FC-Aarau-Krimi
Um 18.52 Uhr zerbrach der Aufstiegstraum: Wie die Fans mitlitten und mitzitterten bis zum Schluss

Alles war angerichtet für die grosse Aufstiegsparty auf dem Aargauerplatz in Aarau. Doch es wollte nicht sein. Wir haben die Fans im Brügglifeld hautnah erlebt. Eine Chronik des Leidens.

Nadja Rohner, Flurina Dünki
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Trainer Patrick Rahmen bedankt sich bei den Fans für die Unterstützung bei Hochs und Tiefs dieser Saison.
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Konsternierte Gesichter auf dem Brügglifeld.
Auch für die kleinen Fans ist der verpasste Austieg ein herber Schlag.
Die Fans hatten sich auf eine grosse Aufstiegsfeier eingestellt.
Enttäuschung auch bei den Fans am Public Viewing im Penny's in Aarau.
Mitfiebern im Restaurant Sportplatz.
Bereits nach wenigen Minuten ging Xamax in Führung – ein Schock für Fans beim Public Viewing in der Aeschbachhalle.
Das Brügglifeld war ausverkauft...
...einige Fans versuchten dennoch einen Blick auf den Platz zu erhaschen.
Public Viewing in der Aeschbachhalle 6. FC Aarau Public Viewing in der Aeschbachhalle 6
Public Viewing im Penny.
Public Viewing im Penny.
Public Viewing im Penny
Public Viewing in der Aeschbachhalle 6
Public Viewing in der Aeschbachhalle 6
Public Viewing im Penny.
Public Viewing in der Aeschbachhalle 6.
Public Viewing in der Aeschbachhalle 6.
Public Viewing in der Aeschbachhalle 6.
Public Viewing im Penny.

Trainer Patrick Rahmen bedankt sich bei den Fans für die Unterstützung bei Hochs und Tiefs dieser Saison.

Key.

Was hatte man in den sozialen Medien die letzten Tage Phrasen gedroschen. Den Tag nicht vor dem Abend loben; das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist, jaja, schon klar. Aber nach dem 4:0-Sieg des FC Aarau am Donnerstagabend in Neuenburg musste man kein grenzenloser Optimist sein, um das Bier für die Aufstiegsparty nach dem Rückspiel im Brügglifeld kalt zu stellen und sich vorsorglich für den Montagmorgen im Büro abzumelden.

Vergebens. Um 18 Uhr, 52 Minuten und 5 Sekunden zerbrach gestern der Aufstiegstraum des FC Aarau. «Ihr sind doch Halbschüeh», entfuhr es einem FCA-Fan in die Stille hinein, die nach dem Entscheidungstor herrschte. Wen er genau meinte, blieb offen.

Theorien für das Scheitern wurden herumgeboten. Obs der Schiri war, der mit seinen roten Socken, dessen Heimatort angeblich Neuenburg sei, wie man sich zuflüstert nach dem dritten Bier? Oder der Trainer, der doch endlich «diesen Schneuwly, der keinen Pass schafft», auswechseln solle, und zwar subito? Oder die Gegner, die doch auffällig oft zu Boden gingen?

Oder doch die ungewohnte Hitze, die auch die Spieler träger machte, immerhin hat man vor weniger als einem Monat noch im Schneematsch gegen Lausanne gewonnen. «Hat halt nicht gereicht» ist wohl die klarste Antwort, ausgesprochen von einem Vater an seinen enttäuschten Dreikäsehoch.

