Gastronomie
Traditionsreiche Beizen mit gutbürgerlicher Küche sterben aus

Immer mehr Gasthöfe gehen zu, werden verkauft oder umgenutzt, die wenigsten Wirte wollen Zeit und Geld in eine Traditionsbeiz investieren. Eine Reise durch die Beizenlandschaft im Westaargau.

Barbara Vogt
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Beatrice und Max Hintermann-Matter sind nur noch wenige Tage im Restaurant Zihl in Beinwil am See anzutreffen.

Beatrice und Max Hintermann-Matter sind nur noch wenige Tage im Restaurant Zihl in Beinwil am See anzutreffen.

Jiri Reiner

Der «Bären» in Staffelbach steht leer. Das «Zihl» in Beinwil am See ist bald kein Restaurant mehr und das «Olivenbäumli» in Holderbank wird – nachdem es lange leer gestanden hat – verkauft. Was ist los mit der Beizenlandschaft in der Region?

Sie serbelt. Laut dem aktuellen Statistischen Jahrbuch des Kantons ist der Bezirk Zofingen mit einem Rückgang von fast 22 Prozent am meisten vom Beizensterben betroffen. Josef Füglistaller, Verbandspräsident von GastroAargau, sagt dazu: «In dieser Region gab es früher auffallend viele Traditionsbetriebe. Doch die Familien konnten die Beizen nicht mehr weiterführen und mussten sie deshalb verkaufen.» Nicht selten sei daraus eine multikulturelle Beiz entstanden, die irgendwann nicht mehr rentierte und jetzt verlottere.

Kein Herzblut mehr

Im Bezirk Kulm ist eine leichte Zunahme festzustellen, während im Bezirk Aarau die Anzahl Beizen über die letzten acht Jahre mehr oder weniger konstant geblieben ist. Interessanterweise gabs 2012 gleich elf Beizen mehr, 2013 ging die Zahl jedoch wieder auf 209 zurück. Die konstante Zahl im Bezirk Aarau erklärt sich Füglistaller damit, dass die Stadt ein breiteres Publikum anziehe und die Beizen dadurch grössere Überlebenschancen hätten als auf dem Land. Zudem seien im Bezirk Aarau die kantonalen Verwaltungen angesiedelt, deren Angestellte gerne auswärts essen würden.

Zwar gehen die Zahlen der Beizen nur im Bezirk Zofingen deutlich zurück, doch geht bei einer Übernahme der Gaststube meistens die Tradition verloren. Insbesondere die Generationsbetriebe habens schwer, findet Josef Füglistaller. «Diese wirteten mit Herzblut, Fremde jedoch sind nicht mehr bereit, so viel und so lange zu arbeiten.» Zudem bevorzugten die Gäste den sozialen Bezug in einem Restaurant und nicht das Lokal.

«Verschwindet ein langjähriger Wirt, verschwinden die Stammgäste», so Füglistaller. Ein Beispiel ist die «Burestube» in Buchs: Nach über 40 Jahren hörte Doris Kasper mit Wirten auf. Damit ging auch die Seele der Beiz verloren, findet Füglistaller.

Der Präsident von GastroAargau stellt ein anderes Phänomen fest: Die Leute mieten heutzutage für Hochzeiten, Geburtstage nicht mehr ein Restaurantsäli, sondern feiern ihre Partys mit einem Eventmanager in einer Fabrikhalle.

«Bären» Reinach: Neuer Besitzer

Eine typische traditionelle Dorfbeiz mit einem ungewissen Schicksal ist der «Bären» in Reinach. 36 Jahre lange führten Oskar und Anita Müller den Betrieb, dann hörten sie aus gesundheitlichen Gründen auf. Seit September steht das Lokal leer. Besitzer Hermann Stocker aus Beromünster sucht nach einem neuen Pächter. Das sei schwierig, sagt er. Interessenten gebe es viele, doch es gebe kaum ein Wirt, der den «Bären» mit so viel Engagement wie die Vorgänger führen wolle.

«Wir brauchen niemanden, der nur Pizza verkauft, sondern das Lokal weiterhin gutbürgerlich führt.» Jetzt verkauft Hermann Stocker den «Bären». Einen Käufer hat er gefunden, dieser müsse nur noch den Kaufvertrag unterschreiben.

