Die Werkstatt im Rüetschi-Haus sieht aus, als wären die Arbeiter nur rasch in der Znünipause. Auf dem Boden liegen zerknüllte Lumpen und Schraubenschlüssel, auf einem Wagen hat jemand Löffel und Hammer liegen lassen, daneben steht ein Ölkännchen. Der scharfe Geruch nach Maschinenöl und Metallstaub kann man auf der Zunge schmecken. Doch die Öfen sind kalt, die Maschinen laufen nicht mehr. Die Giesserei Rüetschi AG ist seit Herbst in Konkurs, gerade werden die Hallen geräumt. Rund 3000 Quadratmeter Raum werden frei, Raum für neue Ideen. Raum für etwas, was die Region dringend braucht. 

Wenn Ben Fluri und Nadine Rüetschi durch die Hallen streifen, sehen sie nicht die grossen Maschinen, das Ölige und Grobe. Zwar schweben auch ihnen Werkstätten vor, aber Werkstätten ganz anderer Art: ein Fotostudio zum Beispiel, Atelierplätze für Künstler, Werkplätze für Handwerker. Ein Zentrum für die Kreativ-Schaffenden aus der Region Aarau.

«Keiner hat etwas Rechtes»

Die Idee dazu hatte Ben Fluri, selbstständiger Produkt- und Licht-Designer, der seit 2012 ein Atelier im Rüetschi-Haus gemietet hat. Er hat sich hier für seine Arbeit eine Werkstatt aufgebaut; nichts Grosses, aber auch eine rudimentäre Werkzeug-Ausstattung geht ins Geld. «Das ist das Problem kreativer Köpfe», sagt Fluri. Die Mitbenutzung von Werkstätten in Schreinereien oder anderen Handwerksbetrieben sei praktisch unmöglich, da schüttle jeder Inhaber bloss den Kopf. «Und so baut sich jeder etwas Kleines auf, aber keiner hat etwas Rechtes.» Fluris Idee: Würden mehrere Kreative zusammenspannen und nebst ihrem Wissen ihre Werkzeuge und Arbeitsgeräte zur Verfügung stellen, könnten alle voneinander profitieren.

Antwort auf Torfeld Süd

Doch nicht nur das treibt Fluri an: Mit dem Verschwinden von Industriebrachen, wie beispielsweise dem Torfeld Süd in Aarau, verschwinden auch die Möglichkeiten für Zwischennutzungen und damit die Arbeitsräume der Kreativschaffenden. Auch hier will Fluri Gegensteuer geben. «Als klar war, dass diese riesige Fläche nun frei wird, war für mich klar: Das ist die Möglichkeit, ein Kreativ-Zentrum zu schaffen.» Kein Ort für Freizeitkünstler, sondern ein Ort zum Arbeiten.

Mit seiner Idee stiess Fluri bei Nadine Rüetschi und ihren Schwestern Christa und Claudia auf offene Ohren. Als neue Verwaltungsratsmitglieder der Eigentümerin, der Immobilienfirma REMS AG, sind sie Teil des Familienunternehmens geworden und helfen nach dem Wegfall der Rüetschi AG mit, das Areal weiterzuentwickeln. Die Familie könnte es sich einfach machen und einen neuen Mieter für die gesamte Fläche suchen; das würde wenig Aufwand und geregelte Einnahmen bedeuten. Oder sie könnte die Liegenschaft abreissen und Neubauten hinstellen. Doch das will die Familie nicht.

Neuen Schwung ins Haus

Für sie sei klar, dass das Rüetschi-Haus, das seit bald 20 Jahren die Heimat von Kreativschaffenden ist, das auch bleiben soll. «Wir wollen weiter Raum für Arbeit und Selbstverwirklichung zur Verfügung stellen», sagt Nadine Rüetschi. Etwas Nachhaltiges, etwas, das ins Quartier passe. «Aber wir wollen auch neuen Schwung in das Haus bringen.» Deshalb gefalle ihnen die Idee eines Kreativ-Zentrums so gut. «Wir wollen, dass sich die über
100 Mieter wohlfühlen und voneinander profitieren können.» Dass man sich mit einem Kreativ-Zentrum keine goldene Nase verdienen kann, spielt für die Familie keine Rolle. Zwar seien sie keine Kulturförderer. «Aber solange die Kosten gedeckt sind, sind wir zufrieden.» Ausserdem ist die freigewordene Fläche so gross, dass nebst der Werkstatt noch Platz für andere Mieter bleibe.

Projekt soll kein Papiertiger bleiben

Dass solche Ideen zwar gut und recht sind, meist aber wieder versanden, weiss Fluri. Sein Projekt soll aber kein Papiertiger werden. Er hat über die Facebook-Gruppe «Kreativ-Werkstatt; Fotostudio, Atelierplätze für die Region Aarau» alle privaten Kreativschaffenden angeschrieben, die er kennt. Die Zahl kann sich sehen lassen: Gegen 400 Personen sind der Gruppe beigetreten, über 100 haben sich an einer Umfrage nach Art und Weise der Bedürfnisse und Nutzung einer Kreativ-Werkstatt beteiligt. Rund 200 Personen haben ihr Interesse an einer Beteiligung bekundet, die allermeisten wären auch bereit, für die Nutzung zu bezahlen.

«Das Interesse ist viel grösser als gedacht», sagt Fluri. «Viele schreiben mir, dass so ein Zentrum genau das sei, was die Region brauche.» Das stärkt ihn. «Jetzt müssen wir vorwärtsmachen und konkret werden», sagt er. In den nächsten Wochen wollen er und die Familie Rüetschi deshalb erste Pläne ausarbeiten. Bereits im März ist in der Halle ein Frühlingsmarkt mit verschiedenen Ausstellern geplant, an dem über das Projekt informiert werden soll – und die Eröffnung feiern wollen Fluri und die Betreiberin REMS AG noch 2016.

Frühlingsmarkt im Rüetschi-Haus am 19. März – mit jungen Labels aus der Region, Kunstschaffenden aus dem Areal und Infoveranstaltung zum Kreativ-Zentrum.