Die erzkatholischen Pius-Brüder skandierten gegen die Abtreibung, die Linken für das Recht auf die Selbstbestimmung der Frau. Am Samstagabend gingen jedoch beide als Verlierer vom Platz: Die Polizei ging mit solcher Härte gegen die Linken vor, dass die Forderungen beider Lager weit in den Hintergrund rückten.

Nach der Kundgebung herrscht Uneinigkeit, ob der Polizeieinsatz verhältnismässig war.

«Keine Gefahr für die Demo»

Viele Passanten waren jedenfalls entsetzt: Selten zuvor sahen sie die Polizei in Aarau dermassen hart durchgreifen. Linke Gegendemonstranten wurden präventiv in Handschellen abgeführt – ohne, dass sie den Schauplatz überhaupt betreten hätten.

Während der Kundgebung der Pius-Brüder riefen einzelne von ihnen Parolen in die Menge. Die polizeiliche Reaktion: Zu fünft drückten sie die Störenfriede zu Boden und führten sie in Handschellen ab.

Juso-Mitglied Florian Vock ist einer der wenigen Linken an der Demonstration, die nicht auf dem Polizeiposten landeten. «Die Polizei hat das Demonstrationsrecht der Fundamentalisten massiv höher gewichtet als unser Recht auf Meinungsfreiheit – ihr grober Einsatz war absolut unverhältnismässig», sagt er.

Zwar anerkennt Vock den Polizeiauftrag, die Demonstration zu schützen. «Aber es bestand zu keinem Zeitpunkt auch nur die geringste Gefahr für die Piusbrüder – unsere blosse Präsenz wurde wie eine Störung behandelt.» Mit ihrem präventiven Eingreifen hätten die Polizisten ihnen das Recht verwehrt, sich zur Kundgebung zu äussern – «das ist sehr problematisch».

Kritik an hartem Polizei-Einsatz an Anti-Abtreibungs-Demo in Aarau

Kritik an hartem Polizei-Einsatz an Anti-Abtreibungs-Demo in Aarau

«Eingreifen gerechtfertigt»

Der neue Polizeikommandant Michael Leupold war beim Einsatz am Samstagnachmittag persönlich dabei. «Die Piusbrüder nehmen hier ein verfassungsmässiges Recht wahr – wir schützten die bewilligte Versammlung lediglich», sagte er.

Mediensprecher Bernhard Graser schliesst sich ihm an: «Nachdem einige Störer die Ermahnungen der Polizei nicht befolgten, Rauchpetarden warfen und ein Megafon einsetzten, entfernten wir diese Personen vom Platz.»

Den Vorwurf der Unverhältnismässigkeit weist er zurück – obwohl sogar Medienvertreter in die Kontrolle gerieten. «Wir mussten konsequent eingreifen. Wenn die Gegendemonstration aus dem Ruder gelaufen wäre und wir nicht gehandelt hätten, würde man uns im Nachhinein Vorwürfe machen», so Graser.

Zudem finde er es stossend, dass ausgerechnet jene, die stets auf ihre Meinungsfreiheit pochten, nun so empfindlich reagierten. «Es gelten für alle dieselben Regeln», so Graser.

Ideologische Grabenkämpfe

Pater Lukas Weber hat die Kundgebung «Ja zum Kind» organisiert. «Die Polizei hat auf die linken Chaoten sehr gut reagiert», findet er. Es sei bereits das dritte Mal, dass eine ihrer Demonstrationen gestört worden sei.

Davon liessen sich die 100 Anhänger der Piusbruderschaft jedoch nicht abschrecken: Männer in schwarzen Roben und Frauen mit Röcken sangen und beteten während rund einer Stunde. Dazwischen wetterte Weber: «Man setzt gewisse Güter über das Leben der Menschen. Diese Leute wollen darüber entscheiden, was wertes und was unwertes Leben ist – dies öffnet Tür und Tor für menschenfeindliches Gedankengut.»

Die Gegner der Anti-Abtreibungs-Demonstration sehen in der Ideologie der Piusbruderschaft jedoch eine «patriarchale Geschlechterpolitik», wie sie auf einem Flugblatt schreiben. «Die Pius-Brüder sprechen den Frauen das Recht ab, selbstbestimmt über eine Mutterschaft zu entscheiden.» Zudem werfen die Autonomen der Piusbruderschaft Antisemitismus und Homophobie vor.