Ein anderes Beispiel: das alt eingesessene Lokal «Zihl» in Beinwil am See. Es hat eine Minigolfanlage, eine bekannte Küche sowie ein Wirteehepaar, das von morgens früh bis abends spät arbeitet: Beatrice und Max Hintermann-Matter. Sie hören Ende Januar altershalber auf.

Da niemand in der Familie das Restaurant weiterführt, verkaufen sie es an einen Privaten. «Vielleicht entstehen hier Wohnblöcke», sagt Beatrice Hintermann. Heutzutage ein Restaurant zu führen, sei beinahe unmöglich, sagt sie. «Wer steckt schon viel Geld und Engagement in eine Beiz? Hat jemand Geld, dann macht er bestimmt was anderes damit, als eine solche zu führen.»

Auch das Restaurant Olivenbäumli in Holderbank wird verkauft. Es hatte eine wahre Besitzer-Odyssee hinter sich, in den letzten Jahren hatte niemand so richtig Mumm, die Beiz wieder in Schwung zu bringen. Jetzt will die Besitzerin, die Ardor Immobilien AG, das leicht verkommene Haus an der Hauptstrasse verkaufen. Ob an einen Interessenten mit Gastroabsichten, ist unklar – die Besitzerin gibt sich bedeckt.

Seit einiger Zeit ist der geschichtsträchtige «Bären» Muhen zu. Er gehört der Hotel Group AG in Mellingen. Früher wurde er von Fritz Hottiger geführt und er wusste, wie er das Lokal bekannt machen musste: mit dem Ausbrecherkönig Bernhart Matter. Dieser wurde 1821 im «Bären» zu Muhen geboren, Hottiger organisierte viele Theater über den Erzgauner in seinem Lokal.

«Bären» Staffelbach»: letzte Beiz

Ein Dorf ohne Restaurant – das ist in Staffelbach Realität. Im Oktober machte der «Bären», die letzte Beiz im Dorf, dicht. Sie serbelte schon lange vor sich hin, der letzte Wirt gab dem Lokal den Todesstoss. Service und Öffnungszeiten stimmten nicht», sagt Gemeindeammann Max Hauri aus Staffelbach.

Wollten die Vereine nach der Probe oder dem Training noch auf ein Bier, sei ihnen quasi die Türe vor der Nase zugeschlagen worden.
Den «Bären» zu verlieren, sei ein Verlust für die Gemeinde, so Hauri. Ein Dorf brauche ein Restaurant, schon allein als Treffpunkt für die Vereine.

Diese gingen jetzt auswärts, vor allem in das Restaurant Sternen nach Moosleerau. Die Vereine beginnen sich da wohlzufühlen. «Je mehr Zeit bis zur Wiedereröffnung des ‹Bären› verstreicht, desto schwieriger wird es, die Stammgäste zurückzuholen», sagt der Gemeindeammann.

Diese Angst dürfte unbegründet sein: Der Besitzer vom «Bären», Werner Lieger aus Dagmersellen, sucht nach anderen Alternativen, wie er das Restaurant nutzen könnte. Die Umnutzung zu Wohnraum ist nicht auszuschliessen, sagt Liegenschaftsverwalter Christian Troxler von der Firma Redinvest. Bereits im oberen Stockwerk befinden sich sieben Wohnungen. Diese seien gut ausgelastet, sagt er.

Die Umnutzung eines Restaurants in Wohnungen steht momentan im Restaurant Post in Schöftland an. Die Beiz steht seit Jahren leer, Besitzer Ruedi Schell-Baumann wollte das Gebäude lange Zeit verkaufen – erfolglos. Nun soll im Restaurant eine Wohnung entstehen, das Baugesuch liegt momentan auf.

«Bären» Wildegg: läuft gut

Es gibt aber nicht nur Beizen, die schliessen, sondern auch solche mit guten Nachrichten. Etwa der «Bären« in Wildegg. Durch den Kreiselbau versank der zum Schloss Wildegg gehörende Gasthof in einen Dornröschenschlaf. Im letzten Sommer feierte die Beiz mit dem neuen Pächterpaar Marijana und Miroslav Josavac Wiedereröffnung. «Der Betrieb läuft gut», zeigt sich Miroslav Josavac zufrieden. Er war sich bewusst, dass der Neustart schwierig werden würde. «Jetzt kommen nebst Stammkunden auch neue Gäste zu uns.»

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