Aarau
Unschuldig festgenommen: «Ich habe Besseres zu tun, als in einer Zelle zu sitzen»

Der 19-jährige Pascal Werner aus Seengen wollte am Samstagnachmittag an ein Geburtstagsfest nach Aarau - aber da kam er nie an. Stattdessen geriet er in den Polizei-Grosseinsatz im Rahmen des Fussballspiels FC Aarau gegen FC Zürich.

Remo Hess
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Reiste reines Gewissens nach Aarau und landete trotzdem in der Zelle: Der 19-jährige Pascal Werner aus Seengen.

Reiste reines Gewissens nach Aarau und landete trotzdem in der Zelle: Der 19-jährige Pascal Werner aus Seengen.

Chris Iseli

Um keinen Preis sollte der Match zwischen dem FC Aarau und dem FC Zürich zu einem Spiel mit Fan-Krawallen ausarten. Also schlossen die Behörden den Gästesektor und erklärten Aarau zur Sperrzone. Am Ende des Tages verbuchte die Polizei rund 300 Festnahmen. Doch auch Unbeteiligte landeten in der Zelle.

Das sei «ein Stück weit der Preis fürs Polizei-Dispositiv», sagte Hans Peter Fricker, Generalsekretär des Departements des Inneren beim Kanton am Dienstag im «TalkTäglich» auf «Tele M1». Einer dieser Unbeteiligten ist Pascal Werner, 19-jähriger KV-Stift aus Seengen. Er fühlt sich seiner Freiheit beraubt.

Party in Aarau

Um 15.58 Uhr habe er mit einem Freund den Zug in Lenzburg bestiegen, sagt Pascal. Sie wollten in die Stadt, später weiter an eine Geburtstagsparty.

Pascal: «Ich dachte bereits im Zug, dass wir möglicherweise in Aarau kontrolliert werden würden.» Das habe sie aber nicht gekümmert, da sie das Fussballspiel nicht interessierte und sie reinen Gewissens nach Aarau fuhren.

Schwarze Jacke, Jeans, weisse Schuhe: So reiste Pascal Werner ohne Bedenken am Samstagnachmittag von Lenzburg nach Aarau.

Schwarze Jacke, Jeans, weisse Schuhe: So reiste Pascal Werner ohne Bedenken am Samstagnachmittag von Lenzburg nach Aarau.

Chris Iseli

Als sie am Bahnhof ausstiegen, warteten sie kurz, bis die FCZler, die im selben Zug waren, in die Unterführung einbogen. In sicherem Abstand folgten sie nach.

Trotzdem wurden sie umgehend von vier Polizisten in Vollmontur zur Personenkontrolle gebeten. Sie mussten an die Wand stehen, ihre Ausweise zeigen und sich erklären. «Sie fragten uns, was wir hier machen», sagt Pascal.

Er habe erklärt, sie würden in die Stadt und nachher an eine Geburtstagsparty. Da wurden auch schon die Kabelbinder festgezurrt. Pascal: «Wir waren sprachlos. Wir hatten den Polizisten doch erklärt, was wir vorhaben. Sie haben überhaupt nicht reagiert.»

Ab in den Kastenwagen

Auf der anderen Seite der Geleise wartete der Kastenwagen. Der fuhr die beiden zusammen mit anderen Festgenommenen ins Polizeikommando. «In einem abgesperrten Bereich warteten zig andere», sagt Pascal.

«Alle drei bis vier Minuten fuhr ein neuer Kastenwagen vor. Die Polizisten nahmen uns sämtliche Effekte ab, steckten sie in einen Plastikbeutel und legten sie uns vor die Füsse. Ich versuchte mehrmals vergebens, mit den Beamten ins Gespräch zu kommen.»

Es sei mehr oder weniger immer die gleiche Antwort gekommen: «Ich bin dafür nicht zuständig. Ich kann keine Auskunft geben.»

Die Stimmung sei angespannt, aber ruhig gewesen, so Pascal. Unter den Anwesenden entdeckte er auch sechs seiner Kollegen, welche er am Abend auf der Party treffen wollte.