Der FC Aarau verliert gegen Xamax nach Penaltyschiessen.
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Damit verpasst der FCA den angestrebten Aufstieg in die Super League.
FCA-Keeper Nikolic kann keinen Xamax-Elfer parieren.
BG: Barrage-Rückspiel: FC Aarau - Neuchâtel Xamax (2.6.19)
Er versenkt seinen Elfmeter als einziger Aarauer nicht im Tor.
Hier hält Xamax-Goalie Laurent Walthert Zverotics Schuss.
Serey Die verwandelt später den entscheidenden Elfmeter für die Neuenburger...
... und bejubelt den Ligaerhalt.
Die Aarauer Spieler sind nach dem Spiel am Boden zerstört.
Emotionen pur.
Kein Trost hilft.
Die Enttäuschung steht auch den Zuschauern ins Gesicht geschrieben.
Auf der anderen Seite kann Walthert sein Glück kaum fassen.
Grosser Jubel beim Neuenburger Pietro Di Nardo.
Der FC Aarau liegt nach 90 Minuten 0:4 zurück. Es kommt zur Verlängerung.
Soweit hätte es nicht kommen müssen: In der 90. Minute hatte Marco Schneuwly aus drei Metern das leere Tor verfehlt.
Der einstige Torschütze vom Dienst kann es kaum fassen.
In der Verlängerung fallen keine Tore. Das Penaltyschiessen muss entscheiden.
Damit hätte wohl auch Sportchef Sandro Burki nicht gerechnet.
Fassungslosigkeit bei den FCA-Spielern.
Die Bilder der ersten Halbzeit: In der 20. Minute bringt Serey Die Xamax vom Punkt mit 1:0 in Führung.
In der 29. Minute erhöht Oss auf 2:0.
Noch vor der Pause trifft Kemal Ademi per Kopf zum 3:0 für Xamax.
Die Aarauer Offensive um Stefan Maierhofer bleibt in der ersten Halbzeit blass.
Aarau liegt bereits nach 45 Minuten mit 0:3 zurück.
Norman Peyretti (r.) im Duell mit Marcis Oss.
Stefan Maierhofer (l.) versucht, sich gegen zwei Neuenburger zu behaupten.
Parade von Torhüter Nikolic.
In der 72. Minute trifft Tréand zum 4:0. Die Verlängerung ist Tatsache. Der Rest ist bekannt.
Vor dem Spiel: Die Mannschaften sind bereit.
Die Choreo der FCA-Fans vor dem Spiel.
Sportchef Sandro Burki und Trainer Patrick Rahmen vor dem Spiel.
Das Brügglifeld ist ausverkauft.
Xamax-Topscorer Raphaël Nuzzolo nimmt nur auf der Tribüne Platz. Er ist gesperrt.
Die Zuschauer strömen ins Brügglifeld.
FCA-Präsident Alfred Schmid unterstützt die Mannschaft im Stadion.

Der FC Aarau verliert gegen Xamax nach Penaltyschiessen.

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«Tüend denn guet fääne»

Dabei hat alles so gut angefangen. Schon früh strömten die Besucher Richtung Brügglifeld, viele von ihnen mit Trikot oder doch wenigstens, dem Aufruf der «Szene Aarau» folgend, mit rotem Shirt. Eine verblüffte Seniorin, dem Besucherstrom von Suhr her entgegenradelnd, ruft vergnügt «Tüend denn guet fääne».

So viel vorweg: An den Fans lag es nicht; die gaben bis zum Schluss alles, um ihre Spieler anzufeuern, blieben fair. Wer das passende Tenue noch nicht hatte, holte es sich. So sagen Miriam Rohr und Elvira Dietiker vom Fan-Shop: «Vor dem Match ist das Geschäft genial gut gelaufen, die Shirts sind fast ausverkauft!»

Beim Restaurant Sportplatz dröhnt schon lange vor Anpfiff «Everything’s gonna be alright» (Bob Marley) aus den Boxen. Im VIP-Zelt herrscht gute Laune: Vom Regierungsrat sind Landammann Urs Hofmann sowie Alex Hürzeler da – die beiden eingefleischten Aarau-Fans. Fürs Foto muss Hofmann einen FCA-Schal ausleihen, seiner – ein «glismeter» – sei heute schlicht zu heiss gewesen.

