Küttigen

Trotz Bejagung: Warum sich die «Berggeissen» wohl fühlen im Aargauer Jura

Der einzige tierische Feind der Gämsen im Jura ist der Luchs. Und der Mensch, der jedes Jahr in die Population eingreift.

Der einzige tierische Feind der Gämsen im Jura ist der Luchs. Und der Mensch, der jedes Jahr in die Population eingreift.

An der Küttiger Wasserflue lebt eine Kolonie Gämsen. Sie werden noch bis Ende Jahr gejagt.

Im Kanton Aargau leben 350 bis 400 Gämsen. Ein Teil von ihnen ist an der Wasserflue direkt oberhalb von Küttigen zu Hause. Diese Kolonie sorgt immer wieder für Erstaunen, wird die Gämse doch für ein alpines Tier gehalten. «Dabei hat sie schon immer auch im Mittelland und im Jura gelebt», sagt Erwin Osterwalder, Fachspezialist Abteilung Wald, Jagd und Fischerei beim Kanton.

Ende des 19. Jahrhunderts war die Gämse aber im Mittelland ausgerottet. Doch in den 60er-Jahren wurde sie wieder angesiedelt. Zuerst im Gebiet des Villiger Geissbergs, wo sich die Tiere so wohl fühlten, dass bereits zehn Jahre später mit Abschüssen in die Population eingegriffen wurde.

Die Gämsen breiteten sich auch räumlich aus. «Mittlerweile ist die Gämse nördlich der Aare weit verbreitet und man findet sie von der Solothurner bis zur Zürcher Grenze», sagt Osterwalder. Heute gibt es neben der Kolonie im unteren Aaretal auch eine auf der Lägern sowie einen Schwerpunkt im Grenzgebiet zwischen den Kantonen Aargau und Solothurn.

«Hier kann man jederzeit mit einer Gämse rechnen», sagt Osterwalder, als er an einem vernebelten Nachmittag oberhalb von Küttigen auf dem Wasserflueweg durch die Herrenmatt stiefelt. Osterwalder kommt aus einem gämsenreichen Kanton, sein Dialekt verrät es.

Die Gämsen im Jura gehen gern steil

Vor Osterwalder baut sich eine Flanke auf, an der die Überbleibsel des goldenen Oktobers mit letzter Kraft an den Bäumen hängen. Der Hang ist stotzig und felsig, genau nach dem Geschmack der Gämsen. «Sie brauchen steile Rückzugsgebiete», sagt er. «Das ist ihre Strategie gegen Feinde.»

Erwin Osterwalder sieht regelmässig Gämsen.

Erwin Osterwalder sieht regelmässig Gämsen.

Nachdem der Feind Mensch das berggängige Tier wieder zurückgeholt hat, bleibt nur noch einer, der der Gämse momentan gefährlich werden kann: der Luchs. Gämsen sind etwa so gross wie Rehe, aber kompakter gebaut. Fitte Böcke können bis zu 40 Kilogramm schwer werden.

«Ein Luchs kann eine Gämse problemlos erlegen», sagt Osterwalder. Deshalb halten sich die Gämsen gern in den Felsbändern des Juras auf. Das hat auch klimatische Gründe, die Gämsen haben es nicht gern heiss.

Heute ist keine Gämse zu sehen. Aber im Gegensatz zu anderen Waldbewohnern seien sie durchaus tagesaktiv und lassen sich ab und zu auf den Juraweiden blicken.

Nicht im Aargau, aber ganz in der Nähe – ein Leser filmte Mitte Oktober ausgeflippte Gämsen auf den Jurahöhen an der Grenze zwischen Solothurn und Baselbiet: 

Freuen sie sich aufs Wochenende? Leser filmt ausgeflippte Gämsen

An der Grenze zwischen Solothurn und Baselbiet beobachtete ein Leser eine Herde Gämsen. Während die einen in aller Ruhe grasten, vollführten andere Luftsprünge.

Mittelalte Böcke werden geschont

Seit 2004 wird die Gämse an der Wasserflue wieder systematisch gejagt, auch dieses Jahr läuft die Jagd noch bis Ende Dezember. «Eine interessante Jagdart», sagt Osterwalder. Die vier Jagdgesellschaften, welche sich das Gebiet teilen, müssen sehr gezielt vorgehen.

Jährlich werden zwischen neun und zwölf Tiere erlegt, letztes Jahr waren es im ganzen Kanton 56 Gämsen. Der Kanton gibt strenge Vorgaben für Alter und Geschlecht der Tiere heraus. Ein Grund dafür ist die tiefe Reproduktionsrate. Im Frühling werden die Gämsen jeweils gezählt. Der Frühjahrsbestand vermehre sich erfahrungsgemäss um 15 bis 20 Prozent.

Rehe dagegen haben eine Reproduktionsrate von 50 Prozent, Wildschweine eine von 200 bis 300 Prozent. Bei so wenig Nachwuchs muss aufgepasst werden, dass nicht zu viele Gämsen geschossen werden.

Besonders die mittelalten Böcke – sechs- bis zehnjährig – müssen geschont werden, da auf ihnen die Last der Sippennachfolge liegt. Der «Gamspfeffer» der Juragämsen sei sehr schmackhaft, sagt Osterwalder.

Der Unterschied zu den Gämsen in den Alpen

Grundsätzlich handelt es sich bei den Gämsen im Aargau um die gleiche Art wie in den Alpen. Doch einen Unterschied gibt es: «Im Vergleich haben die Juragämsen auch im jungen Alter schon ein erstaunlich starkes Gehörn», sagt Osterwalder.

Die Hörner wachsen ein Leben lang und helfen bei der Altersbestimmung. Den Gämsen im Jura scheint es gut zu gehen, im Gegensatz zu ihren Artgenossen in den Bergen müssen sie keine harten Winter überleben und geniessen dazu noch ein wenig Exotenstatus.

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