Aarau
Torfeld Süd: «Selten war ein Abstimmungskampf so intensiv, zeitweise gar gehässig»

Die Aarauer Parteipräsidenten ziehen eine erste Bilanz und nehmen nochmals Stellung zum geplanten Stadion Torfeld Süd.

Urs Helbling
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Die Stadion-Bauherrin HRS Real Estate AG hat eine neue Visualisierungen vom geplanten Hochhausquartier im Torfeld Süd veröffentlicht.
7 Bilder
Hier ist zum Beispiel der Blick von der Gemeinschaftsloggia im Hochhaus B ins neue Stadion zu sehen.
Flora-Park.
Torfeldhof und Stadion.
Oehlerplatz.
Minimall
Gesamtansicht

Die Stadion-Bauherrin HRS Real Estate AG hat eine neue Visualisierungen vom geplanten Hochhausquartier im Torfeld Süd veröffentlicht.

Visualisierung Nightnurse Images GmbH

Wann hingen bei einer kommunalen Sachabstimmung Plakate sowohl von Befürwortern und Gegnern an den Laternenpfählen? Schon lange nicht mehr. Wann wurde die Wahrheit so strapaziert wie in den letzten Wochen im Abstimmungskampf um die beiden Aarauer Stadion-Vorlagen? Kaum jemand erinnert sich an Vergleichbares.

Die Wogen gingen hoch in Aarau – und weit darüber hinaus. Schliesslich ist das Stadion ein Projekt von kantonaler Bedeutung. Die AZ hat die Präsidenten der im Einwohnerrat vertretenen Parteien um eine letzte Einschätzung gebeten. Ihre Statements im Wortlaut:

Laszlo Etesi, CO-Präsident SP:

zvg

«Das Torfeld Süd bewegt – unzählige Interessen treffen aufeinander. Aus Sicht der SP kann man für oder gegen das Projekt sein, aus Aarauer Sicht wohl ebenso. In jedem Fall verlangt unser demokratisches System nach der Möglichkeit zur freien Meinungsbildung durch gute Information, Abwägung unterschiedlicher Argumente, einer vielfältigen öffentlichen Diskussion sowie einer ausgeglichenen Berichterstattung. Diesen Prozess nehmen wir bei dieser Abstimmung als wenig sportlich wahr, womit Aarau in jedem Fall verliert.»

Lukas Häusermann, Präsident CVP:

 Der Einwohnerrat Aarau entscheidet über das Fussballstadion. Aufgenommen am 26. August 2019 im Grossratssaal Aarau. Im Bild: Lukas Häusermann, CVP

Der Einwohnerrat Aarau entscheidet über das Fussballstadion. Aufgenommen am 26. August 2019 im Grossratssaal Aarau. Im Bild: Lukas Häusermann, CVP

Colin Frei

«Das Herz sagt Ja, der Kopf sagt Nein; am Schluss entscheidet der Bauch. Die Stadionfrage lässt sich nicht mit politischer Gesinnung erklären. Da ist zu viel Emotion, zu viel Hoffnung (Super League), zu viel Ungewissheit (rollende Planung). Plötzlich ist alles möglich. Velorampe, Begrünung, kostendeckender Betrieb. Verlieren verboten! Was bleibt? Ein Projekt, das nicht überzeugt, und das Brügglifeld. Hopp Aarau!»

Marius Stadtherr, Co-Präsident FDP:

HHS

«Im Abstimmungskampf gingen Fakten leider häufig verloren, teilweise wurde sogar diffamierend auf Personen gespielt. Tatsache ist: Aarau hat eine einmalige Chance, den Weg für ein Generationenprojekt zu ebnen. Das lebenswerte, zukunftsgerichtete Stadtquartier Torfeld Süd ist ein wichtiger Entwicklungsschritt für Aarau. Und mit dem neuen Fussballstadion erhalten die Mannschaften des FC Aarau eine Zukunft.»

