Nie hätte der junge Willy Wenger Ende der 70er-Jahre gedacht, dass er mal nach Biberstein ziehen würde. Als Fussballer beim FC Küttigen war das Derby gegen die Bibersteiner das Highlight der Saison, der Sieg Pflicht.

Man gönnte dem Nachbardorf nichts. Und doch sitzt Willy Wenger (60) nun hier, im Bibersteiner Gemeindehaus, am langen Sitzungstisch. Vor zwei Jahren wurde er für die Bürgerliche Vereinigung Biberstein als Nachfolger von Markus Siegrist in den Gemeinderat gewählt. Und wenn alles läuft, wie es innerhalb des Gemeinderats längst vorgespurt wurde, wird Wenger bald Nachfolger von Ammann Peter Frei. Eine Kampfwahl am 24. September zeichnet sich nicht ab.

Seit 16 Jahren in Biberstein

Aufgewachsen ist Wenger in Oberentfelden. «Meine Eltern hatten dort eine Metzg», erzählt er. Mit dem Besuch der Bezirksschule in Aarau verlegte sich sein Lebensmittelpunkt dorthin. Später besuchte er die Höhere Wirtschafts- und Verwaltungsschule (HWV) in Olten und lebte immer irgendwo in der Region.

Vor 16 Jahren zog der Betriebsökonom und Wirtschaftsprüfer nach Biberstein. «Nein, das hat nicht wehgetan», sagt er mit einem Schmunzeln. Die schöne Wohnlage und die prächtige Aussicht haben es ihm angetan. «Durch puren Zufall konnten wir ein schönes Stück Land kaufen.» Die Wengers haben vier Kinder im Alter von 23, 15 und zwei mal 13 Jahren.

Willy Wenger lebte sich im Dorf rasch ein und trat der damaligen FDP-Ortspartei bei, aber eine politische Laufbahn plante er nie. Bis er bei den Bürgerlichen auf den Tisch klopfte, als zwei Frauen vom Linken Forum in stiller Wahl in die Schulpflege gewählt wurden. «Ich habe kritisiert, dass die Bürgerlichen das einfach so hinnahmen und keine Gegenkandidatur stellten», erinnert er sich.

Zwei Jahre später gab es erneut eine Vakanz in der Schulpflege – und man nahm Wenger beim Wort: «Es hiess: Du hast letztes Mal reklamiert, also kandidierst du jetzt.» Wenger wurde in stiller Wahl gewählt und später Vizepräsident.

Engagement für FC Aarau Frauen

Dass er 2015 Gemeinderat wurde, hat mit einer beruflichen Veränderung zu tun. Der einstige KV-Stift (Hochuli AG in Kölliken) war zuletzt über dreissig Jahre lang beim Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers (PwC), arbeitete sich zum Partner hoch, leitete den Sitz in Aarau und baute dort den Bereich Wirtschaftsprüfung und Steuern auf.

In seiner Kundenliste finden sich so bedeutende Namen wie Implenia, AEW Energie, Nagra, Ferrum, EAO oder Bally. Mit 58 ging er vorzeitig in Pension. «Ich wollte mehr Lebensqualität und nicht mehr 120 Prozent arbeiten», sagt Wenger. Ein halbes Jahr brauchte er «zum Runterfahren».

Mittlerweile hat er eine eigene Beratungsfirma (Wenger Management Consulting AG), übernimmt Stiftungs- und Verwaltungsratsmandate. Er war in seinem Leben unter anderem schon Vorstandsmitglied von Aarau Info, Präsident der Treuhandkammer Sektion Aargau und aktuell Stiftungsrat beim Diakoniewerk Neumünster (Spital Zollikerberg) sowie in der Standeskommission von EXPERTsuisse.

Nebenbei engagiert sich Wenger stark für die FC Aarau Frauen, wo seine Tochter in der U17-Mannschaft Leistungssport betreibt. «Mich fasziniert, dass diese Frauen aus purer Leidenschaft und Freude Fussball spielen, obwohl sie kaum etwas dafür erhalten.

Es ist verrückt, dass es bei den Männern 220-Millionen-Transfers gibt, während man in Aarau nicht einmal in der Lage ist, den Frauen der NLA ihre Wegspesen zu vergüten.» Wenger ist massgeblich daran beteiligt, dass genügend Sponsorengelder reinkommen. Er hat auch den Kontakt mit dem heutigen Hauptsponsor, der Aargauischen Kantonalbank vermittelt.

«Vom operativen Bereich verstehen die Vereinsverantwortlichen sehr viel, aber ihnen fehlt das Netzwerk», sagt Wenger, der sich als «Türöffner» versteht. Selber spielt der ehemalige Hobbyfussballer nicht mehr, er ist aber öfter beim Curling, auf den Ski oder auf dem Golfplatz Heidental anzutreffen.

Bisher für Hochbau zuständig

Vielleicht hat er dafür als Ammann etwas weniger Zeit. Obwohl Biberstein alles andere als eine Problemgemeinde ist. Man fährt gut – und explizit auch gut alleine: Der Zukunftsraum Aarau sei «im Moment kein Thema», sagt Wenger. Auch, weil Biberstein finanziell auf soliden Füssen steht.

Die Gemeinde hat zwar hohe Schulden, aber bedingt durch Projekte wie Schulhaus-Bau und Juraweid-Kauf, nicht wegen laufender Ausgaben. Wie schnell man den Schuldenabbau vornehmen möchte, werden die politischen Diskussionen in der nächsten Zeit entscheiden.

«Wir profitieren von der ausgezeichneten Wohnlage, die auch von guten Steuerzahlern geschätzt wird. Ein Mangel an günstigem Wohnraum in Biberstein kann auch als Schwachpunkt angesehen werden.»

In den vergangenen zwei Jahren waren verschiedenen Bauprojekte sowie die Überbauung beim Gemeindehaus wichtige Geschäfte Willy Wengers – er betreut das Hochbau-Ressort. Obwohl er viel mehr von Finanzen versteht. «Aber als Executives Regierungsmitglied muss man vielfach ein Departement übernehmen, das man nicht kennt. Wichtig ist neben gesundem Menschenverstand, dass es gute Fachleute in der Verwaltung und in den begleitenden Gremien hat.»

Zonenplan als grosser Brocken

In der nächsten Legislatur wird es wohl die Revision der Bau- und Nutzungsordnung sein, welche die Gemeinde am meisten beschäftigt. «Wir können gemäss kantonalem Richtplan als eine der wenigen Aargauer Gemeinden noch Land einzonen», sagt Wenger. Auch im Strassenbau gibt es einiges zu tun: «In den nächsten Jahren wird Biberstein viele Strassenbaustellen haben.»

Zudem wolle sich der Gemeinderat unter anderem mit dem Thema Wohnen im Alter auseinandersetzen. «Der Gemeinderat hat in den letzten Jahren umsichtig gearbeitet, auch wenn sich in Einzelfällen die Kommunikation verbessern liesse», fasst Wenger zusammen. Und: «Wir sind uns unserer privilegierten Lage bewusst.»