Daniel Mettauer wusste, dass er nun schnell reagieren musste. Nicht nur, damit man den Mann möglichst noch finden würde: Als Schulleiter musste er auch einer möglichen Hysterie zuvorkommen.

«Es ist immer eine Gratwanderung», sagt Mettauer, «zwischen informieren und dem Wecken unnötiger Ängste.» Er ist bereit, über den Vorfall vor zwei Wochen zu sprechen, weil solche Vorfälle an Schulen immer wieder ein Thema sind. «Pro Jahr kommt es im Schulhaus rund einmal vor, dass ein Kind von einem Mann auf dem Schulweg verdächtig angesprochen wird», sagt Mettauer. Doch seit Anfang Jahr gabe es mehr als einen. Das bestätigt auch die Kantonspolizei: Von den jeweils rund 50 Fällen im ganzen Kanton betraf letztes Jahr einer Aarau. Dieses Jahr habe es in Aarau «schon einzelne Fälle» gegeben, sagt Polizeisprecher Roland Pfister.

Es geht nicht um Sexualstraftäter

Ausserdem stellt Pfister klar: «Wir reden von Männern mit einem seltsamen sozialen Verhalten, die Kinder ansprechen. Oft sind es auch geistig Behinderte, welche die Kinder verunsichern.» Es gehe nicht um Übergriffe. Pfister erinnert sich nicht, wann sich der letzte dramatischere Fall ereignete. «Das kommt zum Glück praktisch nie vor», so Pfister. Auch Exhibitionisten würden kaum je Schulkinder belästigen: Solche Fälle gäbe es eher im Grünen, zum Beispiel an der Aare.

Laut Pfister hat Schulleiter Mettauer richtig gehandelt: Er griff sofort zum Telefon und informierte die Polizei. «Es ist wichtig, dass wir davon erfahren, bevor sich Gerüchte entwickeln», sagt Pfister, «ausserdem haben wir den Überblick und können den Vorfall mit anderen in Verbindung bringen.»

Weitere Schülerin wurde belästigt

Den Überblick hatte in diesem Fall auch der Schulleiter bald: Zwei Stunden später stand die nächste Schülerin - eine 2. Klässlerin - mit der Lehrerin in seinem Büro. Sie war auf dem Weg zur Schule von einem Mann umarmt worden. Es muss derselbe gewesen sein, denn auch zwei erwachsene Frauen beschrieben später im selben Gebiet einen Mann, der sie belästigt habe.

«Mir stehen als Vater bei solchen Geschichten die Haare zu Berge», sagt Mettauer. Doch damit nichts zu diesen Vorfällen hinzuerfunden und die Situation dramatisiert würde, begleitete er die Schülerinnen in beiden Fällen nach Hause und redete mit ihren Müttern. Auch, weil es Freitag war: Übers Wochenende wäre für die Entstehung von Gerüchten viel Zeit gewesen. Abends schrieb er einen Elternbrief und schickte den Lehrpersonen ein E-Mail indem er sie bat, montags die Schüler und Eltern zu informieren.

Wie sich Geschichten weiterentwickeln könnten, zeigte ihm Tage später seine 7-jährige Tochter Lorella. Sie kam aufgeregt nach Hause und erzählte, der böse Mann, von dem in der Schule die Rede gewesen war, sei ihr nachgelaufen. Sie zeigte vom Haus ans Aareufer - wo Rekruten vorbeimarschierten und sie ihren Mann wieder erkannte. «Das ist die Fantasie einer 1. Klässlerin», sagt Mettauer schmunzelnd.

Eltern sollen Ruhe bewahren

Die Empfehlungen an die Eltern sind in solchen Fällen immer die selben: Ruhe bewahren und den Kindern präventiv zeigen, wie man sich richtig verhält.

Der Vorfall war schliesslich auch Thema an der Schulleitersitzung der Schule Aarau am Montagmorgen. Und prompt kam es am Nachmittag erneut zu einem Vorfall im Aareschulhaus, worauf auch der dort zuständige Schulleiter Andreas Lüscher einen Brief an die Eltern verschickte. Aufgrund der Beschreibung hat es sich vermutlich um einen anderen Mann gehandelt. Gegenüber Mettauer sagte die gerufene Polizistin, es gebe momentan eine Häufung solcher Fälle. In der folgenden Woche waren deswegen zivile Patrouillen der Stadtpolizei im Gönhardquartier unterwegs.

«Meist geschieht nicht mehr», sagt Mettauer, «aber man muss die Fälle ernst nehmen und sofort reagieren. Wenn ich an diesem Freitag etwas früher aus dem Mittag in die Schule gekommen wäre, wäre ich dem Typen mit dem Velo hinterher.»