«Sehen Sie, dass es da vorne eine Treppe hat?» Die Frage der terz-Expertin Barbara Wenk ist rhetorischer Natur. Wer von der Aarauer Bachstrasse her den kürzesten Weg zum Tunnelweg hinunter sucht und nach dem Gebäude des Bildungsdepartements ganz rechts hält, stösst unversehens auf eine Treppe.  Für einen Velofahrer, der die Situation nicht kennt und zügig unterwegs ist, könnte das fatale Folgen haben. 

Barbara Wenk aus Unterentfelden ist eine der Expertinnen, die für die terzStiftung Sicherheitsmängel auf Treppen ausfindig machen. Und die Treppe zwischen Bachstrasse und Tunnelweg gehört zu den denjenigen, bei denen sie Verstösse gegen Sicherheitsnormen festgestellt hat.

Gestützt auf Barbara Wenks Befund schrieb René Künzli, Präsident der terzStiftung Schweiz, Mitte Januar in einem Brief an Stadtbaumeister Jan Hlavica, «dass in der Stadt Aarau etliche stark frequentierte Treppenanlagen im öffentlichen Raum zum Teil massiv gegen die hohen Sicherheitsanforderungen verstossen».

Künzli nannte vier Beispiele von Treppen, die «ein akutes Sicherheitsrisiko» darstellen würden: den Zugang zum Grossratsgebäude die achtstufige Treppe hinter der Markthalle auf dem Färberplatz, eine Treppe auf dem Behmenplatz, dem Innenhof zwischen Bachstrasse und Bahnhofstrasse, und eben: die Treppe zwischen Bachstrasse und Tunnelweg.

Zumeist wurde moniert, dass kein Handlauf vorhanden sei und dass die Trittkanten nicht kontrastreich markiert seien. Bei der Einmündung in den Tunnelweg, schrieb Künzli, fehle der Handlauf und der Velofahrer erkenne «erst im letzten Moment, dass ihn die Treppe zu einem Bogen zwingt».

Handlauf ab fünf Stufen

Bei einem Sturz auf den beanstandeten Treppen, so Künzli weiter, müsste die Stadt unter Umständen mit erheblichen zivilrechtlichen oder gar strafrechtlichen Folgen rechnen. Gestützt auf das Obligationenrecht kann bei einem Unfall der Grundeigentümer haftbar gemacht werden, wenn er seine Pflichten vernachlässigt. Bei grober Verletzung der gesetzlichen Sorgfaltspflichten besteht auch die Gefahr, dass die Versicherung nur einen Teil der Kosten übernimmt.

Die Pflichten gehen unter anderem aus den Normen des Schweizerischen Ingenieure- und Architektenverbandes (SIA) und des Schweizerischen Verbandes der Strassen- und Verkehrsfachleute (VSS) hervor. Die SIA-Normen schreiben beispielsweise vor, dass Treppen ab fünf Stufen mit einem Handlauf zu versehen sind.

Für die Reaktion von Stadtbaumeister Jan Hlavica auf Künzlis Schreiben finden Barbara Wenk und der Leiter der terz-Experten, ihr Ehemann Walter Wenk, Worte des Lobes. Hlavica ging nämlich hin und schaute sich die einzelnen Objekte an.

Ende Februar liess er die terzStiftung wissen, dass Verbesserungen geplant seien: Beim Abgang zum Tunnelweg werde sich das Stadtbauamt mit dem Gebäudeeigentümer, dem Kanton, absprechen, damit ein Handlauf angebracht werden könne. Zudem werde die oberste Stufe besser markiert. Auch bei den Treppen auf dem Behmenplatz und auf dem Färberplatz will der Stadtbaumeister einen Handlauf anbringen lassen. Auf dem Behmenplatz soll zudem die oberste Trittkante markiert werden.

Bei der Treppe hinter der Markthalle hält Jan Hlavica eine zusätzliche Markierung für unnötig. Zwischen der obersten Stufe und dem Belag des Platzes könne er nämlich einen deutlichen Farbunterschied feststellen. Eigentümer der Parzelle, auf dem das Grossratsgebäude steht, ist der Kanton. Sprich: Wenn hier Sicherheitsnormen nicht eingehalten sind, ist das Stadtbauamt dafür nicht verantwortlich.

Rollstuhlrampe ja, Handlauf nein

Zum Grossratsgebäude führt eine Rollstuhlrampe. Der Treppenfachmann Siegfried Schmid, Geschäftsführer der Flexo Handlauf GmbH, der Barbara und Walter Wenk auf einem Rundgang mit der az durch Aarau begleitet, nickt: Ja, an die Rollstuhlgängigkeit werde jeweils gedacht. Aber die meisten Personen mit einer Behinderung, die das Passieren von Treppen erschwere, seien keine Rollstuhlfahrer, sondern ältere Personen, deren Beweglichkeit – oder auch das Seh- und Hörvermögen – mit den Jahren eben gelitten habe.

Stadtbaumeister Hlavica macht Nägel mit Köpfen: Bei der Treppe zwischen Bachstrasse und Tunnelweg wurde an der Betonwand des Bildungsdepartements bereits ein Handlauf montiert. Die Sicherheit der Velofahrer, sagt Barbara Wenk, liesse sich hier eventuell erhöhen, wenn der Strassenverlauf mit ein paar Pfosten deutlicher gekennzeichnet würde. Während des Augenscheins nimmt freilich keiner die Abkürzung über Vorplatz und Treppe: Die Velofahrer fahren brav um die Kurve.