räume und beantworten Fragen. Ein Asylbewerber bekommt 10 Franken pro Tag für den Grundbedarf. Dazu kommen 20 Franken Kleidergeld pro Monat. Für Arbeiten wie Kochen, Waschen, Putzen sind die Asylbewerber selber zuständig. Maximal sieben Franken pro Tag kann man sich durch Arbeiten dazu verdienen. «Je mehr Leute beschäftigt sind, desto weniger Probleme gibt es», sagt Burkhalter. Das zuweilen lange Warten auf einen Entscheid zermürbe. Mit Deutschunterricht, Sport, Pingpong- oder Töggeliturnieren wird die Zeit sinnvoll verkürzt. Fitnessgeräte stehen zur Verfügung. «Ein ehemaliger Lehrer bietet Velotouren an», sagt Zentrumsleiter Roger Hasler.

Nachbarn fordern Lärmschutzwand

Burkhalter braucht für seine Belegschaft Sozialarbeiter, Pflegefachleute, Handwerker und Personal für die Administration. «Die Sprachen sind gut abgedeckt», sagt er, zumal auch ehemalige Asylbewerber angestellt würden. W-LAN in der Unterkunft ermöglicht den Gebrauch entsprechender Apps. Klare Regeln gelten. Ethnien, die nicht gut auskommen miteinander, separiere man. In Aarau sind vor allem Afghanen, Eritreer, Iraker, Iraner und Syrer untergebracht.

Zum Tag der Offenen Tür bewirten die Asylsuchenden die Besucher mit Köstlichkeiten aus Afrika, Arabien, Afghanistan und Sri Lanka. Das geniessen auch Nachbarn, die nicht immer glücklich sind. «Unser Schlafzimmer geht gegen die Unterkunft», sagt Therese Fischer, und ihr Partner Walo Beck ergänzt: «Wenn nachts um 2 Uhr 20 Leute draussen miteinander reden, ganz normal, wird es halt lärmig.» Er schlägt deshalb eine Beschichtung der Betonwände vor, um den Hall zu dämmen. Oder eine Lärmschutzwand.

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