Hürzeler, glücklicher Besitzer einer leichteren Sommervariante des Fan-Artefakts («Ich habe sie einst von FCA-Präsident Fredy Schmid erhalten») nutzt die Gelegenheit, um auf seinem Poloshirt Werbung für das anstehende Eidgenössische Turnfest zu machen. Wenige Meter nebenan ist der grössere Teil des Aarauer Stadtrats dabei, die Freundschaft mit dem Rivalen zu pflegen: Angelica Cavegn Leitner, Daniel Siegenthaler, Hanspeter Thür und Suzanne Marclay-Merz empfingen als Gast die Neuenburger Stadträtin Anne-Françoise Loup samt ihrer Familie. Die beiden Städte haben seit den 1990ern eine offizielle Städtepartnerschaft; Daniel Siegenthaler hat schon das Hinspiel in Neuenburg besucht.

Das sagen Fans zum verpassten Aufstieg:

Urs Hofmann, Landammann: «Zuerst ist man enttäuscht - auch ich hätte gerne ein Fest auf dem Aargauerplatz erlebt und nächstes Jahr Super League Spiele im Brügglifeld. Aber wenn man bedenkt, wie die Saison angefangen hat, ist es sensationell, dass wir überhaupt soweit gekommen sind. Ich gratuliere dem FC Aarau, wir können stolz auf die Mannschaft sein!»
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Stefan Zürcher (51) Mettau: «Ich hätte niemals mit so etwas gerechnet! Die meisten Aarauer Zuschauer wohl auch nicht. Die Enttäuschung über den verpassten Aufstieg ist riesig. Ich habe meinen Sohn dabei und wir hatten vor, auf dem Aargauerplatz feiern zu gehen. Tja, nun zotteln wir halt wie geschlagene Hunde nach Hause.»
Martin Kull, Chef HRS Real Estate AG: «So knapp vor dem Ziel scheitern ist extrem bitter. Wenn wir aber bedenken, wo der FCA im Oktober stand, so ist die Leistung eindrücklich. Am eindrücklichsten ist für mich die Begeisterungsfähigkeit des Umfelds und der Fans: Sie sind schon heute Super League-würdig und haben bewiesen, dass der FCA ein neues Stadion braucht.»
Jan Bodenmann (47) Brugg: «Das Resultat ist Enttäuschung pur! Ich musste gegen Ende des Spiels aus dem Stadion raus, weil meine Nerven das nicht aushielten. Ich bin seit meiner Jugend FCA-Fan. Mein Herz blutet ab dieser Niederlage. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf. Es wird wieder einen nächsten Frühling geben.»
Regina Meiersmüller (39) Suhr: «Es ist einfach schade, dass sie den Aufstieg nicht geschafft haben. Das hat man vor dem heutigen Spiel nicht erwartet. Aber ja, in ihren Köpfen waren sie wohl etwas zu siegessicher. Und dieser Schuss ging nach hinten los. Etwas leid tun sie mir aber schon, sie haben sich grosse Hoffnungen gemacht.»
Marcel Peter (34) Widen: «Ohne Fleiss gibt es nun mal keinen Aufstieg. Der FCA hat definitiv mit zu wenig Power gespielt. Ich bin FCA-Fan seit ich neun Jahre alt bin, seit der Klub 1994 den Meistertitel gewonnen hat und halte ihm seither die Treue. Er hätte im Heimspiel alles geben müssen, wenn er schon im Hinspiel eine 4:0-Führung erreicht hat.»

Urs Hofmann, Landammann: «Zuerst ist man enttäuscht - auch ich hätte gerne ein Fest auf dem Aargauerplatz erlebt und nächstes Jahr Super League Spiele im Brügglifeld. Aber wenn man bedenkt, wie die Saison angefangen hat, ist es sensationell, dass wir überhaupt soweit gekommen sind. Ich gratuliere dem FC Aarau, wir können stolz auf die Mannschaft sein!»

AZ

Auch die Fanzone füllt sich langsam, aber sicher. Ein paar versuchen, sich vor der brütenden Hitze mit Sonnenschirmen zu schützen, mit einer Mütze ist man gut bedient. Warten auf den Anpfiff, noch ein Bier holen, Fussballpalaver, («Geschter Schiss-Match gsi mit dem Liverpool, hä»). Drüben im Gästesektor rollen die Neuenburger das Banner aus. «Notre amour reste», unsere Liebe bleibt. Die Versuchung ist gross, das als vorgezogenen Tröst-Versuch für den Abstieg zu deuten.

