Küttigen

Tschutten auf der Deponie: Dieses Feld kostet 36 Millionen Franken

Fürs Foto hat sich Gemeindeammann Tobias Leuthard auf jene Stelle gestellt, an der ein rund 5 Meter breiter und 22 Meter tiefer Schacht gebohrt werden soll. Beim Wäldchen im Hintergrund ist die Krete zu sehen, wo eine Dichtungswand in den Boden getrieben wird.

Fürs Foto hat sich Gemeindeammann Tobias Leuthard auf jene Stelle gestellt, an der ein rund 5 Meter breiter und 22 Meter tiefer Schacht gebohrt werden soll. Beim Wäldchen im Hintergrund ist die Krete zu sehen, wo eine Dichtungswand in den Boden getrieben wird.

Warum die Sanierung der alten Reaktordeponie unter dem Küttiger Sportplatz Ritzer so teuer wird.

Es sei ein Raunen durch die Turnhalle gegangen, erinnert sich Tobias Leuthard. Der Küttiger Gemeindeammann hatte am 4. Dezember 2019 an der Gemeindeversammlung erstmals verkündet, wie viel die ab 2023/24 anstehende Sanierung der alten Deponie unter dem Sportplatz Ritzer kosten würde: ungefähr 36 Millionen Franken.

Ein grosser Brocken, obschon Bund und Kanton etwa 70 Prozent davon übernehmen. Für Küttigen und die Stadt Aarau als frühere Betreiber der Kehricht-Deponie verbleiben je etwa fünf bis sechs Millionen; die Verhandlungen sind diesbezüglich noch nicht ganz abgeschlossen.

Was die Küttiger nicht wissen: Es hätte noch viel schlimmer sein können. Eine Sanierungsvariantenstudie hat nämlich auch berechnet, wie viel eine Aushub-Sanierung kosten würde, bei der das gesamte schadstoffhaltige Material entfernt und extern entsorgt würde (so, wie in Kölliken geschehen): Die Grobschätzung belief sich auf 320 Millionen Franken. «Die Variante Aushub weist zwar die grösste Schadstoffreduktion auf, scheidet aufgrund der immensen Kosten aber aus», konstatiert das Planungsbüro in seiner Variantenstudie.

«Grosse Mengen Schadstoffe»

Küttigens Vorteil: In der Deponie ist kein Sondermüll abgelagert, sondern Siedlungs-, Industrie- und Ölabfälle; Bauschutt, Aushub. Das Material wurde von 1959 bis 1974 in den ehemaligen Jura-Cement-Fabriken-Steinbruch im Küttiger Gebiet Ritzer gebracht. Dort liegen, teilweise mehr als 20 Meter hoch, «grosse Mengen Schadstoffe und organische Substanz», heisst es in der Variantenstudie. Die Deponie ist zu einem grossen Teil mit Wasser gesättigt, was den aeroben Abbau der organischen Materialien stark erschwert. Es besteht einerseits eine konkrete Gefahr, dass belastetes Sickerwasser ins Grundwasser gerät. Andererseits treten Deponiegase aus, aus Werkleitungen und sogar direkt aus der Bodenoberfläche, wo sie, so erzählt man sich, sogar den Schnee verfärben. Methan, Kohlendioxid. Im Bericht zur Variantenstudie ist von «massiv überschrittenen» Werten die Rede. Längst hat die Gemeinde Sofortmassnahmen umgesetzt, die die Gefahr für die Nutzer des unmittelbar über der Deponie liegenden Fussballplatzes bannt. Aber das ist keine Dauerlösung.

In der Variantenstudie wird ein biologisches Verfahren zur Sanierung der Deponie vorgeschlagen. Der natürliche Abbau der deponierten Materialien soll beschleunigt werden. Das Wasser muss aus dem Deponiekörper raus, damit mehr Luft hineinkommt. Gleichzeitig müssen das abfliessende Wasser und die durch die Zersetzungsprozesse noch vermehrt austretenden Gase unschädlich gemacht und entsorgt werden.

Das wird ungefähr so aussehen: Im Norden des Areals, bei der Felswand, wird eine Dichtungswand in den Boden getrieben. Die verhindert, dass neues Wasser hangabwärts in den Deponiekörper fliesst. Im Süden des Areals wird ein 5 Meter breiter und 22 Meter tiefer Schacht gebohrt, in den Arbeiter per Korb hinuntergelangen können. Vom Grund aus werden dann horizontale Schächte durch die ganze Deponie hindurchgetrieben werden. In ihnen sammeln sich dann Wasser und Gase.

Das Wasser muss, vor allem in den ersten Jahren, zusätzlich noch abgepumpt werden. Zwischen Bibersteinerstrasse und Ritzer wird voraussichtlich ein kleines Gebäude erstellt, in welchem Gas und Wasser unschädlich gemacht werden, bevor sie in die normalen Leitungen zur ARA respektive in die Umwelt gelangen. Beim Gas könnte das beispielsweise durch simples Verbrennen geschehen. Eine (fast) ewige Flamme sozusagen; zumindest 30 Jahre soll es dauern, bis aus der Deponie nur noch geringe Schadstoffmengen austreten.

Boden wird sich bis zu 50 Zentimeter absenken

Bei dieser Sanierungsvariante wird erwartet, dass vor allem in den ersten Jahren ein massiv beschleunigter Abbau des Deponiematerials dazu führen würde, dass der Boden darüber um 30 bis 50 Zentimeter absackt. Das ist – neben der reinen Arbeitstätigkeit – mit ein Grund, weshalb man den über der Deponie liegenden Fussballplatz während ein bis zwei Jahren Zeit nicht nutzen kann. Auch deshalb wurde daneben ein ganzjährig nutzbares Kunstrasenfeld gebaut.

Keine Lösung ist im Übrigen, die Deponie Ritzer nicht aktiv zu sanieren, sondern bloss das Nötigste zu machen, um die Gefahr für die Umwelt gering respektive die austretenden Schadstoffe in Schach zu halten: In der Variantenstudie wurde berechnet, dass es noch mehr als 200 Jahre dauern würde, bis aus dem Boden keine Gase mehr austräten. Bei Kosten von rund 250000 Franken jährlich macht das dann hypothetische 50 Millionen Franken; also mehr, als bei einer Sanierung. Ein Zuwarten würde denn auch die vom Bundesamt für Umwelt vorgegebene maximale Frist für solche Schadstoffsanierungen gar nicht zulassen.

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