Kolumne
Über die Unsitte der Feuchttüchlein

*Dr. Florian Riniker (42) ist neuer Kolumnist der AZ. Er arbeitet als Magen-Darm-Spezialist in Aarau und wohnt in Suhr.

*Florian Riniker
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Bruno Kissling

Auch in der sauberen Schweiz gibt es eine verruchte Unterwelt. Als Fürsprecher Ihres Verdauungstraktes fühle ich mich nämlich irgendwie auch verantwortlich für
die darauffolgenden Röhren, sprich: die Kanalisation. Hier gelten für die Meisten nach der Verrichtung des Geschäftes die Devisen «bloss nicht hinschauen», «aus den Augen, aus dem Sinn» oder, volumenabhängig, «nach mir die Sintflut».

Doch was geschieht mit unseren Exkrementen nach dem Druck auf die Klospülung? Sie treten eine im Vergleich zum Gedärme nicht minder interessante Weiterreise durch die Abwasserleitung an. Dem Gefälle folgend, durch immer breiter werdende Röhren, über Siphons und, um in diesem Zusammenhang den armen Goethe zu zitieren, wallen, wallen, manche Strecke, dass zum Zwecke alles fliesse und in reichem, vollem Schwalle, zur Kläranlage sich ergiesse.

Da mein Schulweg per Velo vier Jahre lang an einer Kläranlage vorbeiführte, kann ich mich durchaus auch als Kenner dieser Institution bezeichnen. Mit ihren Rechen, Pumpen, belüfteten Becken, Röhren und Tanks eine beeindruckende Errungenschaft, die gewartet und betrieben werden muss.

Dass auch in den darmnachgeschalteten Systemen Probleme auftauchen, ist nachvollziehbar. Nach dem Arzt reihen sich zu deren Lösung weitere Profis an: Sanitär, Kanalreiniger und Klärmeister. Doch nur selten erfährt die Öffentlichkeit vom Ausmass dieser Schwierigkeiten.

Das extremste Beispiel fand 2017 seinen Weg in die Medien, als der Abwasserkanal des Londoner Stadtteils Whitechapel durch einen über 100 Tonnen schweren Pfropfen aus Frittieröl, Exkrementen und Feuchttüchlein verstopft war. Dank der guten Wartung hört man hierzulande keine vergleichbaren Storys, doch fördern die hiesigen Rechen auch tonnenweise Binden und Abfall als Folge von Idiotie und Gedankenlosigkeit zutage.

Wissen Sie aber, was mich als Magendarmspezialisten und unsere Klärmeister gleichsam am meisten zur Weissglut treibt? Die grosse Unsitte der Feuchttüchlein. Was für das Hautmilieu am Darmausgang bereits ein reizender Störfaktor ist, führt in den Abwasserreinigungsanlagen zu unappetitlichen Knäueln, welche die Pumpen regelmässig verstopfen und von Hand entfernt werden müssen.

Auf den Verpackungen, im Laden und der Fernsehwerbung preisen die Hersteller die besondere Verträglichkeit und Natürlichkeit der Inhaltsstoffe an, und jeder Laden hat Freude, denn die Margen auf diesen Produkten dürften um Einiges höher sein als beim gewöhnlichen WC-Papier. Der Tipp vom Fachmann: Verbannen Sie Feuchttücher aus Ihrem Haushalt, reinigen Sie sich mit Wasser oder WC-Papier, bei Problemen sorgsam mit Wasser, Luft und Babycreme.

Aktuell schwänzt eine neu sensibilisierte Generation für das globale Klima die Schule, welche bislang wohl in die Ferien geflogen und per SUV beim Schulhaus abgeholt worden ist. Ich frage mich, ob nun an den Familientischen debattiert wird und tatsächlich die Sommerferien in den USA, Ägypten oder Thailand abgesagt werden?

Ihnen als Vertreter der zeitungslesenden Generationen möchte ich nahelegen, den Umweltgedanken weniger radikal als die Schulstreiker, dafür auch unmittelbar und lokal zu definieren. Dies fängt mit der alltäglichen Mobilität an, geht weiter über das Einkaufsverhalten und hört auch im Badezimmer nicht auf: Support your local Klärmeister!