Anpfiff. Das 1:0 in der zwanzigsten Minute nehmen die Aarauer Fans fast stoisch hin. Man hat ja noch genügend Vorsprung. Besser noch ein Bier holen, auch für den Nachbarn: «Bist eingeladen – wie heisst du eigentlich? Fan-Abgrenzung: «Weisch wie schwierig isch das gsii anfangs Saison! Jetzt häts en Huufe Type, wo suscht nie chömed.» Stadion-Diskussion: «Mir persönlich ist das ja egal mit dem neuen Stadion, ich will einfach Fussball – und das hier ist Fussball.»

«Das darf nicht wahr sein»

Werner Rufer, Chef der Metzgerei aus Schlossrued, die im Stadion für das leibliche Wohl zuständig ist, wünscht sich hingegen «unbedingt» ein neues Stadion: «Das Brügglifeld ist für uns bezüglich Infrastruktur sehr arbeitsintensiv. Es braucht mich als Manager, damit alles rund läuft.» Aber: «So viel wie im Brügglifeld bekommen die Zuschauer in den meisten neuen Stadien nicht.» Für das Spiel gegen Xamax hat er doppelt so viele Leute im Einsatz wie auch schon.

Als das 2:0 fällt, fallen auch die ersten Flüche. Kurz vor dem 3:0 sagt ein Zivilpolizist zum andern: «Sie machen ihr Ding für das neue Stadion, sie machen es! Alle haben gesagt, das sei kein Profifussball hier, und jetzt haben sie es ihnen gezeigt.»

Um 17.27 fragt ein Mann den Security, ob man den Platz stürmen dürfe, wenn der FCA aufsteige. Drei Minuten später: 3:0. «Das darf nicht wahr sein», sagt einer. Eingefleischte Fans tigern hinter der Tribüne auf und ab. «Ich glaub, ich muss heim, das halte ich nicht aus», sagt eine junge Frau. Sie bleibt.

17.53 Uhr, «Scheiss Xamax» aus den Reihen der Aarauer Fans. Geoffrey Tréand, Neuenburgs Nummer 17, hat es gehört, dreht sich um und lacht. Auf sein Trefferkonto geht das 4:0. Die Kantonspolizei in Vollmontur steht mittlerweile beim Hintereingang.

Nachspielzeit. Die Fans sind noch extrem präsent. Eine Parade des Aarau-Goalies wird bejubelt wie ein Tor. Hopp Aarau! Nur ein einziger Treffer!

Penaltyschiessen. «Das kennst du noch nicht», sagt ein Vater zum Sohn. «Er hätte es nicht gerade heute kennen lernen müssen», sagt der Begleiter.

Abpfiff. Verloren. Natürlich fliessen Tränen. Sogar bei einem Security. Oder bei kleinen Fans, für die eine Niederlage halt eine Niederlage ist, da gibts nichts schönzureden oder im grossen Ganzen zu betrachten. Aber, so wird Landammann Urs Hofmann später konstatieren, es sei mehr eine Enttäuschung aus dem Moment heraus, weil es halt doch nicht ganz gereicht habe für den Aufstieg, aber eigentlich sei man ja stolz.

«Bitter, richtig bitter», konstatiert auch der Aarauer Sport-Stadtrat Daniel Siegenthaler. «Aber ich muss sagen: Das Resultat ist verdient. Neuenburg hat seine Stärken gnadenlos ausgespielt. Auf die ganze Saison gesehen kann ich nur sagen: Das war eine Wahnsinnsleistung des FC Aarau.»

Aus der Aufstiegsfeier und der Freinacht wird nichts, die Mannschaft, die Hardcore-Fans und die Funktionäre bleiben im Brügglifeld. Und während auf dem Aargauerplatz die bereits aufgestellten Bier- und Grillzelte wieder abgebaut werden, lichten sich die Ränge im Stadion. Ein Pärchen mittleren Alters, neben der Tribüne stehend, schaut sich an. «Tja», sagt er. «Tja», sagt sie, «und was machen wir jetzt noch mit dem angebrochenen Abend?»

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