Was hatte man in den sozialen Medien die letzten Tage Phrasen gedroschen. Den Tag nicht vor dem Abend loben; das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist, jaja, schon klar. Aber nach dem 4:0-Sieg des FC Aarau am Donnerstagabend in Neuenburg musste man kein grenzenloser Optimist sein, um das Bier für die Aufstiegsparty nach dem Rückspiel im Brügglifeld kalt zu stellen und sich vorsorglich für den Montagmorgen im Büro abzumelden.

Vergebens. Um 18 Uhr, 52 Minuten und 5 Sekunden zerbrach gestern der Aufstiegstraum des FC Aarau. «Ihr sind doch Halbschüeh», entfuhr es einem FCA-Fan in die Stille hinein, die nach dem Entscheidungstor herrschte. Wen er genau meinte, blieb offen.

Theorien für das Scheitern wurden herumgeboten. Obs der Schiri war, der mit seinen roten Socken, dessen Heimatort angeblich Neuenburg sei, wie man sich zuflüstert nach dem dritten Bier? Oder der Trainer, der doch endlich «diesen Schneuwly, der keinen Pass schafft», auswechseln solle, und zwar subito? Oder die Gegner, die doch auffällig oft zu Boden gingen?

Oder doch die ungewohnte Hitze, die auch die Spieler träger machte, immerhin hat man vor weniger als einem Monat noch im Schneematsch gegen Lausanne gewonnen. «Hat halt nicht gereicht» ist wohl die klarste Antwort, ausgesprochen von einem Vater an seinen enttäuschten Dreikäsehoch.

«Tüend denn guet fääne»

Dabei hat alles so gut angefangen. Schon früh strömten die Besucher Richtung Brügglifeld, viele von ihnen mit Trikot oder doch wenigstens, dem Aufruf der «Szene Aarau» folgend, mit rotem Shirt. Eine verblüffte Seniorin, dem Besucherstrom von Suhr her entgegenradelnd, ruft vergnügt «Tüend denn guet fääne».

So viel vorweg: An den Fans lag es nicht; die gaben bis zum Schluss alles, um ihre Spieler anzufeuern, blieben fair. Wer das passende Tenue noch nicht hatte, holte es sich. So sagen Miriam Rohr und Elvira Dietiker vom Fan-Shop: «Vor dem Match ist das Geschäft genial gut gelaufen, die Shirts sind fast ausverkauft!»

Beim Restaurant Sportplatz dröhnt schon lange vor Anpfiff «Everything’s gonna be alright» (Bob Marley) aus den Boxen. Im VIP-Zelt herrscht gute Laune: Vom Regierungsrat sind Landammann Urs Hofmann sowie Alex Hürzeler da – die beiden eingefleischten Aarau-Fans. Fürs Foto muss Hofmann einen FCA-Schal ausleihen, seiner – ein «glismeter» – sei heute schlicht zu heiss gewesen.

Hürzeler, glücklicher Besitzer einer leichteren Sommervariante des Fan-Artefakts («Ich habe sie einst von FCA-Präsident Fredy Schmid erhalten») nutzt die Gelegenheit, um auf seinem Poloshirt Werbung für das anstehende Eidgenössische Turnfest zu machen. Wenige Meter nebenan ist der grössere Teil des Aarauer Stadtrats dabei, die Freundschaft mit dem Rivalen zu pflegen: Angelica Cavegn Leitner, Daniel Siegenthaler, Hanspeter Thür und Suzanne Marclay-Merz empfingen als Gast die Neuenburger Stadträtin Anne-Françoise Loup samt ihrer Familie. Die beiden Städte haben seit den 1990ern eine offizielle Städtepartnerschaft; Daniel Siegenthaler hat schon das Hinspiel in Neuenburg besucht.

Das sagen Fans zum verpassten Aufstieg:

Auch die Fanzone füllt sich langsam, aber sicher. Ein paar versuchen, sich vor der brütenden Hitze mit Sonnenschirmen zu schützen, mit einer Mütze ist man gut bedient. Warten auf den Anpfiff, noch ein Bier holen, Fussballpalaver, («Geschter Schiss-Match gsi mit dem Liverpool, hä»). Drüben im Gästesektor rollen die Neuenburger das Banner aus. «Notre amour reste», unsere Liebe bleibt. Die Versuchung ist gross, das als vorgezogenen Tröst-Versuch für den Abstieg zu deuten.

