Da stehen wir nun. Wir, der ehemalige Arbeitskollege und die Menzikerin, beide Lokaljournalisten. Wir stehen da und wollen – ja was? Etwas über ihn erfahren, den Hermann Burger, den Menziker, den Ferrarifahrer, den Schlossherrn, den grossartigen Schreiber, den kaum jemand lesen kann. Nicht, weil es nicht fantastisch wäre, sondern eben darum. Weil es so dicht, so getränkt ist, dass man nach jedem Abschnitt durchatmen muss, weil die ganze Schwette auf einmal unerträglich wäre.

Da stehen wir nun im Stadtmuseum. Hier, wo der Kosmos des Aaraus der Siebzigerjahre, dem Schauplatz von Burgers Romanerstling «Lokalbericht», dargestellt wird. Aarau, hier, wo Burger die Kanti besucht und gewohnt hat, hier, wo er als Kulturredaktor für das Aargauer Tagblatt schrieb. Man schlüpft also hinein in diesen Kosmos, abgetrennt durch roten, schweren Stoff, hinein ins Kabäuschen.

Da liegen unter Glas sein Pfeifen-Set und sein Verbindungshut, in den jemand gross einen Notenschlüssel gemalt hat in all die vielen Signaturen hinein, darunter auch ein «Micky», Kaspar Villiger, später Bundesrat. Und in diese museale Stille klappert hartnäckig eine Hermes. Ist es bloss eingebildet, dieses Tastengeklapper, ein Streich, bei all dem Maschinengetippten vor Augen? Wohl nicht. «Unverkennbar, dieser Klang», murmelt der Kollege, «das Geräusch vergisst man nicht.»

Einwohnerrat und Kleintiere

Was in der grossen Museumshalle, dem Kabäuschen entschlüpft, auf die Besucher wartet, ist hauptsächlich Aarau. Der Maienzug. Kadetten. Der Pulverturm. Felix Hoffmann. Eine Schwanz-Rakete, gebastelt von der Ateliergemeinschaft vom Ziegelrain.

Und Zeitungsseiten, riesengross, die Schlagzeilen aus den Siebzigerjahren, die grossen Wiederholungen, das scheinbar Ewiggleiche: Aarauerhof, Städtebau, Maienzug, Verkehr in der Altstadt, Schulhaus-Einweihung, Kaserne, Einwohnerrat, die Kleintierausstellung. Alles repetitiv. Das, was für Burger das höchste der Gefühle war. «Lokalredaktor zu sein ist ein wundervoller Beruf», lässt Burger seinen Protagonisten Günter Frischknecht schwärmen.

Die Schlagzeilen sind sogar noch viel mehr, das Gerippe von Burgers Romanerstling: Ein Jahr lang soll er die Lokalseiten des Aargauer Tagblatts gesammelt und sich schliesslich 1970 mitsamt dem Stapel in die Tessiner Berge zurückgezogen haben, um den «Lokalbericht» zu schreiben.

Die Passagen, getippt in der Eile des Tagesgeschäfts, finden sich teils Wort für Wort im Roman wieder. Das Vermischen von Illusion und Wirklichkeit, Burgers roter Faden. «Nie bin ich glücklicher, als wenn es mir gelingt, das Verrückte dank vorgetäuschter Recherchen als wirklich und die bare (...) Realität als verrückt erscheinen zu lassen», schreibt er 1986.

Im Forum Schlossplatz gehts ans Eingemachte. Hermann Burger als «unser Hermannli», frisch gewickelt mit Schoppenflasche und weissem Schlüttli, pausbackig und wonnig. Burger, wie er mit seiner Spielzeugautosammlung posiert. Sein erster Mietvertrag aus dem Jahr 1969, 4392 Franken hat die Wohnung pro Jahr gekostet.

Sein Maturitätszeugnis, bei dem man mit einer gewissen Genugtuung die Vierer in Physik, Darstellender Geometrie und Biologie registriert. Sein Stundenplan, sein Testatheft, die Quittung von der ersten Hermes Media 3, die Abrechnung der NZZ anno 1965, 200 Stutz für sieben Gedichte, die Rechnung für den Ferrari in «rosso corsa», Chassis-Nummer 76.174 für 112 000 Franken.

Das Aufsatzheft aus der Kanti, aufgeschlagen. Thema: «Wie beurteile ich einen Menschen, der kein Auto hat, obwohl er sich eins leisten könnte?». Burger mit einem Chinesischen Ringspiel, ein grosser Zauberer wollte er sein und wurde es doch nicht. Vermischen von Illusion und Wirklichkeit.

Und was bleibt? Was hallt nach, wenn einem draussen die Kälte wieder in die Knochen fährt? Ein Erstaunen über die Vielfalt dieser Sammlung, den Wunsch, jeden Schnipsel zu horten. Und die nachklingende Lust am Suchen, am Ergründen, am Entdecken von Hermann Burger. Von Parallelen, von Bekanntem, von Illusion, von Schwächen, von seinem Aarau. Viel Vergnügen.

Hermann Burgers «Lokalbericht» Die Ausstellungen im Stadtmuseum Aarau und im Forum Schlossplatz laufen noch bis zum 22. Januar 2017