Im Juni war Gennaro (Namen des Beschuldigten und der beiden Zeugen geändert) der Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Aarau-Lenzburg eröffnet worden. Der 40-jährige Süditaliener, der seit rund sechs Jahren in der Schweiz als Gipser arbeitet, wurde zu einer bedingt ausgesprochenen Geldstrafe von 12 500 Franken verurteilt. Aufgebrummt wurde ihm dazu die Bezahlung von Bussen, Gebühren und sonstigen Kosten in der Höhe von knapp 7000 Franken.

Zur Last legte ihm die Staatsanwaltschaft mehrere Baustellendiebstähle im Kanton Zürich und im Raum Entfelden. Erfolgt waren diese in den Jahren 2010 bis 2012. In einzelnen Fällen wurde ihm auch Hausfriedensbruch vorgehalten. Gennaro akzeptierte den Strafbefehl nicht. So wurde sein Fall nun am Bezirksgericht Aarau verhandelt.

Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder hatte die Wahl: Wem war mehr zu trauen – Gennaro oder den beiden Zeugen, die eine völlig andere Version der gleichen Geschichte zum Besten gaben?

Als Zeugen traten Pantalone, Gennaros seinerzeitiger Arbeitgeber, und Carmelo, ein früherer Arbeitskollege, auf. Beide blieben bei den Angaben, die sie in der Voruntersuchung gemacht hatten und belasteten so den Beschuldigten.

Gennaro habe ihm Maschinen zum Kauf angeboten, erzählte Pantalone. Es ging dabei um Geräte, die auf Baustellen zum Einsatz kommen: Isolationsschneidegeräte, Akkuschrauber, Bohrmaschinen.

Pantalone erschien mit hängenden Hosen und im T-Shirt einer wegen Konkurs aufgelösten Firma, die seinen Namen trug. Der massige 40-Jährige erzählte, er habe einmal von Gennaro eine Maschine gekauft.

Dieser habe gesagt, er habe sie von einem Kollegen, der sein Geschäft aufgegeben habe. Als Gennaro mit weiteren Geräten zu ihm gekommen sei, habe es ihm gedämmert, dass da etwas faul sein müsse. «Schliesslich kann man nicht alle Tage eine Firma zumachen.» Pantalone hat da reichlich Erfahrung: Er ist schon mehrmals Konkurs gegangen.

«Ein Komplott gegen mich»

Gennaro habe dauernd Geldprobleme gehabt, behauptete Carmelo. Als ihn Gennaros amtlicher Verteidiger Hans Spillmann fragte, ob ihm jemand für seine belastenden Aussagen 3000 Franken angeboten habe, verneinte dies Carmelo. Genau das aber behauptete Gennaro.

Der Beschuldigte sprach von einem Komplott gegen ihn. Einen einzigen Diebstahl habe er begangen: Auf einer Baustelle in Zumikon ZH habe er ein Isolationsschneidegerät entwendet – und dies im Auftrag von Pantalone.

Sein Arbeitgeber habe ihm gedroht, ihn zu entlassen, wenn er es nicht mache. Gennaro hatte sich in diesem Fall von Anfang an selber belastet. Gefunden wurde das Gerät, wie Gennaros Verteidiger betonte, in einem Fahrzeug von Arbeitgeber Pantalone.

Dass sich die Geräte in seinem Keller befanden, erklärte er so: Er habe Pantalone darauf aufmerksam gemacht, dass ihm dieser damals 43 000 Franken schuldete. Offenbar war Pantalone im Verzug mit der Zahlung von Lohn und Sozialleistungen.

Vor Gericht räumte er ein, dass er heute noch 15 000 Franken an AHV-Geldern abstottern muss. Gennaro trug sich damals mit dem Gedanken, sich selbstständig zu machen. So habe ihm sein Chef gesagt: «Nimm die Maschinen, die du brauchst!» Als Ersatz für das geschuldete Geld. Als er die Geräte mitgenommen hatte, schickte ihm Pantalone – so Gennaro – die Polizei ins Haus.

Ausser im Fall des in Zumikon gestohlenen Isolationsschneidegeräts sei Gennaro freizusprechen, erklärte sein Verteidiger. Vorstrafen belasteten ihn keine, er sei reuig und habe sich auch nichts mehr zuschulden kommen lassen.

Pantalone und Carmelo warf Spillmann vor, falsch ausgesagt zu haben. Zugeben könnten sie das aber nicht, weil sie damit eingestehen würden, eine strafbare Tat begangen zu haben. Spillmann versuchte, die Glaubwürdigkeit des Arbeitgebers zu demontieren: Pantalone sei mehrmals verurteilt worden – wegen Veruntreuung, Urkundenfälschung, Misswirtschaft. Er gehe «sehr locker» mit fremdem Eigentum um. Er habe wiederholt solches benutzt und nicht zurückgegeben.

Schuldig nur in einem Fall

Dem Übersetzer erklärte Gennaro am Rande der Verhandlung, ihm scheine, die Schweizer Behörden seien sich falsche Zeugenaussagen nicht gewohnt. Solche lägen ausserhalb ihres Vorstellungsvermögens.

Für die Gerichtspräsidentin galt dies freilich nicht. Die Zeugen seien «nicht sehr glaubhaft» aufgetreten, befand Bettina Keller-Alder. «Es bestehen zu viele Zweifel.» Schuldig zu sprechen sei Gennaro einzig im Fall des von ihm zugegebenen Diebstahls in Zumikon.

Keller auferlegte Gennaro eine Geldstrafe von 50 Tagessätzen à 50 Franken, bedingt erlassen auf eine Probezeit von zwei Jahren und unter Anrechnung der Untersuchungshaft von 55 Tagen. Entschädigungen und Busse halten sich ungefähr die Waage.

Effektiv bezahlen muss Gennaro nur einen Sechstel der Verfahrenskosten. Die bei ihm beschlagnahmten Maschinen kann er beim Gericht abholen. «Gratuliere», sagte der Verteidiger beim Verlassen des Saals, «Sie haben es geschafft, dieses Urteil, denke ich, kann man akzeptieren.» Gennaro nickte.