Anpfiff. Das 1:0 in der zwanzigsten Minute nehmen die Aarauer Fans fast stoisch hin. Man hat ja noch genügend Vorsprung. Besser noch ein Bier holen, auch für den Nachbarn: «Bist eingeladen – wie heisst du eigentlich? Fan-Abgrenzung: «Weisch wie schwierig isch das gsii anfangs Saison! Jetzt häts en Huufe Type, wo suscht nie chömed.» Stadion-Diskussion: «Mir persönlich ist das ja egal mit dem neuen Stadion, ich will einfach Fussball – und das hier ist Fussball.»

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«Das darf nicht wahr sein»

Werner Rufer, Chef der Metzgerei aus Schlossrued, die im Stadion für das leibliche Wohl zuständig ist, wünscht sich hingegen «unbedingt» ein neues Stadion: «Das Brügglifeld ist für uns bezüglich Infrastruktur sehr arbeitsintensiv. Es braucht mich als Manager, damit alles rund läuft.» Aber: «So viel wie im Brügglifeld bekommen die Zuschauer in den meisten neuen Stadien nicht.» Für das Spiel gegen Xamax hat er doppelt so viele Leute im Einsatz wie auch schon.

Als das 2:0 fällt, fallen auch die ersten Flüche. Kurz vor dem 3:0 sagt ein Zivilpolizist zum andern: «Sie machen ihr Ding für das neue Stadion, sie machen es! Alle haben gesagt, das sei kein Profifussball hier, und jetzt haben sie es ihnen gezeigt.»

Um 17.27 fragt ein Mann den Security, ob man den Platz stürmen dürfe, wenn der FCA aufsteige. Drei Minuten später: 3:0. «Das darf nicht wahr sein», sagt einer. Eingefleischte Fans tigern hinter der Tribüne auf und ab. «Ich glaub, ich muss heim, das halte ich nicht aus», sagt eine junge Frau. Sie bleibt.

17.53 Uhr, «Scheiss Xamax» aus den Reihen der Aarauer Fans. Geoffrey Tréand, Neuenburgs Nummer 17, hat es gehört, dreht sich um und lacht. Auf sein Trefferkonto geht das 4:0. Die Kantonspolizei in Vollmontur steht mittlerweile beim Hintereingang.

«Am Schluss war es eine Glückssache»: Das sagt FCA-Präsident Alfred Schmid zum verpassten Aufstieg

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Nachspielzeit. Die Fans sind noch extrem präsent. Eine Parade des Aarau-Goalies wird bejubelt wie ein Tor. Hopp Aarau! Nur ein einziger Treffer!

Penaltyschiessen. «Das kennst du noch nicht», sagt ein Vater zum Sohn. «Er hätte es nicht gerade heute kennen lernen müssen», sagt der Begleiter.

Abpfiff. Verloren. Natürlich fliessen Tränen. Sogar bei einem Security. Oder bei kleinen Fans, für die eine Niederlage halt eine Niederlage ist, da gibts nichts schönzureden oder im grossen Ganzen zu betrachten. Aber, so wird Landammann Urs Hofmann später konstatieren, es sei mehr eine Enttäuschung aus dem Moment heraus, weil es halt doch nicht ganz gereicht habe für den Aufstieg, aber eigentlich sei man ja stolz.

«Bitter, richtig bitter», konstatiert auch der Aarauer Sport-Stadtrat Daniel Siegenthaler. «Aber ich muss sagen: Das Resultat ist verdient. Neuenburg hat seine Stärken gnadenlos ausgespielt. Auf die ganze Saison gesehen kann ich nur sagen: Das war eine Wahnsinnsleistung des FC Aarau.»

Aus der Aufstiegsfeier und der Freinacht wird nichts, die Mannschaft, die Hardcore-Fans und die Funktionäre bleiben im Brügglifeld. Und während auf dem Aargauerplatz die bereits aufgestellten Bier- und Grillzelte wieder abgebaut werden, lichten sich die Ränge im Stadion. Ein Pärchen mittleren Alters, neben der Tribüne stehend, schaut sich an. «Tja», sagt er. «Tja», sagt sie, «und was machen wir jetzt noch mit dem angebrochenen Abend?»