Nach rund vier Stunden wurde er als Unschuldiger wieder aus der Polizeigewahrsam entlassen.

Nach rund vier Stunden wurde er als Unschuldiger wieder aus der Polizeigewahrsam entlassen.

Chris Iseli

Nach einigen Minuten wurden sie einzeln in einen Raum geführt. Während ein Beamter die Rechtslage erklärte, wurden ihnen die Handfesseln abgenommen. An einer weiteren Station mussten sie ihre Personalien angeben. Danach machte die Polizei ein Ganzkörper- und ein Gesichtsfoto.

«Ein Beamter fragte mich, ob er Angehörige oder den Arbeitgeber informieren soll, oder ob es ein Tier oder einen Menschen gäbe, der in meiner Obhut steht», erzählt Pascal.

Als er den Beamten darauf aufmerksam machen wollte, dass er als völlig Unbeteiligter zu Unrecht hier wäre, habe dieser gesagt: «Das können sie dann bei der Befragung sagen». Zu einer solchen Berfragung sei es aber nie gekommen.

Später kam Pascal in eine Zelle, wo gemäss seiner Schätzung bereits 50 bis 60 Leute warteten. Hier erhielten sie eine Flasche Eistee und ein Twix.

Nach ungefähr zweieinhalb Stunden wurde sein Namen aufgerufen. Es hiess, dass nun seine Entlassung vorbereitet werde. Auf einem Formular, das er unterzeichnen sollte, stand, dass er den «Fans des FC Zürich» zuzuordnen sei und mit einem Rayonverbot bis Sonntag 24 Uhr belegt werde.

Das wollte er nicht akzeptieren: Erstens sei er kein FCZ-Fan und zweitens wolle er an die Geburtstagsparty nach Aarau, sagte er den Beamten. «Ich dachte mir: Das kann es nicht sein.» Zum Rayonverbot sagte die Polizistin zu ihm: «Es ist ja nur für eine kurze Zeit.»

Nach einigen Diskussionen und dem Vorweisen der Party-Einladung auf dem Handy schaffte es Pascal schliesslich, dass der Einsatzleiter beigezogen wurde.

Nach weiteren zehn Minuten in der Zelle dann die Erlösung: Die Beamten glaubten ihm. Pascal: «Der Einsatzleiter sagte zu mir: Du warst wohl einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.»

Nachdem er seine Effekte zurückerhalten hatte, machte er die Polizisten darauf aufmerksam, dass noch weitere seiner Freunde unschuldig in der Zelle sässen. Indem er deren Namen angab, konnte er sie schliesslich aus dem Polizeigewahrsam befreien.

«Ich fühlte mich machtlos»

Rund dreieinhalb Stunden waren vergangen, als die acht Freunde das Polizeikommando verliessen. «Wir waren nur froh, draussen zu sein», so Pascal. Was bleibt von der unfreiwilligen Erfahrung?

Pascal: «Ich wusste nicht, wie mir geschieht. Vor allem, dass es keine Möglichkeit gab, mich zu erklären, liess mich mit einem Gefühl der Machtlosigkeit zurück».

Und er fügt an: «Ich habe am Samstagabend definitiv Besseres zu tun, als in einer Zelle zu sitzen.»

Am Montag haben Pascal und seine Freunde einen Rechtschutzdienst aufgesucht. Dieser habe ihnen geraten, eine schriftliche Beschwerde bei der Kantonspolizei einzureichen, was sie auch tun würden. Zudem wollen sie die Löschung ihrer Daten beantragen.

Pascal: «Ich habe keine Lust darauf, irgendwo als FCZ-Hooligan vermerkt zu sein.»

Den Einzelfall wollte die Kantonspolizei Aargau auf Anfrage nicht kommentieren. Sie verweist auf die laufende Analyse des Einsatzes und die Möglichkeit für betroffene Personen, eine Beschwerde einzureichen.

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