«Und nun war es um unsere Kettenbrücke geschehen!», steht in der «Festschrift zur Einweihung der neuen Aarebrücke in Aarau 1949». Man weiss nicht so recht, ob es ein Ausruf der Entrüstung, der Wehmut oder doch der Erleichterung sein sollte. Denn zu Lachen hatten die Aarauer mit ihrer Kettenbrücke damals nur noch wenig. Die Konstruktion war dermassen marode, dass überzählige Buspassagiere jeweils am Zollrain aussteigen und zu Fuss über die Brücke laufen mussten, um am anderen Ufer wieder in den Bus zu klettern. Den Soldaten war das Passieren im Gleichschritt längst verboten worden, ebenso mussten ihre Vorgesetzten hoch zu Ross im Schritt statt in flottem Trab über die Holzplanken reiten. Die Aarauer Unsitte aber, das Ringen um Kosten und Bewilligungen, hatte den Bau der neuen Brücke aber um sagenhafte 30 Jahre in die Länge gezogen.

Schliesslich begannen sie also, die Bauarbeiten, im Juni 1948. Anfang September wurden die ersten Ketten und Stangen durchtrennt. Am 20. September wurde die Fahrbahn auf das Konstrukt der Notbrücke geschoben und nur elf Monate später, am 22. August 1949, wurde mit Beenden der Betonarbeiten das Aufrichtefest gefeiert. Am 6. November wurde die Brücke eingeweiht und für den Verkehr freigegeben. Und jetzt, 70 Jahre danach, ist es wieder so weit: Um die Aarebrücke ist es geschehen. In der Woche nach dem Maienzug werden die Arbeiten offiziell beginnen – einmal mehr.

Die Künftige, der «Pont Neuf»: Am Montag beginnen die Arbeiten für die Hilfsbrücke.

Die Künftige, der «Pont Neuf»: Am Montag beginnen die Arbeiten für die Hilfsbrücke.

Brückenzoll auf Betten

Die Aarauer hatten es nie einfach mit ihrer Brücke. Und es ist wohl nicht vermessen, die Aarebrücke als wichtigstes Aarauer Bauwerk überhaupt zu bezeichnen. Vermutlich wurde bereits kurz nach der Stadtgründung durch die Kyburger eine erste Brücke gebaut worden sein, die den Fährbetrieb ablöste. Wie Paul Erismann in der erwähnten Festschrift schreibt, sollen es zwischenzeitlich zwei Brücken gegeben haben, die «ussere und die lange Brugg». Allzu viel Verkehr herrschte aber nicht, die grossen Verkehrsströme querten den Fluss in Olten oder Brugg; zu mühsam und stotzig waren die Wege über die Staffelegg, das Benkerjoch oder die Schafmatt. Natürlich erhoben aber auch die Aarauer einen Brückenzoll. Und zwar nicht nur auf Menschen, Wagen, Karren, Pferde, Rinder, Schweine und Schafe, sondern auch auf Betten, Kissen oder Kisten.

Fast so alt wie die urkundlichen Erwähnungen der Brücke sind auch die ersten Unglücksberichte. Unwetter und Hochwasser nach der Schneeschmelze rissen regelmässig die Holzbrücke mit sich, dann stockte es beim Wiederaufbau, weil entweder das Holz nicht geliefert wurde oder es schlichtweg am nötigen Kleingeld fehlte. Oft dauerte es Jahre, bis die notdürftig geflickte Brücke wieder ordentlich repariert wurde.

Brückenkopf der neuen Aarebrücke «Pont Neuf».

Brückenkopf der neuen Aarebrücke «Pont Neuf».

Für Langsamkeit gebüsst

Gespottet wurde daraufhin lauthals. Und während die einen fanden, man solle doch einfach die zurückgebliebenen Trümmer mit einer tragfähigen Fahrbahn verbinden, pochten andere darauf, nun endlich Experten zurate zu ziehen, die Aarau eine dauerhafte Brücke bauen würden. Das tat der Gemeinderat schliesslich auch, schreckte aber vor den veranschlagten Baukosten zurück. Während der Gemeinderat sich für den Wiederaufbau der zerstörten Jochbrücke aussprach, waren die Ortsbürger anderer Meinung und stimmten 1844 für eine eiserne Hängebrücke.

Es sollte Jahre dauern, bis die Aarauer ihre Brücke wiederbekamen. Wie Erismann schreibt, waren Kräfte am Werk, «die angeblich aus lauter Sorge um die städtische Finanzlage den Neubau mit allen Mitteln zu hintertreiben suchten». Schliesslich war die Situation so unhaltbar, dass dem Kleinen Rat die Geduld ausging und er die Aarauer Gemeinderatsmitglieder zu Ungehorsamstrafen von 8 Franken pro Tag Verspätung verdonnerte – eine ungeheure Summe für die damalige Zeit. 1848 schliesslich wurde ein Vertrag mit Brückenbauer Jean Gaspard Dollfuss aus Mulhouse geschlossen: Dollfuss hatte den Aarauern innert zwei Jahren eine Kettenbrücke zu bauen. Und das tat er. Im Dezember 1850 wurde die Brücke für den Verkehr geöffnet, im Januar wurde die Brücke mit einer Feier eingeweiht. «Der Kummer und die Sorgen hatten sich in Freude, die Zweifel und Bedenken in feste Zuversicht gewandelt. Möge der neue schöne Bau mit Gottes Segen noch spätern Geschlechtern dienen», schrieb der «Schweizerbote».

Diese Visualisierung zeigt den «Pont Neuf» aus einer weiteren Perspektive.

Diese Visualisierung zeigt den «Pont Neuf» aus einer weiteren Perspektive.

Wir kennen die Geschichte. Auch die Kettenbrücke war kein Bauwerk für die Ewigkeit. Nachdem 1918 erstmals der Vorschlag gemacht worden war, die Kettenbrücke durch einen Betonbau zu ersetzen, rangen sich die Aarauer schliesslich 20 Jahre später zum entsprechenden Entscheid durch. Noch einmal zehn Jahre später dann schritt man zur Tat. Nach einer Bauzeit von eineinhalb Jahren und rund 140 000 Arbeitsstunden wurde die neue Brücke (Projekt und Bauleitung Rothpletz, Lienhard & Cie. AG) vollendet und am 6. November 1949 eingeweiht.

Eine interessante Geschichte hat auch das Hotel Kettenbrücke, sie Sie hier lesen können. Die Bilder dazu:

33 historische Bilder von Aarau: