Beat Rüetschi, letzte Woche haben Sie sich das Stück «Heute Gemeindeversammlung» von Mike Müller angeschaut – wie war es, nach 80 Gemeindeversammlungen als Gemeindepräsident, zum ersten Mal wieder im Publikum zu sitzen?

Beat Rüetschi: Es war eine grossartige Vorstellung, wenn auch etwas gar hemdsärmelig und für Suhrer Verhältnisse überzeichnet. Aber an gewissen Stellen habe ich mich durchaus an Erlebtes erinnert gefühlt.

Vor 20 Jahren wurden Sie direkt zum Gemeindeammann gewählt. Was war Suhr 1998?

Suhr zählte knapp 8300 Einwohner und 4500 Arbeitsplätze, und wir hatten einen Steuerfuss von 108 Prozent. Suhr hatte schon damals einen gut funktionierenden Kern und eine gute Schule. Wir waren nie eine Schlafgemeinde. Aber damals wie heute war der Verkehr ein Problem. Vor 20 Jahren noch fuhren drei verschiedene öffentliche Verkehrsmittel vom Bahnhof Suhr zum Bahnhof Aarau – die WSB und der Bus mitten durchs Dorf, die SBB aussen herum. Diese Verkehrsachsen haben das Dorf in vier Teile gespalten. Eine Spaltung, die zu kitten bis heute andauert.

Verkehr und Infrastruktur – unbestrittenermassen die roten Fäden durch Ihre Amtszeit.

Richtig. 1998 fiel der Entscheid, diesen Knoten zu sprengen. An der Gmeind wurde das Verkehrskonzept genehmigt, um das Dorf wieder zusammenzubringen. Dieses Konzept gilt auch heute noch. Der wichtigste Schritt dazu war die Verlegung der WSB.

Wenn dereinst in einem Geschichtsbuch die Ära Rüetschi gewürdigt würde, würde dies wohl als wichtigster Punkt aufgeführt.

(lacht) Vermutlich, ja. Hätte sich Thomas Pfisterer aber damals in Bern nicht massiv für uns eingesetzt und hätten wir im Rahmen der Agglomerationsprogramme kein Geld bekommen, würden wir wahrscheinlich heute noch an dieser Verlegung herumkauen.

Die Verlegung hat viel mehr bewegt als ein WSB-freies Zentrum.

Das stimmt. 2010 konnten wir den Bahnhof einweihen, mit der ganzen Entwicklung des Gebietes rund um den Bahnhof hängt aber noch viel mehr an der Verlegung. Das alles konnten wir erst planen, als klar war, dass die Bahn verlegt wird. Was jetzt entsteht, ist das Ergebnis langfristiger Planung, die auf der Änderung des Zonenplans und der Bauordnung basiert.

Ist die Rechnung mit der Verlegung aufgegangen? Suhr krankt doch bis heute am Verkehr.

Ziel war, mit der Bahn das Wynental zu leeren und den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren. Das funktioniert, die Züge sind voll, die Perrons müssen auf 120 Meter ausgebaut werden. Und trotzdem haben wir noch zu viele Autos, noch immer haben wir jährlich eine Zunahme um zwei bis drei Prozent. Das hängt auch mit der Raumentwicklung und Bautätigkeit im Wynental zusammen.

Linderung brächte die Ostumfahrung, doch da ging es nicht so vorwärts wie erhofft. Was ist falsch gelaufen?

Falsch gelaufen ist nichts. Vor 20 Jahren gab es in der Region drei Projekte: Staffeleggzubringer, WSB-Verlegung und Ostumfahrung. Wir wollten uns nicht gegenseitig bekämpfen, sondern schauen, eines nach dem andern zu bekommen. Erst den Zubringer, dann die Verlegung, dann die Umfahrung. Mit den Agglomerationsprogrammen hatten wir gute Erfahrungen gemacht, bis das Projekt Ostumfahrung in der Dringlichkeit zurückgestuft wurde. Dann zogen die Jahre ins Land. Aktuell liegt das Projekt wieder auf dem Tisch, doch jetzt spricht man von über 100 Millionen Franken für die Umsetzung. Unser Projekt hätte damals 37 Millionen gekostet.

Haben Sie schlaflose Nächte deswegen?

Ich bin Realist. Man muss so kompromissbereit sein, dass man machbare Lösungen findet. Wenn man nicht will, findet man keine Lösung. Also müssen wir das akzeptieren und das Beste daraus machen.

Zurück zu den Veränderungen rund um den Bahnhof. Hier ist viel Wohnraum entstanden, die Bevölkerungszahl hat die 10'000-Grenze geknackt. Ist das Wachstum so verlaufen, wie Sie sich das gewünscht haben?

Was heisst «gewünscht»? Wir bauen nicht selber, wir als Gemeinderat können nur die Rahmenbedingungen setzten. Das haben wir, so gut es ging, getan. Im Moment geht es auf, auch wenn wir gerne mehr Familien und Arbeitsplätze hätten. Aber das können wir nicht erzwingen.

Die vielen kleinen Wohnungen scheinen sehr gefragt.

Das stimmt, und das ist im Moment gut fürs Dorf. Wir sind ein optimaler öV-Punkt, deshalb leuchtet es auch ein, dass am Bahnhof kleinere Wohnungen für Pendler gebaut werden. In Suhr funktioniert das.

Mit welchem Gefühl blicken Sie auf das neue Zentrum beziehungsweise die Verschiebung von der Dorfmitte zum Bahnhof?

Ich bin etwas enttäuscht. Jahrelang hat der Gemeinderat die Eigentümer im alten Zentrum auf das Entstehen des neuen Zentrums hingewiesen, aber passiert ist nichts. Aber man kann Eigentümer zu nichts zwingen. Wenn sie nicht aufrüsten wollen, um für Mieter attraktiv zu bleiben, müssen sie auch nicht. Wir versuchen nun mit unserem Standortmarketing, die beiden Zentren zu verknüpfen. Das ist keine einfache Sache, der Kunde wird entscheiden.

Warum?

Auch das neue Zentrum hat einen Nachteil: Wer bisher auf der einen Seite der Tramstrasse eingekauft hat, kauft nicht unbedingt auch auf der anderen Strassenseite ein. Die Strasse ist eine Barriere, gerade für Velofahrer. Aber ich hoffe, dass beide Zentren funktionieren und sie sich gegenseitig ergänzen.

Fühlen Sie sich eher als Gemeindepräsident oder als Stadtpräsident?

Als Gemeindepräsident, ganz klar.

Was ist Ihnen suspekt an der Stadt? Andere Orte zelebrieren ihren 10'000. Einwohner mit Getöse, in Suhr schreit kein Hahn danach.

Suhr kann keine Konkurrenzstadt werden. Als wir begannen, mit Buchs und Gränichen verstärkt zusammenzuarbeiten, wurde uns vorgeworfen, dass wir eine Gegenstadt aufbauen wollten. Das war nie die Absicht. Wir suchen eine engere Zusammenarbeit, aber Suhr kann keine Stadt sein.

Warum nicht?

Als Stadt hat man Zentrumsfunktionen. Das ist ein Mehraufwand, den wir nicht tragen wollen.

Sie stehen einer Fusion skeptisch gegenüber.

Dem ist so. Wobei ich das relativieren muss. Ich habe drei Anläufe mitgetragen: 2001 das Projekt Regionalstadt Aarau, die Regionale Entwicklungskonferenz, eine eher räumliche Entwicklung, und dann der dritte Prozess, der Zukunftsraum. Hier machen wir mit, obwohl wir eine Spitzengemeinde der Region sind. Wir handeln aus der Position der Stärke heraus und bringen unsere Anliegen ein. Wenn es also dereinst zu einer Fusion kommen sollte, wollen wir auch wissen und mitbestimmen, wie das abläuft.

Was ist die Strategie dahinter?

Bei jeder Fusion gibt es einen Stärkeren und einen Schwächeren. Wenn man nicht auf gleicher Augenhöhe verhandelt, scheitert es. Eine Stadt ist tendenziell immer der stärkere Partner. Aktuell sagen wir in diesem Prozess, was wir wollen, und erfahren, was der Zukunftsraum für Konsequenzen für den Bürger hätte. Jetzt läuft dieser Prozess und es ist der fairste Prozess in diesen 20 Jahren. Parallel dazu wird die verstärkte Zusammenarbeit im aarau regio ausgearbeitet. Dereinst soll der Bürger entscheiden können, was für ihn die bessere Lösung ist.

Wie schwer fällt es Ihnen, während dieses Prozesses aus Ihrem Amt zu scheiden?

Ich kann nicht mehr im Gemeinderat mitreden, aber ich bin noch immer Bürger von Suhr und werde weiterhin meine Argumente einbringen. Ich werde aber sicher nicht gegen den Gemeinderat vorgehen. Das gilt generell, nicht nur für den Zukunftsraum.

Können Sie die Füsse hochlegen?

Der Gedanke daran fällt mir noch etwas schwer, aber ich werde mich daran gewöhnen. Ich habe auch ohne das Amt des Gemeindepräsidenten genug zu tun. Aber das Leben wird anders.

Was hat Sie in Ihrer Amtszeit emotional am meisten getroffen?

Emotional trifft mich am meisten, wenn ich davon überzeugt bin, einen guten Job gemacht zu haben, und dann persönlich angegriffen werde.

Hat das in den letzten 20 Jahren zugenommen?

Ja, massiv. Heute hat jeder recht, gesunder Menschenverstand und Toleranz sind nicht mehr wie vor 20 Jahren. Der Bürger hat zunehmend das Gefühl, er könne alles verlangen, aber nichts geben. Ich nenne das Bedürfnisdemokratie. Das geht oft einher mit persönlichen Angriffen, und diese nerven enorm. Eigentlich habe ich gedacht, ich würde in all der Zeit eine dickere Haut bekommen, aber das Gegenteil ist der Fall. Sie wird immer dünner.

Ist es eine Erleichterung, Ihr Amt abgeben zu dürfen?

Mit jedem Entscheid, den man fällt, schafft man sich einen politischen Gegner. Damit muss man leben. Aber der gehässige Tonfall und die persönlichen Angriffe sind mir in den letzten zwei Jahren tatsächlich an die Nieren gegangen.

Kritik mussten Sie unter anderem für die Keba einstecken. Was würden Sie rückblickend anders machen?

Eigentlich nichts. Was die Projektleitung anbelangt, haben wir gut und im Sinne der Steuerzahler gearbeitet. Wir haben permanent informiert, aber nicht alle haben diese Infos annehmen wollen. Dann wurde es schwierig. Einzelne Anwohner haben das Vertrauen verloren, das Schlimmste, was überhaupt passieren kann. Vertrauen ist das Wesentlichste, was man als Exekutivmitglied haben kann.

Haben Sie das Gefühl, die Suhrer hätten das Vertrauen in Sie verloren?

Nein, das glaube ich nicht.

Andere Stadion-Frage: Das Brügglifeld liegt auf Suhrer Gemeindegebiet. Eigentlich müsste es Sie beelenden, dass Aarau nicht in der Lage ist, ein Stadion zu bauen.

Was den Aarauern gefehlt hat, ist das Sensorium, die gesamte Region für das Stadion zu gewinnen. Als Stadt müsste man sich auf die 100'000 Leute berufen, die in der Region leben, nicht nur auf die 20'000 Aarauer. Dann hätte man es selber und unabhängig von Investoren stemmen können – wenn man sich aufs Wesentliche konzentriert hätte.

Werfen Sie den Aarauern Grössenwahn vor?

Nein, aber die Aarauer können als reiche Stadt auf ein Vermögen und auf hohe Steuererträge zählen. Wir müssen erst jeden Franken umdrehen und schauen, wie man ihn am effizientesten einsetzen kann.

Was läuft bei Ihnen in Suhr besser als andernorts?

Wir handeln langfristig und vorausschauend, sind immer mit dem Bürger im Gespräch und kommunizieren proaktiv. Vor nicht allzu langer Zeit haben uns die Nachbardörfer noch für unser Kinderbetreuungskonzept belächelt, heute fragen sie bei uns an, wie wir das aufgegleist haben. Ein weiterer Punkt ist die Schule. Wir waren 2002 zusammen mit Baden die Ersten, die eine Schulleitung aufgebaut haben. Heute haben wir eine sehr gute Schule und jetzt auch den nötigen Schulraum dazu. Dafür haben wir uns verschulden müssen, aber das wird den anderen Dörfern in den nächsten Jahren nicht anders ergehen.

Eine letzte Frage: Bedauern Sie es, dass es die FDP nicht geschafft hat, einen Nachfolger für Sie aufzubauen?

Ja. Ich habe bereits vor acht Jahren angekündigt, dass ich auf 2014 zurücktreten würde, wenn ein Nachfolger da wäre. Aber es hat nicht sollen sein. Jetzt ist es Zeit, die Verantwortung der jüngeren Generation zu überlassen. Auch der neue Gemeindepräsident wird seine Arbeit gut machen.