Philippe Kühni, Präsident GLP:

ag.ch

«Selten war eine städtische Abstimmung so intensiv, zeitweise gar gehässig, und selten wurden so viele Versprechungen gemacht. Ich hoffe, dass diese im Falle einer Annahme auch eingelöst werden. Zum Beispiel die ökologische Qualität und die Finanzierung des Betriebs. Nach diesem lauten Abstimmungskampf bin ich froh, wenn wir uns wieder anderen wichtigen Themen zuwenden können, die etwas untergingen, aber nicht weniger wichtig sind. Beispielsweise dem Zukunftsraum.»

Mirjam Kosch, Präsidentin Grüne:

«Braucht Aarau ein Fussballstadion? Machen die Hochhäuser die Region ökologischer? Stimmen Sie ab, wie Sie es für richtig halten. Wir akzeptieren den Entscheid und wenden uns relevanteren Themen zu. Der Zukunftsraum Aarau umfasst mehr als das Torfeld Süd. Schenken wir den anderen Quartieren und umliegenden Gemeinden (ich meine damit nicht die Obermatte) doch auch wieder etwas Aufmerksamkeit.»

Therese Dietiker, Präsidentin EVP-EW:

Zur Verfügung gestellt

«Intensiver Abstimmungskampf: Befürworter sehnen ein nettes, grünes Quartier mit Stadion herbei, Gegner warnen vor einer Betonwüste. Die Wahrheit wird sich in der Mitte finden: Der knappe Grün- und Freiraum im Torfeld Süd wird von Befürwortern und Gegnern nicht richtig gewichtet. Kaum Erwähnung fand der gemeinnützige Wohnungsbau. Der Brügglifeld-Ersatz wurde zum riesigen Stadtteilprojekt.»

Ueli Hertig, Präsident Pro Aarau:

Ueli Wild

«Das Torfeld Süd ist der einzig realistische Standort für ein neues Super-League-taugliches Fussballstadion. Leider können auch die Gegner keine wirkliche Alternative aufzeigen. Dass im Torfeld Süd, auch bei einem Nein, Hochbauten ohne die angestrebte soziale Durchmischung realisiert werden, ist mehr als wahrscheinlich. Für Aarau bedeutet es ein Verdichten am richtigen Ort, ohne Konkurrenz zur Altstadt.»

Max Suter, Einwohnerrat SVP (für den verhinderten Präsidenten Thomas Richner):

zvg

«Der Abstimmungskampf wurde immer emotionaler und vor allem mit Unwahrheiten auf Seite der Gegner geführt. Es wurden etwa hohe Kosten für den Steuerzahler aufgeführt, welche durch den Stadtrat klar und eindeutig widerlegt wurden. Ebenfalls wird das Torfeld als «menschenfeindlich» (!) und mit «Sicherheitsproblemen» beschrieben. So ein Quatsch! Es entsteht ein schönes Quartier, welches uns Freude machen wird.»

Erst tiefe Beteiligung

Wird es ein Ja oder ein Nein geben? Die Ungewissheit in Aarau ist gross. Selbst langjährige Kenner der städtischen Politik tun sich schwer mit einer Prognose. Viel wird von der Stimmbeteiligung abhängen. Und da ist noch ein Schlussspurt nötig. Bis gestern Dienstag gab es 3394 briefliche Stimmabgaben. «Das entspricht 23 Prozent der Stimmberechtigten», erklärt Nadine Marra, Leiterin Stadtbüro. Bei den eidgenössischen Wahlen hatten zum selben Zeitpunkt bereits 30 Prozent abgestimmt (4293 briefliche Stimmabgaben). Eine Rolle dürfte auch spielen, dass der Regierungsrat für den Urnengang vom Sonntag die Zustellfrist der Unterlagen auf 10 Tage verkürzt hat – wegen der zweiten Wahlgänge.