Das Auto rumpelt vor ihnen in den Strassengraben, der Staub wirbelt unter den blockierten Rädern auf. Die Fahrertür fliegt auf, ein Mann springt heraus, eilt mit grossen Schritten zum Heck des Wagens, öffnet den Kofferraum, beginnt zu kramen. Und noch bevor Guido Huwiler und Rita Rüttimann Huwiler recht abgebremst haben und verdutzt dastehen, dreht sich der Mann um und streckt ihnen freudestrahlend etwas entgegen: zwei Stängeliglace. «Welcome to Iran», sagt der Mann und hält den Daumen hoch.

Guido Huwiler und Rita Rüttimann lachen schallend. Die beiden sitzen im Innenhof eines kleinen Hostels in Esfahan, einer iranischen Provinz-Hauptstadt, vor sich auf dem Tisch das Handy, im Hintergrund hört man Männer lachen, so laut, dass es zwischenzeitlich das Gespräch übertönt. Aber das macht nichts. Guido und Rita lachen auch viel und laut. Guido, braun gebrannt bis auf den weissen, spiegelglatten Velohelm-Skalp über dem langen Spitzbart, Rita mit einem hellen Sonnenbrillenabdruck über Augen und Nase. Das Lachen vergeht ihnen nicht, auch wenn sie ziemlich auf den Felgen sind. 135 Kilometer weit sind sie eben pedalt, bei 37 Grad Celsius.

Zu den Olympischen Spielen

Ende Februar sind die Aarauer Guido Huwiler (55) und Rita Rüttimann (57) aufgebrochen. Hinter sich ein Leben mit Eigenheim und sicheren Jobs als Architekt und Berufsberaterin, vor sich Zehntausende Kilometer quer durch Städte und das Nirgendwo. Das Ziel: Südkorea, rechtzeitig zu den Olympischen Winterspielen im Februar 2018. Denn da geht Guido Huwilers Sohn Mischa Gasser voraussichtlich an den Start, in der Ski-Freestyle-Kategorie Aerials.

Vier Monate Velofahren haben sie jetzt in den Wädli, eben haben sie die 7000-Kilometer-Marke geknackt. Nach Italien mit all den überfahrenen Tieren am Strassenrand, Montenegro und dem Kosovo sind sie mit rasselnden Bronchien durch Bulgarien gestrampelt, haben in der Türkei am Abend nach der Abstimmung über das Verfassungsreferendum mit einer Gruppe gefrusteter Biker in Lederkutten zu viel Schnaps getrunken, haben Georgien und Armenien durchquert sind nun seit drei Wochen im Iran. Ein Land, das sie durchschüttelt, umkrempelt. «Iran; da kommst du anders raus, als du reingekommen bist», sagt Guido Huwiler.

Zehn Mal zum Tee, Essen oder Schlafen eingeladen

Sie beide hätten grosse Vorurteile gehabt, alles für nichts. «Eine solche Gastfreundschaft haben wir noch nie erlebt», sagt Rita Rüttimann. Es vergehe kein Tag, an dem die beiden nicht bis zu zehn Mal zum Tee, zum Essen oder gleich zum Übernachten eingeladen werden. Kein Abend, an dem ihnen niemand hilft, das Zelt aufzubauen. Oder jemand Rita einen Strauss Blumen schenkt. Oder Autos anhalten und sie Glace, Früchte oder ein kühles Getränk gereicht bekommen. «Mein Weltbild hat sich im Iran gedreht», sagt Guido Huwiler. «Ich habe immer geglaubt, aus dem Iran komme das Böse. Wenn das hier das Böse sein soll, was ist dann der Rest der Welt?»

Velofahren, acht bis zehn Stunden täglich, auf Autobahnen und Schotterpisten, Pässe hoch und runter. Hatten sie noch nie die Nase voll? Wieder lachen die beiden. «Wenn Rita fährt, ist sie glücklich», sagt Guido Huwiler. Und für ihn seien nur die ersten zehn Minuten nach dem Aufbruch schwierig. «Ein Aufbruch ist immer auch ein Abschiednehmen, das spürt man.» Aber nach den ersten Metern sei der Schmerz verflogen. «Dann ist da nur noch das überwältigende Gefühl von Freiheit.»

Gewittersturm und kläffende Hunde

Angst hatten die beiden noch nie. Nur einmal hätten sie sich um ihr Zelt gesorgt, das bei einem heftigen Gewittersturm drohte fortzufliegen. Und gestresst haben sie die paar Begegnungen mit wilden Hunden, die ihnen kläffend nachjagten. Aber jetzt nehmen sie alles gelassen. Selbst wenn sie auf den Autobahnen auf dem Pannenstreifen radeln, tun sie das ohne mulmiges Gefühl. Hier herrsche kein Gedränge, kein Zeitdruck. «Je weiter weg wir von der Schweiz sind, desto sicherer fühlen wir uns», sagt Guido Huwiler. Wütend gehupt habe in den letzten Wochen nur einer – aber auch dafür haben die beiden Abenteurer eine plausible Erklärung: der Fastenmonat Ramadan. «So ganz ohne Essen und Trinken ist es ja kein Wunder, dass man irgendwann grantig wird», sagt Rita Rüttimann. Und ja, grantig werden ganz selten auch sie beide. Aufeinander. Aber wen wunderts. «Welches Paar schafft es denn schon, nie zu streiten?»

Etwas Unangenehmes fällt den beiden dann doch noch ein: die Visa-Geschichten. «Unsere Welt ist speziell», sagt Guido Huwiler. «Auf menschlicher Ebene gibt es hier keine Grenzen, sie existieren nur auf den Landkarten und in den Köpfen der Behördenvertreter.» Und die machen ihnen das Leben schwer. Die Visa für Turkmenistan haben sie nicht bekommen, weiss der Geier warum. Der Weg nach Osten ist ihnen damit versperrt. Deshalb fahren sie nun mit dem Bus zurück ans Kaspische Meer, pedalen durch Aserbaidschan und nehmen die Fähre nach Kasachstan. So können sie Turkmenistan umfahren. Man muss sich zu helfen wissen.

Und was, wenn sie in Südkorea ankommen? Die beiden schauen sich an. Im Hintergrund lachen sich wieder die Männer krumm, es dämmert bereits. Dann sagt Rita Rüttimann: «Ich glaube, ich kann danach nicht einfach aufhören. Ich muss weiter.»

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